Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Entlastungspaket: Sozialverband VdK vermisst großen Wurf

Die Einmalzahlung für Rentner greift aus VdK-Sicht zu kurz.
Die Einmalzahlung für Rentner greift aus VdK-Sicht zu kurz.

Nervös ist VdK-Kreisverbandsvorsitzender Uwe Bentz nicht. Aber der Sprecher des Sozialverbands hat erhebliche Bedenken, dass das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung die wachsenden sozialen Spannungen dauerhaft befrieden wird. Mit Andreas Lang sprach der 65-Jährige darüber, wie heiß der Herbst werden könnte.

Herr Bentz, Mitarbeiter von Verbraucherzentralen werden geschult, mit Suizidankündigungen von Besuchern umzugehen, die befürchten, finanziell nicht über den Winter zu kommen. Geht der VdK auch schon so weit und bereitet seine Mitarbeiter in der Geschäftsstelle in der Bismarckstraße auf solch prekäre Gespräche vor?
So dramatisch stellt sich uns die Krise noch nicht dar. Auch wir agieren aber von Tag zu Tag, wissen nicht, welche Hiobsbotschaft uns morgen als nächste erreichen wird.

Mit dem Entlastungspaket verbreitete der Kanzler eine vermeintliche beruhigende Botschaft: Vernachlässigte soziale Gruppen werden doch noch bedacht. Wie sehr hat Sie als deren Interessenvertreter der Strauß an Komponenten beruhigt?
Grundsätzlich ist das alles zu begrüßen. Aber ein Schutzschirm nützt nichts, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.

Eine zentrale Forderung des VdK für eine relevante Klientel ist erfüllt worden: eine Einmalzahlung auch für Rentner.
Die ist genauso erfreulich wie die weiteren Komponenten vom höheren Bürgergeld bis hin zum Kindergeld. Was letztlich zur sozialen Gerechtigkeit beiträgt, weil damit nachgeholt wird, was bisher schlichtweg vergessen worden ist. Aber auch diese Nachbesserungen greifen zu kurz.

Warum?
Weil sie immer noch zu viele Bedürftige außer Acht lässt. Zum Beispiel pflegende Angehörige, die durch die bisherigen Raster fallen. Dieses Entlastungspaket hat die Wirkung eines Wundverbands, der auf eine klaffende Wunde gelegt wird. Klüger wäre es, die Stolperfallen zu beseitigen, die zu dieser ernsthaften Verletzung geführt haben.

Ihnen fehlt also eine vorausschauende Sozialpolitik in der Krise?
Jammern über den Schmerz hilft nicht weiter. Wir sollten so langsam wegkommen von der isolierten Gewichtung von Einzelinteressen hin zu einer Gesamtbetrachtung. Angesichts der enormen ökonomischen Herausforderung, vor der wir stehen, sollte der Staat nicht länger von oben möglichst breit verteilen, sondern grundsätzlich mehr forcieren, was von unten nach oben wirkt.

Die Krise als Chance für eine grundlegende Sozialreform?
Durchaus. Was ist denn mit denen, die zu alt und gesundheitlich zu eingeschränkt sind, um bis zum gesetzlichen Rentenalter durchzuhalten – und jetzt noch mehr ökonomischen Druck verspüren, das dennoch tun zu müssen? Soforthilfen, wie sie in diesem Entlastungspaket ausgefächert werden, sind notwendig, aber nicht ausreichend.

Solche Hilfen zahlt ja jetzt nicht nur der Staat aus, sie werden beispielsweise auch von den Lebensmittelausgabestellen der Tafeln geleistet.
So ehrenwert deren Arbeit ist: Nach der reinen Sozialstaatslehre gehörten sie abgeschafft. Daseinsfürsorge, erst recht auf dem Existenzminimum, ist Aufgabe des Staates und nicht einer Wohltätigkeitsorganisation.

Sind die angekündigten Hilfen nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Sie sind ja noch nicht mal auf dem Konto eingegangen – während die Abbuchungen anwachsen. Wie lange reichen die Einmalzahlungen denn, um die Preissteigerungen in den Lebensmittelregalen oder an der Zapfsäule auszugleichen? Bei einer Nachfolgeregelung für das Neun-Euro-Ticket wäre es zum Beispiel mutig gewesen, nicht auf die Co-Finanzierung durch die Länder und Kommunen zu warten, sondern voranzupreschen.

Wie dringend sind die Hilferufe, die Sie jetzt schon von VdK-Mitgliedern erreichen?
Sie nehmen noch keine dramatischen Ausmaße an. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, dass Mieter ihre Jahresabrechnungen noch nicht in Händen halten und noch keine genauere Vorstellung von der Höhe von Nachzahlungen haben.

Wie bereitet sich der VdK auf eine sich zuspitzende Lage vor?
Indem wir auf allen politischen Ebenen sensibilisieren. Und indem wir Sorgen und Nöte aufnehmen, zuhören und alternative Wege aufzeigen.

VdK-Kreisvorsitzender Uwe Bentz (rechts) in der Geschäftsstelle.
VdK-Kreisvorsitzender Uwe Bentz (rechts) in der Geschäftsstelle.

Das tut der Sozialverband, der neuerdings unter dem Etikett VdK Vorderpfalz firmiert, seit über 50 Jahren, genauer seit 1970. Warum jetzt die Umbenennung?
Dem liegen ausschließlich strategische Überlegungen zugrunde. Wir bleiben de facto weiter zuständig für Mitglieder zwischen Bobenheim-Roxheim im Norden und Sondernheim im Süden.

Mit aktuell 13.000 Mitgliedern wächst der VdK konstant. Ein gutes Zeichen?
Wie man’s nimmt. Natürlich freut uns das Interesse und das Wachstum von anfangs 9000 auf heute 13.000 Mitglieder. Dieser Trend ist aber Ausdruck einer zunehmenden sozialen Kälte in unserem Land. Er dokumentiert den Beratungsbedarf, den sozial Schwache angesichts der verschärften Sozialgesetzgebung haben. Den zweitstärksten Block nach den Rentnern stellen Menschen am Ende ihres Arbeitslebens, also zwischen Mitte 50 und Mitte 60.

Wie gut ist der Draht zu kommunalen Behörden?
Er war schon mal besser. Ganz praktisch haben wir derzeit in vielen Städten und Gemeinden Schwierigkeiten, Örtlichkeiten für Zusammenkünfte zu bekommen. Seniorenheime fallen vernünftigerweise immer noch weg. Vor der Pandemie standen die Türen von Rathäusern oder kommunalen Einrichtungen weiter offen. In Frankenthal oder Speyer haben wir da echte Probleme, fühlen uns stiefmütterlich behandelt. Anstatt mit einem Sozialverband wie uns zu kooperieren, schließen sich da unerklärlicherweise eher Türen.

Angesichts all dieser Herausforderungen: Wie gelassen gehen Sie in diesen Herbst?
Schimpfen und klagen hilft jedenfalls nicht weiter. Angst ist kein guter Ratgeber. Aber ängstlich war der VdK Vorderpfalz noch nie.

Zur Person

Uwe Bentz (65) ist seit sechs Jahren Vorsitzender des VdK-Kreisverbands Vorderpfalz und seit 2004 Vorsitzender des Ortsverbands Limburgerhof. Seit 15 Jahren ist er überdies ehrenamtlicher Sozialrichter. In der VdK-Geschäftsstelle in der Bismarckstraße sind sieben Mitarbeiter beschäftigt, zwei davon in Teilzeit. Sie betreuen fast 13.000 Mitglieder.

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