Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Das große Krabbeln: Warum ein Rheingönheimer wegen Ameisen fast verzweifelt

Eine invasive Ameisenart breitet sich in Rheingönheim aus. Ein Anwohner verzweifelt fast.
Eine invasive Ameisenart breitet sich in Rheingönheim aus. Ein Anwohner verzweifelt fast.

Von einem massiven Ameisen-Befall in Rheingönheim berichtet Thomas Brauner. Er fühlt sich im Stich gelassen von der Stadt und der Wohnungsbaugesellschaft GAG. Worum geht es?

Es soll Menschen geben, die sich Ameisen in Terrarien halten und den Tieren beim Nestbau zuschauen. Thomas Brauner gehört nicht zu diesen Insektenfreunden. Er braucht aber auch kein Terrarium – die Ameisen sind schon längst da. Und zwar überall. „Es breitet sich aus, die kommen in die Gärten, dann sind sie im Haus“, berichtet er. Seine Erlebnisse fasst er in einem Wort zusammen: „Horror.“

Angefangen habe es vor Jahren, sagt Brauner. Er ist sich auch sicher, dass es sich um eine invasive Ameisenart handelt, um Tapinoma magnum oder Tapinoma nigerrimum. Beide Ameisenarten sind berüchtigt, weil sie praktisch keinen Winterschlaf halten. Ihr massenhaftes Auftreten verursacht regelmäßig Probleme, beispielsweise in Kehl oder in Offenburg. Die betroffenen Städte verzeichnen Bauschäden und haben Alarm geschlagen. Auch in Landau, Germersheim und im Rhein-Pfalz-Kreis ist man besorgt, weil erste Vorkommen der Ameisenart festgestellt wurden.

Brauner verweist auf ein Gutachten, das ihm vorliegt und das er an die Redaktion geschickt hat. Darin erklärt ein Experte des Staatlichen Museums für Naturkunde in Görlitz: „Bei den Ameisen, die Sie uns zur Bestimmung überlassen haben, handelt es sich um zwei Arbeiterinnen aus dem Tapinoma-nigerrimum-Komplex. (...) Es gibt mehrere ähnliche Arten in diesem Komplex, von denen einige Arten Superkolonien bilden.“

„Die kommen in die Gärten, dann sind sie im Haus“

„Seit etwa vier Jahren beobachten wir im Bereich Hoher Weg und Luitpoldhain eine zunehmende Verbreitung dieser invasiven Art“, sagt Brauner. Er sei ja nicht allein betroffen. Auch die Nachbarn kämpften mit der Invasion der Tiere, die sich unter einem Parkplatz eines der Wohngebäude der Wohnbaugesellschaft GAG breit gemacht hätten. Brauner: „Die befallene Fläche beträgt mittlerweile rund 25.000 Quadratmeter.“ Und sein Garten sowie die Gärten mehrerer Nachbarn grenzen genau an dieses Areal an.

Die Tiere eines Nestes können innerhalb weniger Jahre tonnenweise Sand bewegen.
Die Tiere eines Nestes können innerhalb weniger Jahre tonnenweise Sand bewegen.

Der Rheingönheimer hat sich informiert: „Tapinoma magnum bildet sogenannte Superkolonien, verdrängt heimische Arten, unterwandert Gärten, Straßen und Gehwege und führt nachweislich zu strukturellen Schäden – wie sie inzwischen auch sichtbar und dokumentiert vor Ort auftreten. Die Entwicklung ist nicht gestoppt – im Gegenteil: Der Befall schreitet weiter voran.“ Nach eigenem Bekunden hat Brauner bereits viel Geld in die Hand genommen. Zum einen habe er sein Haus regelrecht abdichten lassen, nachdem die Ameisen zuletzt überall waren.

Brauner beklagt hohe Kosten

„Wir mussten das Haus von außen abdichten lassen mit einem Spezial-Polymer“, sagt er. Ein Tipp aus dem Nähkästchen: „Ich hab hier einen 40-Kilo-Eimer Vaseline stehen.“ Die Schmiere verteilt Brauner regelmäßig auf den Ameisenstraßen, denn: „Das ist ein Erdölprodukt, und die Ameisen reagieren darauf, das mögen sie nicht.“ Ansonsten setzt Brauner auf Chemie: Ein Spezialmittel kauft er tubenweise. Preis pro Packung: 250 bis 270 Euro. Allein seinen Schaden beziffert er auf rund 25.000 Euro. Aber: Allein gegen Ameisen zu kämpfen, ist aussichtslos. Stirbt ein Nest ab, wird sofort ein neuer Staat gegründet. Brauner hofft auf Hilfe und hat sich deshalb an Stadt und Wohnungsbaugesellschaft gewendet.

Nestbau auf Ameisenart: Die kleinen Krabbler bewegen viel.
Nestbau auf Ameisenart: Die kleinen Krabbler bewegen viel.

„Im Oktober 2023 erhielt die GAG Ludwigshafen eine Mitteilung über eine mögliche Ameisenproblematik auf einem Grundstück am Hohen Weg. Daraufhin wurde eine Fachfirma für Schädlingsbekämpfung mit der Prüfung der Situation beauftragt“, teilt eine Pressesprecherin der GAG auf Anfrage mit. Sie bestätigt auch, dass die Bestimmung der Ameisen ergab, dass es sich „um eine weltweit verbreitete Art handelt, die vornehmlich im Mittelmeerraum vorkommt, jedoch gelegentlich auch in mitteleuropäische Städte eingeschleppt wird. Diese Art zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie keinen Winterschlaf hält und bereits bei Temperaturen ab 6 Grad Celsius aktiv bleibt“. Sie verweist auf das Gutachten des Staatlichen Museums für Naturkunde Görlitz, von dem auch Brauner Kenntnis hat.

GAG zeigt sich kooperativ

„Im Anschluss ließ die GAG ein Angebot zur Bekämpfung durch eine spezialisierte Fachfirma einholen. Eine der vorgeschlagenen Methoden, das sogenannte Heißwasser-Schaumverfahren, wurde von der Firma als wenig erfolgversprechend eingestuft. Eine dauerhafte Beseitigung könne mit dieser Methode nicht garantiert werden; lediglich eine Eindämmung sei realistisch“, heißt es seitens der GAG. Umgehört habe man sich auch in Limburgerhof, wo diese Methode bereits angewendet wurde. Allerdings sei nur von „begrenztem Erfolg“ berichtet worden.

Man kann der Wohnungsbaugesellschaft tatsächlich nicht vorwerfen, nichts in der Sache getan zu haben: „Um das weitere Vorgehen abzustimmen, wurde Kontakt mit der Stadtverwaltung Ludwigshafen aufgenommen“, heißt es in der Stellungnahme der GAG-Pressesprecherin. So sei der Naturschutzbeauftragte der Stadt eingeschaltet worden – und bescheinigte: „Laut seiner Einschätzung gibt es im Außenbereich vielerorts natürliche Brutstätten dieser Ameisenart. Eine gezielte Bekämpfung im Freien sei grundsätzlich nicht möglich und nur dann zulässig, wenn eine direkte Belästigung in Wohnräumen nachgewiesen werde.“ Tatsächlich gebe es aufseiten der GAG keine Schäden an den Wohnblocks oder dem Parkplatz durch die Ameisen, die man zum jetzigen Zeitpunkt feststellen könnte. Immerhin verspricht man: „Die GAG Ludwigshafen wird die Situation weiterhin beobachten.“

Was die Schäden angeht, widerspricht Anwohner Thomas Brauner. Die Knochensteine auf dem Parkplatz seien inzwischen locker, überall liege der sandige Auswurf der Ameisen aus ihren unterirdischen Bauten. Zur Einordnung: Laut Wikipedia kann ein einziges Ameisennest innerhalb von sechs Jahren 40 Tonnen Sand bewegen. Brauner hat auch Videos von den Ameisenstraßen gemacht, die sehr eindrücklich zeigen, wie aggressiv die Tiere reagieren, wenn ihre Wege auf dem Parkplatz gestört werden. An sonnigen Tagen sieht der Platz zudem wie eine Marslandschaft aus, so viel Sand wurde zu unzähligen Hügeln angehäuft.

Stadt will von nichts wissen

Dass Ameisen Schäden verursachen können, sieht man auch bei der Stadt. Ein Pressesprecher erklärt: „Allgemein können Ameisen dieser Art unter bestimmten Bedingungen Auswirkungen auf die heimische Insektenfauna haben oder bauliche Strukturen beeinträchtigen, insbesondere in Pflasterfugen oder an Gebäuden.“ Generell hält man sich sehr damit auf, welche Ameisenart feststellbar sei: „Im vergangenen Jahr gab es in LU-Oggersheim ein vermehrtes Auftreten von Ameisen. Von dort wurden einzelne Individuen zur Bestimmung eingefangen und eingeschickt. Das Ergebnis ergab jedoch keine Nachweise für Ameisen der Art Tapinoma magna.“

Einigermaßen bizarr mutet schließlich die Auskunft an, man habe noch nie vom Vorkommen der Ameisen in Rheingönheim im Bereich Hoher Weg/Luitpoldhain gehört. Obwohl der städtische Naturschutzbeauftragte angefordert wurde, sich die Situation vor Ort anzuschauen. In der Stellungnahme heißt es weiter: „Es ist wichtig zu betonen, dass Tapinoma nigerrimum derzeit nicht offiziell als invasive Art eingestuft ist. Zudem ist eine eindeutige Bestimmung nur durch fachliche Untersuchung möglich.“ Das Gutachten aus Görlitz, das der ameisengeplagte Anwohner Brauner auch an die Stadt geschickt haben will, wird nicht erwähnt.

Thomas Brauner ist entsetzt

Seitens der Stadtverwaltung hält man zudem fest: „Grundsätzlich liegt die Verantwortung für Maßnahmen gegen Ameisenbefall auf Privatgrundstücken nicht bei der Stadt. Sollte es jedoch zu Problemen kommen, unterstützen wir gerne bei der Kontaktvermittlung zu professionellen Schädlingsbekämpfern oder bei der Auswahl geeigneter Mittel zur Bekämpfung.“ Man stellt auch klar: „Weitergehende Maßnahmen unsererseits sind jedoch nicht vorgesehen.“

Der Rheingönheimer Thomas Brauner sitzt derweil weiter in seinem Alptraum fest. „Ein Leugnen oder Abstreiten der Existenz des Gutachtens durch die Stadt ist ausgeschlossen“, sagt er und klingt fassungslos. „Alle Beteiligten waren frühzeitig im Verteiler beziehungsweise in der Kommunikation beteiligt und kannten die Situation detailliert. Es ist ein Desaster – die sind doch alle involviert.“ Er will jedenfalls weiter auf das Problem aufmerksam machen und hofft auf Unterstützung. Oder dass ein Zeichen geschieht: „Die haben auch massiv einen Stromkasten befallen. Wir warten nur, dass es einen Stromausfall gibt“, sagt er.

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