Ludwigshafen
Ausbildung: Selbst die BASF stößt an ihre Grenzen
„Noch 200 Plätze frei“ – unübersehbar wirbt die BASF auf Ludwigshafens Straßen um Auszubildende für den Start des aktuellen Ausbildungsjahres am 1. September. „Das ist leider eine aktuelle Zahl, wenn auch nicht mehr für alle Berufsgruppen“, sagt Daniela Kalweit. Selbst der größte Arbeitgeber hat demnach Probleme, genügend Bewerber zu finden. Kein Einzelfall, erklärt die Leiterin des BASF-Ausbildungsmarketings.
Sie verweist auf die aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). „Die Nachfrage nach Ausbildungsberufen war 2021 auf einem neusten Tiefstand seit 1992“, als die ersten validen Daten seit der Wiedervereinigung vorlagen. Im Gegensatz dazu sei die Anzahl der Ausbildungsangebote erneut gestiegen. „Wir stehen also bundesweit vor einer herausfordernden Situation.“ Die Attraktivität einer Berufsausbildung müsse wieder mehr vermittelt werden und vor allem bei den Eltern gegenüber einer akademischen Bildung wieder stärker ins Bewusstsein rücken, so ihr Wunsch.
Noch gegen den Trend
Die Gründe für den Rückgang seien vielfältig. Die Pandemie habe dabei sicherlich eine Rolle gespielt, auch wenn der Abwärtstrend schon in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewesen sei. Die BASF sei dabei im Vorjahr gegen den Trend gesegelt: „Wir konnten alle Plätze besetzen und hatten sogar eine Zunahme“, so Kalweit. Ob das auch in diesem Jahr noch klappt, sei zumindest fraglich. „Dieses Jahr sind die Bewerberzahlen auch bei uns rückläufig, auch wenn der Rückgang noch nicht dramatisch ist.“ Vor allem in den Elektroberufen stehe man „vor einer großen Herausforderung“. Dabei sei gerade das einer der Bereiche mit hervorragenden Perspektiven.
Industrie 4.0, Energiewandel, Klimawandel – in allen Bereichen werden künftig Fachleute für Elektrotechnik gefragt sein. Mehr Sinnstiftung in einem Beruf sei schwer möglich. „Gerade Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit sind doch für die „Generation Z“ wichtig“, sagt Kalweit, die sich deshalb mehr Bewerbungen für diese Berufsfelder wünscht.
Sie vermutet in der Pandemie einen der Gründe – und das gleich in vielfacher Hinsicht. So fehlten durch die Beschränkungen der direkte Kontakt und Berufsorientierungsmöglichkeiten, konnten Berufsmessen ebenso wenig stattfinden wie Schnupperpraktika oder auch „Tage der offenen Tür“. „Wir stellen deshalb bei vielen Bewerbern eine Angst vor der falschen Entscheidung fest.“
Motivieren und begleiten
Das gelte sowohl für die Berufs- als auch für die Studienwahl. Die Folge sei zum einen die Entscheidung für altbekannte Berufsbilder oder das Festhalten an bekannten Strukturen, also eine Fortsetzung der schulischen Laufbahn. „Deshalb müssen wir wieder andere Bilder vermitteln“, so die Fachfrau. „Wir versuchen zu motivieren. Man muss immer die Möglichkeiten dahinter sehen.“
Unterstützung, Motivation und gute Begleitung – das seien die Schlüssel für eine gute Ausbildung. Und das nicht nur bei der BASF selbst, sondern auch für alle anderen Instrumente im Werkzeugkasten, etwa dem Programm „Start in den Beruf“, in dem ebenfalls noch Plätze frei sind, oder im Ausbildungsverbund im Rahmen des Start-Programms. „Dabei unterstützen wir auch unsere Kontraktoren bei der Suche nach geeigneten Bewerbern“, verspricht Kalweit. „Bevor wir eine Absage rausschicken, wird alles überprüft.“ Damit übernehme das Unternehmen als Vermittler sogar ein Stück weit die Aufgabe der Arbeitsagentur.
Mehr digitale Formate
Das habe man in den vergangenen Jahren mit digitalen Formaten bedient. „Ein Ersatz“, so Kalweit. Allerdings einer, der sich in manchen Bereichen als echter Volltreffer erwiesen hat. Informationsveranstaltungen für Eltern und Lehrer erfreuen sich beispielsweise auch als virtuelle Veranstaltung großer Beliebtheit. „Deshalb werden wir diese beibehalten und sogar die Frequenz erhöhen.“
Trotzdem ist Kalweit froh, dass die aktuelle Corona-Situation auch wieder Präsenzveranstaltungen ermöglicht. Kleinere in Schulen oder bei Sportvereinen, oder große, wie die Sprungbrett-Messe am 10. und 11. Juni in der Eberthalle. „Wir versuchen die Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie sind.“ Und im direkten Gespräch könnten Ängste vor falschen Entscheidungen auch besser abgebaut werden.