Ludwigshafen
Femizid in der Gartenstadt: Ein Telefonat mit der Mutter – wenig später ist Dilan tot
Abermals haben sich viele Menschen vor dem Landgericht Frankenthal versammelt. Sie tragen das Bild von Dilan am Revers, der am 2. November in der Gartenstadt von ihrem Mann umgebrachten Frau. Die Gruppe besteht zum großen Teil aus Dilans Familie – zwei Tanten aus Ludwigshafen, ein Cousin aus Mutterstadt, eine junge Großcousine aus der Gegend. „Ich hoffe, dass dieser Mensch für immer hinter Gitter wandert“, sagt eine der Tanten. Gemeint ist Umut K., der seine Frau mit 43 Messerstichen getötet haben soll. Im Nebenzimmer schliefen die beiden Kinder, sechs und zehn Jahre alt. Anschließend rief er selbst bei der Polizei an. „Das war ein Schock. Keiner hat das erwartet“, sagt die Tante.
Beim Prozessauftakt sagten die Polizisten aus, die als erste am Tatort waren. Außerdem äußerte der Angeklagte Wahnvorstellungen, unter anderem sei sein Essen im Gefängnis vergiftet worden. Mittlerweile nehme er seine Tabletten, sagt Verteidigerin Angela Combé. Am Donnerstag wurden die nächsten Angehörigen des Opfers befragt: Vater, Mutter und Bruder. Alle leben in Ludwigshafen, die Großeltern kümmern sich um die beiden Enkel. Allen geht Dilans gewaltsamer Tod offensichtlich noch immer sehr nahe. Deswegen werden sie in einem separaten Raum des Landgerichts per Videotelefonie befragt, um nicht auf den Angeklagten im Gerichtssaal zu treffen. Trotzdem brechen den Angehörigen immer wieder die Stimmen weg, es fließen Tränen. „Einem das Kind zu nehmen, ist das Allerschlimmste“, sagt Dilans Mutter anfangs. Nach der Vernehmung bricht sie zusammen.
Familie riet von Heirat ab
Dilan sei schon als Kind wie ein Engel gewesen, sagt die Mutter aus. Seine Schwester habe nie einen Fehler gemacht, sagt der Bruder. Auch der Vater erinnert sich an seine Tochter als an einen durch und durch guten Menschen. Ganz anders wird der Angeklagte charakterisiert. Gegen die Ehe mit Umut K. sei die Familie von Anfang an gewesen. Er stamme aus Istanbul, Dilan habe ihn im Urlaub kennengelernt, erzählt die Mutter. Ihre Tochter habe den Mann gegen das Anraten der Eltern in der Türkei geheiratet, vor 15 Jahren. Nach einigen Monaten sei er dann nach Deutschland gekommen.
Anfangs habe sich der Angeklagte noch ruhig verhalten, die Ehe schien gut zu laufen. Doch schon bald, so erzählen es Mutter, Vater und Bruder, begannen Konflikte in der Partnerschaft. Umut habe Dilan „schlecht behandelt“, sagen alle drei Zeugen. Nach Aussage der Mutter habe der Mann seine Frau durchgängig erniedrigt und beleidigt. Ständig habe es Streit gegeben – vor allem um Geld. Umut habe die letzten Jahre über keinen Job mehr gehabt. Anfangs habe er zeitweise in einem Geschäft der Familie, als Paketausträger oder als Hausmeister gearbeitet. Umut habe großen Neid verspürt – gegenüber allem und jedem, sagt Dilans Bruder. Oft habe der Angeklagte Dilan um Geld gebeten, sagen die Verwandten. Das habe er für Zigaretten, Energy-Drinks oder teils auch für Glücksspiel ausgegeben.
Ehemann äußerte Drohungen
Mit der Zeit sei das Verhalten des Angeklagten immer schlimmer geworden. Der Bruder beschreibt das Wesen von Umut K. generell als „aufbrausend, aggressiv und laut“. Vor einigen Jahren habe er seine Frau mit einem Holzbrett am Kopf verletzt, so schwer, dass sie im Krankenhaus genäht werden musste. Trotzdem sei der Mann nicht ins Gefängnis gekommen, denn Dilan habe sich dafür eingesetzt, dass ihr Ehemann auf freiem Fuß blieb. Sie wolle ihre Familie erhalten und liebe ihn, soll sie als Begründung gesagt haben, erklärt die Mutter. Andere Male soll der Angeklagte seine Frau verflucht und schwer beleidigt haben.
Auch Drohungen soll es gegeben haben – teils brutal: Er werde Dilan „ritzen und schlitzen“, ihre Eltern umbringen oder ihr Haus in Brand setzen. Davon berichteten alle drei Angehörige, doch selbst erlebt haben das wohl nur Dilan oder ihre Mutter. Dem Vater gegenüber soll er sich erkundigt haben, wo er einen Arzt finde, der ihm bescheinige, dass er „verrückt“ sei. „Er hatte Ideen im Kopf, die nicht gestimmt haben“, sagt der Vater, zum Beispiel, dass er sich in die Social-Media-Plattform Tiktok gehackt hätte und bald reich werde.
Umut K. habe außerdem Frauen auf der Straße hinterhergerufen, teils im Beisein von Dilan, und auf Tiktok nach einer Partnerin gesucht, erzählt die Familie. Er habe sich auch mit KI-generierten Fotos im Internet als wohlhabend dargestellt, sagt der Bruder aus. Etwa einen Monat vor ihrem Tod sollen von Umut K. Vorwürfe geäußert worden sein, Dilan würde heimlich Geld verschicken und hätte eine Affäre mit ihrem Cousin. Die ganze Familie verneint diese Vorwürfe.
Scheidungstermin abgesagt
Dilan soll laut ihrer Familie über eine Scheidung zumindest nachgedacht haben. Forciert hatten das Thema anscheinend auch Bruder und Vater. Letzterer hatte dafür für Ende Oktober bereits einen Termin bei einem Anwalt organisiert. Doch am dafür vorgesehenen Tag wurde der Termin abgesagt. Dilan hätte sich mit ihrem Mann wieder versöhnt, nachdem er sich entschuldigt hätte, sagt der Bruder.
Doch Angst scheint Dilan trotzdem gehabt zu haben. Sechs Tage vor der Tat hat sie ihrer Mutter zwei Audiodateien geschickt, wohl mit dem Zweck, sie der Polizei zukommen zu lassen, falls ihr etwas passiere. Eine davon wird im Gerichtssaal vorgespielt. Es ist eine Aufnahme eines Streits während einer Autofahrt, auf Türkisch, heimlich aufgenommen, die Kinder sind mit dabei. Laut Übersetzung hört man, wie Umut seiner Frau Vorwürfe macht: Sie sei eine Betrügerin, halte Geld zurück, wolle sich von ihm trennen. Dilan sagt, sie hätte Beweise, dass dem nicht so sei, die Umut K. aber nicht anerkennen wolle. Notfalls wolle sie das gerichtlich klären lassen. Dann fährt Umut anscheinend gefährlich Auto. Die Situation eskaliert. Dilan ruft laut um Hilfe. Die Kinder haben offensichtlich Angst, die Mutter versucht, sie zu trösten. Umut redet sich in Rage und macht weiter Vorwürfe. Von wann die Aufnahme stammt, bleibt unklar. Der Angeklagte hört der Aufnahme still zu, mit hängendem Kopf. Das ist die größte Regung, die er an diesem Tag zeigt.
Ein letzter Tee mit den Eltern
Die Eltern erinnern sich auch an den letzten Tag, an dem sie Dilan gesehen haben. Es ist der 2. November – ihr Todestag. Die Familie war zum Tee im Haus der Großeltern zusammengekommen. Eigentlich sei alles normal gewesen. Nur Umut K. habe sich seltsam verhalten. Er habe seine Jacke nicht ausgezogen, habe sich abseits von allen gesetzt, und die Mütze tief ins Gesicht gezogen gehabt, sagt Dilans Mutter. Außerdem habe er „schmutzig gegrinst“ und vor sich hin gelacht. Letzteres bestätigen Vater und Bruder. Umut geht etwas früher, telefoniert vor der Tür mit einem Unbekannten. Danach steigt die Familie ins Auto, holt noch Abendessen in einem McDonalds-Schnellrestaurant. Als Dilan zu Hause ist, ruft sie noch mal ihre Mutter an – weil die Mutter Angst hatte, dass ihrer Tochter etwas passieren würde, sagt der Vater. Wenige Stunden später wird Dilan nicht mehr leben.
Am 24. Juni geht der Prozess weiter. Unter anderem mit der Kriminaltechnik, der Vernehmung des Notarztes und dem Cousin, mit dem Dilan den Vorwürfen ihres Mannes zufolge angeblich eine Affäre gehabt haben soll.