Ludwigshafen / Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Geothermie: Müssen Anwohner Angst haben vor den Rüttelfahrzeugen?

„Vibro-Truck“ im Einsatz: Die Fahrzeuge arbeiten mit Hightech und schalten ab, wenn Sensoren in der Umgebung anschlagen, verspre
»Vibro-Truck« im Einsatz: Die Fahrzeuge arbeiten mit Hightech und schalten ab, wenn Sensoren in der Umgebung anschlagen, versprechen die Ingenieure.

Lithium für Batterien, Erdwärme zum Heizen und für die Industrie: Von Geothermie in der Region könnten viele profitieren. Jetzt startet die Suche nach Bohrplätzen.

Worum geht es beim Geothermieprojekt von BASF, Vulcan Energie Ressourcen, Stadtwerken Frankenthal und Technischen Werken Ludwigshafen (TWL)?
Für Vulcan Energie Ressourcen, dem deutschen Ableger des australischen Konzerns Vulcan Energy, geht es um Lithium. Das Metall ist in heißem Tiefenwasser gelöst und wird für Batteriespeicher gebraucht. Für die BASF geht es um Energieeinsparung bei der Gewinnung von Dampf und die Klimabilanz: 300 Megawatt und eine Einsparung von rund 800.000 Tonnen CO2 pro Jahr sind die Größen, mit denen der Konzern rechnet. TWL und Stadtwerke Frankenthal wiederum erhalten Wärme für ein Fernwärmenetz, ausreichend für rund 15.000 Haushalte.

Wie ist der geplante Ablauf?
Zunächst muss der Untergrund untersucht werden. Zweimal rollen dafür Rüttelfahrzeuge durch die Region, einmal in den kommenden Tagen für eine sogenannte 2D-Seismik, zum zweiten im Herbst für eine detailliertere 3D-Seismik. „Mit der 2D-Seismik erfahren wir, wo wir mit der 3D-Seismik nachschauen müssen“, formuliert es Robert Tscheliesnig, Ingenieur bei Geosup, dem Unternehmen, das Vulcan Energie mit der Bodenuntersuchung beauftragt hat. Er vergleicht die Gesteinsschichten mit einem Marmorkuchen, bei dem man wissen will, wo im Inneren die Kakaoschicht auf die Vanille-Schicht trifft – ohne den Kuchen zu zerschneiden. Sein Büro hat Tscheliesnig für das Projekt in Ludwigshafen-Ruchheim bezogen. Dort wird er eine ganze Weile residieren, denn nach den Bodenuntersuchungen müssen erst einmal die Daten ausgewertet werden. Dann werden Bohrstandorte festgelegt, dann kommen Probebohrungen – aber bis dahin werden wohl sechs bis acht Jahre vergehen, schätzt Vulcan-Geschäftsführer Thorsten Weinmann. Zehn bis 15 Millionen Euro könnten die umfassenden Voruntersuchungen kosten, fünf Millionen Euro übernimmt die BASF.

Wann geht die Untersuchung los?
Die Rüttelfahrzeuge werden für die 2D-Seismik am Montag, 24. Februar, loslegen, sagt Weimann. Da die „Vibro-Trucks“ auch in der freien Natur unterwegs sind, muss die im März beginnende Brut- und Setzzeit beachtet werden, eine Schonzeit für die Tierwelt. Vor den Fahrten sollen alle Fragen von Bürgern beantwortet sein, etwa mit Flyern in den Briefkästen der Anwohner an den Routen. Sicherheitshalber schicke man aber auch mit den Rüttelfahrzeugen noch Teams mit auf den Weg, die vor Ort das Vorgehen erklären und Fragen beantworten, so Vulcan.

Wo rütteln die Fahrzeuge und was bedeuten Karten, die man im Internet findet?
Entscheidend für ein gutes Ergebnis der Bodenuntersuchung sei, dass die Rüttelfahrzeuge Messpunkte möglichst exakt auf einer Linie anfahren, so Tscheliesnig. Eine dieser Linien führt auf ziemlich gerader West-Ost-Linie von Bad Dürkheim bis Ludwigshafen, eine weitere im Süden auf gerader Linie von Königsbach/Ruppertsberg durch Ludwigshafen-Mundenheim. Im Norden gibt es eine Messlinie von Weisenheim am Sand bis Pfingstweide und eine von Maxdorf nach Frankenthal-Studernheim. In Nord-Süd-Richtung gibt es eine Messlinie von Dannstadt-Schauernheim bis nördlich von Lambsheim. Der Verlauf der Karten bedeutet nicht, dass die „Vibro-Trucks“ exakt auf dieser Linie fahren müssen. Entlang dieser Linien sind nur die Messpunkte festgelegt, an denen gerüttelt wird. Quert eine Bahntrasse beispielsweise die Route, kann der Truck an einem Punkt vor der Trasse rütteln, bevor er zum nächsten Punkt hinter der Trasse über ganz normale Straßen und Wege außen herum fährt, erklärt Ingenieur Tscheliesnig. Sprich: Wer auf der Karten findet, dass die Linie durch seinen Vorgarten führt, muss sich keine Sorgen machen – der Truck fährt drumherum.

Bei einem Bürgerdialog am Mittwoch in Frankenthal wollten sich etwa 80 Besucher über die Geothermiepläne informieren. Wichtiges
Bei einem Bürgerdialog am Mittwoch in Frankenthal wollten sich etwa 80 Besucher über die Geothermiepläne informieren. Wichtiges Thema: Wer haftet bei Schäden?

Wie gehen die Unternehmen mit Sorgen von Anwohnern um?
In allen Sitzungen der betroffenen Städte, Gemeinden und Ortsteile haben Vertreter von Vulcan und BASF Fragen beantwortet. Zuletzt gab es Infoveranstaltungen im BASF-Feierabendhaus und bei den Stadtwerken Frankenthal. Zudem werden Fragen unter Telefon 0721 48070200 oder E-Mail an seismik@v-er.eu beantwortet. Anwohner kritisierten die Kurzfristigkeit des Vorgehens beim „Bürgerdialog“ im Feierabendhaus. „Ich finde es vor allem wichtig, dass ich als Anwohner ernst genommen werde“, so eine Frau aus Friesenheim, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Eine weitere Anwohnerin aus Edigheim erklärt, sie sei sich nicht sicher, ob auf alle Risiken Rücksicht genommen werde: „Gerade, wenn man sich informiert, hat man gewisse Bedenken.“ In Frankenthal hatten einige Besucher auf gebündelte Informationen in Form eines Vortrags gehofft. Stattdessen wollten die Firmenvertreter nach einer Präsentation im öffentlichen Stadtrat im Januar mit diesem Format nun im Dialog gezielt auf individuelle Fragen eingehen. Dabei ging es am Mittwoch unter anderem um Folgen für das Grundwasser in der Region und die Frage, wie zukunftssicher Geothermie ist. Offen blieb für viele in Frankenthal ein zentrales Anliegen: Was tun, wenn die Gasheizung kaputt geht – und liegt mein Haus überhaupt in dem für Fernwärme vorgesehenen Gebiet? Letzteres ist noch nicht absehbar.

Kann es zu Schäden durch die Trucks kommen?
Diese Frage bewegt viele Bürger. Vulcan betont: Ja, aber man tue alles, das zu verhindern. Falls doch ein Schaden (Risse im Mauerwerk) entstehe, habe man das bislang immer unbürokratisch geregelt. In Mannheim habe es 80 Schadensmeldungen gegeben, fast alles kleinere Risse im Verputz. Alle seien geprüft und reguliert worden. „Wir haben sie alle reguliert, obwohl sie nicht auf Seismik zurückzuführen waren“, so Geschäftsführer Weimann. Drei Fälle seien noch nicht geregelt, da gehe es aber darum, dass Gutachter nicht zu bekommen waren.

Wie will Vulcan überhaupt verhindern, dass es zu Schäden kommt?
Ingenieur Tscheliesnig erklärt: Die über 30 Tonnen schweren „Vibro-Trucks“ rütteln nicht einfach auf dem Boden herum. Die Energie – eine Mitarbeiterin ergänzt: 275 Kilonewton – werde über möglichst großflächige Platten ans Erdreich übertragen. Damit sollen auch Straßen und Wege geschont werden. Die Schwingung bleibe immer unter drei Millimetern – und die Frequenz werde während der rund 60-sekündigen Messung ständig verändert. Damit sollen Resonanzen in den Gebäuden verhindert werden. Resonanz kennen die meisten Menschen, wenn ein Propellerflugzeug am Himmel vorbeizieht und ein Fenster gekippt ist: Wenn der Lärm der Maschine die Resonanzfrequenz des Fensters trifft, beginnt dieses selbst zu dröhnen. An Gebäuden in der Nähe der Trucks werden Messapparate aufgestellt – wenn diese anschlagen, schaltet der Truck augenblicklich ab, so Tscheliesnig.

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