Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Feldhamster: Wie die Stadt die Art erhält

Zehn Hamster wurden auf einem Acker ausgewildert – nicht alle werden überleben.
Zehn Hamster wurden auf einem Acker ausgewildert – nicht alle werden überleben.

In tropischen Wäldern und eisigen Polarregionen sind Tiere vom Aussterben bedroht – aber auch direkt vor unserer Haustür verschwinden immer mehr Arten. Eine davon ist der Feldhamster. Die Stadt Mannheim und das Regierungspräsidium Karlsruhe kämpfen seit einigen Jahren um den Fortbestand der Dickbacken. Pro Jahr werden 180 Tiere ausgewildert.

Der putzig aussehende Nager ist eines der vielen Opfer von intensiver Nutzung landwirtschaftlicher Flächen. Eine drastische Beschneidung der Lebensräume hat die Bestandszahlen der Hamster drastisch gesenkt. Heute leben nach Schätzungen des Naturschutzbundes höchsten noch 50.000 dieser munteren Gesellen frei in Deutschland. Der gezüchtete Goldhamster übrigens, den manche für ihre Kinder als Geschenk kaufen, ist ein Fluchttier und für den Käfig und zum Streicheln eigentlich völlig ungeeignet.

Hohe Kosten

Stolze 180.000 Euro geben die Steuerzahler wieder für die Operation „Hamsterrettung“ aus. Insgesamt 180 Tiere aus der Zuchtstation im Heidelberger Zoo werden dafür in diesem Jahr ausgewildert. Zehn davon wurden jetzt unter Mithilfe von Umweltbürgermeisterin Diana Pretzell (Grüne) im kleinen Weiler Straßenheim in die Freiheit entlassen.

Der hoch erscheinende Preis für das Überleben der stark bedrohten Tierart setzt sich aus den Kosten für das Aufzuchtprojekt des „Hamsterpapstes“ Ulrich Weinhold in Heidelberg und dem finanziellen Ausgleich für Landwirte zusammen, die ihre Felder für die neuen Kolonien zur Verfügung stellen. Die Bauern müssen garantieren, dort keine Pflanzenschutzmittel zu verwenden und einen breiten Streifen Getreiderest nach der Ernte als Wintervorrat für die 35 Zentimeter großen Aussiedler stehenzulassen.

Irgendwann soll sich die Hamsterpopulation auch ohne jährliche Neuansiedlung vergrößern. Bis dahin versucht Weinhold mit seinem Artenhilfsprogramm die Existenz der rot-braun-weißen Säugetiere mit den Knopfaugen zu sichern. Aber Rückschläge bleiben nicht aus. Zu heiße Sommer, zu kalte Winter oder Vögel beispielsweise dezimieren den Bestand. Bisweilen überlebt nur eine Handvoll der ausgesetzten Fellknäuel die ersten Tage in der ungewohnten Umgebung.

Schon in Hessen gesichtet

Wer es geschafft hat, bleibt nicht unbedingt vor Ort. „Mannheimer Feldhamster“, die gechippt sind und geortet werden können, wurden schon auf hessischen Äckern gesichtet. Wie viele der Tiere, die jetzt wieder aus dem Boxen springen durften, länger am Leben bleiben, weiß kein Experte so genau. „Die ersten Stunden sind kritisch. Je länger sie am Tag im Erdloch verharren, desto größer die Chance der nachtaktiven Geschöpfe“, sagt der Fachmann. Dennoch ist klar, dass nicht alle diesen Kampf gewinnen. Ihre Lebenszeit ist ohnehin auf wenige Jahre begrenzt. Da aber drei Würfe im Jahr möglich sind, sind die Aussichten auf eine dauerhafte Ansiedlung nicht schlecht.

„Ich freue mich jedes Jahr auf die Auswilderung dieser sympathischen Tierart. Mit der Wiederansiedlung wollen wir langfristig einen überlebensfähigen Tierbestand etablieren. Dabei sind wir zwar auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel“, sagt die Umweltdezernentin. In Mannheim bewirtschaften mehrere Landwirte ihre Ackerflächen feldhamstergerecht, sodass die Tiere dort einen geeigneten Lebensraum finden.

143 Bauten entdeckt

Im Jahr 2023 wurden nach Angaben der Stadt Mannheim insgesamt über 430 Hektar Gelände im Auftrag der Kommune kartiert, mit dem Ergebnis: 134 besiedelte Hamsterbauten wurden dabei entdeckt, die wohl die höchste Populationsdichte in Deutschland. Bei der jüngsten Aktion im Weiler Straßenheim, der zum Stadtteil Wallstadt gehört, haben sich natürliche Feinde der Burschen und Mädels mit den scharfen Schneidezähnen bereits in Sichtweite in Stellung gebracht: Störche aus dem Luisenpark. Gegen die nützt auch ein Elektrozaun um die Wiederansiedlungsflächen nichts, gegen Füchse und Hunde freilich schon.

Die Feldhamster sind in die Annalen der Mannheimer Stadtgeschichte eingegangen. Kurz nach der Jahrtausendwende haben 92 den Bau der SAP-Arena auf dem Gebiet Bösfeld lange verhindert. Weil die bedrohte Tierart genau dort lebte, wo die Eventhalle geplant war, musste die Arena schließlich an anderer Stelle gebaut werden. Diese Generation der „Ökorebellen“ mit den dicken Backen ist längst gestorben – aber das Artenschutzprogramm ist geblieben.

Die Hamster werden im Heidelberger Zoo aufgezogen.
Die Hamster werden im Heidelberger Zoo aufgezogen.
Ab in die Freiheit.
Ab in die Freiheit.
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