Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Historiker Klaus Jürgen Becker zur Chronik über Mundenheim

Stadtarchivar Klaus Jürgen Becker.
Stadtarchivar Klaus Jürgen Becker.

Zweieinhalb Jahre lang haben Stadtarchivar Klaus Jürgen Becker und ein Förderverein an der Chronik „1250 Jahre Mundenheim“ gearbeitet. Das Zusammenleben im Dorf stand dabei für den Historiker im Mittelpunkt. Im Interview erzählt er, dass die Mundenheimer gute Verhandler sind und gerade wieder Goldene Jahre erleben.

Herr Becker, was hat Sie bei der Arbeit an der Chronik „1250 Jahre Mundenheim“ am meisten überrascht?
Das ist eine sehr gute Frage. Es hat sich gezeigt, dass es immer schwierig ist, über einen Stadtteil zu schreiben, weil ein Stadtteil schnell in der größeren Gemeinde untergeht. Man muss immer bewerten, was ist tatsächlich Mundenheimer und was ist Ludwigshafener Geschichte. Es ist ziemlich kompliziert, das aus der Fülle der Akten, Tageszeitungen oder auch Wahlergebnisse zu identifizieren. Außerdem sind tatsächliche Schriften- und Zeitungsüberlieferungen erst vorhanden, seitdem Mundenheim schon ein Stadtteil von Ludwigshafen war. Das Quellenstudium ist vor diesem Hintergrund bei einem Stadtteil wesentlich umfangreicher als bei einer Gemeinde. Man muss außerdem immer zunächst beurteilen, ob ein Ereignis für den Stadtteil wirklich relevant ist oder nicht.

Können Sie mal ein Beispiel nennen?
Ja, zum Beispiel der Luitpoldhafen. Er wurde auf Mundenheimer Gemarkung erbaut und fertiggestellt, als Mundenheim noch kein Stadtteil von Ludwigshafen war. Aber der Hafen ist ausschließlich von der Stadt Ludwigshafen gebaut worden. Die Mundenheimer hatten darauf keinen Einfluss. Mundenheim war nie involviert. Da muss man sich dann als Historiker entscheiden, ob man das in eine Chronik einfließen lässt.

Gibt es ein historisches Ereignis, das Sie bei Ihrer Arbeit besonders überrascht hat?
Nein, denn ich arbeite ja schon ziemlich lange am Thema Mundenheim, zum Beispiel für Bildbände und ähnliches. Aber ich fand es sehr spannend, dass es in Mundenheim einen großen Bedarf an Selbstständigkeit gegeben hat und dass bis zum Jahr 1899 immer wieder Versuche unternommen worden sind, etwa mit dem Bau einer Schule oder eines Elektrizitätswerks, die Eigenständigkeit zu unterstreichen. Aber das waren eigentlich schon keine ernst gemeinten Schritte mehr. Es ging vielmehr darum, bei den Verhandlungen mit Ludwigshafen gute Konditionen für Mundenheim zu schaffen. Die Mundenheimer haben hoch gepokert bei den Eingemeindungsverhandlungen. Das haben sie sehr erfolgreich gemacht.

Die Mundenheimer sind ein eigensinniges Volk?
Ja. Die Mundenheimer sind gute Verhandler. Im Jahr 1899 wussten die Mundenheimer, dass sie Ludwigshafen beitreten mussten, weil sie zu diesem Zeitpunkt die besten Konditionen ausgehandelt hatten. Sie wussten: Danach wird es immer schlechter. Deshalb gab es in Mundenheim keinen Widerspruch gegen die Eingemeindung, während es in Friesenheim darüber durchaus Gemeckere gab.

Die Friesenheimer waren die ersten, die eingemeindet wurden?
Ja, bereits 1892 zu im Vergleich schlechteren Konditionen.

Warum konnten die Mundenheimer besser verhandeln als die Friesenheimer?
Mundenheim liegt am Rhein, das ist ein Filetstück für die weitere industrielle Entwicklung. Friesenheim liegt zwar nahe an der BASF, die war aber schon da. Alles, was der Stadt noch mehr Steuereinnahmen gebracht hat, das gab es eher in Mundenheim. Für die Mundenheimer war es andererseits interessant, großstädtisch zu werden. Wenn die Gemeinde selbstständig geblieben wäre, wären viele Einwohner sicher einfach weggezogen.

Zu welcher Zeit war das Leben in Mundenheim besonders schwer?
Das ist relativ einfach zu beantworten: Am schwierigsten war die Umbruchperiode von der Reformation bis zum Ende des Pfälzischen Erbfolgekriegs 1697. Sowohl im Bauernkrieg als auch im 30-jährigen Krieg und im Pfälzischen Erbfolgekrieg zogen immer wieder Heere durch und zerstörten den Ort. Das heißt, die Bevölkerung musste wegziehen, anders unterkommen. Wenn sie Glück hatte, konnte sie wieder zurückkommen. Das waren vor allem jene 100 Jahre zwischen 1618 und kurz nach 1700. Davon waren mehrere Generationen betroffen. Der Zweite Weltkrieg war natürlich auch ganz schrecklich. Aber da reden wir tatsächlich von zwei Jahren zwischen 1943 und 1945. Das ist eine relativ kurze Phase.

Welche Ära würden Sie als Goldene Jahre bezeichnen?
Historisch betrachtet, ist das die Gegenwart. Trotzdem haben wir eine Gegenwartskrise. Mundenheim war einmal wie Maudach ein stark katholisches Dorf. Heute sind wir in Mundenheim in einer laizistischen bunten Gesellschaft. Materiell, von der Versorgung und vom Gesundheitswesen her, geht es uns sehr gut. Aber ich glaube, dass die Menschen mental nach der Eingemeindung zwischen 1899 und 1914 auch relativ zufrieden waren. Das zeigen die Kerwebilder aus dieser Zeit. Sie hatten nicht so viele Kaufzwänge wie wir heute, und die Zeit war nicht so schnelllebig. Das Leben war überschaubarer, und der gesellschaftliche Zusammenhalt war größer als heute. Der nachbarschaftliche Zusammenhalt war ein ganz anderer, die gesellschaftliche Sozialfürsorge. Anonymität gab es in dem pfälzischen Rheindorf damals nicht. Da wusste jeder über jeden Bescheid. Das gab soziale Sicherheit, die wir heute nicht mehr haben.

Welche Persönlichkeiten in der Geschichte Mundenheims haben Sie besonders beeindruckt?
Da gibt es einige. Zum Beispiel den Malermeister August Heller, der sich als katholischer Zentrumspolitiker in der Weimarer Republik engagiert hat und der unter dem Nationalsozialismus gelitten hat. Oder auch Paul Liebel, ein engagierter Gewerkschaftsmensch, der ins Konzentrationslager deportiert wurde. Das war mir wichtig, diese Menschen herauszustellen.

Was sollte man sich bei einem Stadtteilspaziergang in Mundenheim unbedingt ansehen?
Das Hofgut und den Zedtwitzplatz, denn das ist wirklich noch authentisches Mundenheim. Dann würde ich zum alten Bahnhof gehen und zum Dieterle-Platz vor dem Bunker. Auch den thailändischen Tempel sollte man sich ansehen: Wer hat so etwas? Ich finde es in Mundenheim spannend, dass es viele historische Filetstücke gibt, aber auch interessantes Neuzeitliches.

Was wünschen Sie den Mundenheimern zu Ihrem 1250. Jubiläum?
Anlässlich des Jubiläums ist ein Förderverein gegründet worden und es gibt ein selbstbewusstes Karnevalsleben im Stadtteil. Dieses beispielhafte Engagement der Menschen ist wichtig für den Zusammenhalt. Die Vereine sollten in der Grundstruktur erhalten bleiben, auch wenn einiges bereits zusammengelegt werden musste. Für die Mundenheimer Identität spielt das eine wichtige Rolle.

Das Buch

Die Chronik „1250 Jahre Mundenheim“ ist im Llux-Verlag erschienen. Der 48. Band der Veröffentlichungen des Stadtarchivs kostet 12,50 Euro. Das Buch ist im Ortsvorsteherbüro in Mundenheim, im Ludwigshafener Stadtarchiv und im Buchhandel erhältlich.

Viele Bilder und Geschichten versammelt die Chronik auf mehr als 300 Seiten.
Viele Bilder und Geschichten versammelt die Chronik auf mehr als 300 Seiten.
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