Landau / SÜW
Wird der Wald ausgebeutet?
Das Forstamt Haardt hat vor Kurzem 50 Festmeter wertvoller Eichen im Landauer Stadtwald am Taubensuhl geerntet, darunter Stämme der Superlative. Was der Verkauf eingebracht hat, wird sich erst zu Jahresbeginn zeigen. Aber der Sprecher des Forstamtes Landau, Förster Mario Biwer, berichtet, dass im vergangenen Jahr rund 1200 Euro pro Festmeter gezahlt worden sind. Bezogen auf die aktuelle Erntemenge, wären das 60.000 Euro Erlös. Bekanntlich sind die Preise für Holz zwischenzeitlich gestiegen.
Die Berichterstattung über die Geschäftstätigkeit des Forstamtes hat einem Leser die Zornesröte ins Gesicht getrieben. „Leider nichts verstanden“, so umschreibt Hans-Joachim Kühle aus Landau das Vorgehen der Stadt Landau. Die Stadt ist zwar Eigentümerin des Waldes am Taubensuhl, doch das Hegen und Pflegen des Waldes obliegt dem Forst. „Zuerst ruft man den Klimanotstand aus – dann opfert man 300 Jahre alte Eichen aus dem eigenen Stadtwald – aus reiner Profitgier“, beklagt Kühle. Gleichzeitig mahne die UN, die Weltwirtschaft müsse sich für den Klimaschutz ändern.
Mit der Kritik leben wir
Wird der Forst von Profitgier getrieben? Dieser Vorwurf ist für Michael Leschnig nicht neu. „Mit dieser Kritik leben wir tagtäglich.“ Der neue Leiter des Forstamtes Haardt hat jahrelang das Haus der Nachhaltigkeit in Johanniskreuz geführt. Nicht Profitgier treibt ihn an, wie er im Gespräch mit der RHEINPFALZ deutlich macht, sondern das Bemühen, einen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen zu meistern, die Menschen an den Wald haben. Dabei gebe es planerische und gesetzliche Vorgaben. „Wir befinden uns beim Wald in einem starken Spannungsfeld“, betont der 55-Jährige. Das werde mit dem Klimawandel immer spannungsvoller. „Wir müssen die goldene Mitte finden.“
Natürlich gehe es grundsätzlich darum, den Wald zu erhalten. „Das heißt aber nicht, dass wir kein Holz mehr ernten“, unterstreicht Leschnig. Das Landeswaldgesetz schreibe jedem Waldbesitzer vor, seine Flächen naturnah und nachhaltig zu bewirtschaften. Wie viele Bäume jährlich geschlagen werden dürfen, um den Bestand nicht zu gefährden, regelt der Waldeigentümer über das Forsteinrichtungswerk. Die aktuelle Vereinbarung mit der Stadt Landau stammt vom Oktober 2017 und gilt zehn Jahre. Leschnig stellt klar: „Wir ernten nur 70 bis 80 Prozent der Mengen, die erlaubt sind.“
Mehr Wald hinterlassen
Der Forstamtsleiter konkretisiert: Auf den rund 2400 Hektar Landauer Stadtwald wurden im vorhergehenden Planungszeitraum 2006 bis 2016 insgesamt 142.000 Kubikmeter Holz geerntet. Diese Menge entspreche 83 Prozent der im Zuge der Nachhaltigkeit potenziell möglichen Erntemenge, die aus der Inventur und dem Zuwachs errechnet wurde. „Man könnte auch umgekehrt sagen, von 2006 bis 2016 ist der Wald in seiner Holzmasse trotz Holzernte um 17 Prozent vermehrt worden. Dies entspricht dem forstlichen Grundsatz, unseren nachfolgenden Generationen qualitativ und quantitativ mehr Wald zu hinterlassen als wir selbst geerbt haben.“
Unser Leser Kühle meint, es sei Zeit, die Dinge ins rechte Licht zu rücken: Mit dem Fällen der 300 Jahre alten Bäume seien Lebensräume von Pflanzen und Tieren unwiederbringlich vernichtet worden. „Gerade alte Bäume speichern besonders viel CO2, bilden wichtige Lebensgemeinschaften und versorgen uns mit dem lebenswichtigen Sauerstoff, speichern Feuchtigkeit und vieles mehr. Unsere Wälder leiden ohnehin seit Jahren an den Folgen des Klimawandels, besonders an der zunehmenden Trockenheit, deshalb sollte ihr Schutz an erster Stelle stehen. Solange wir weiter unsere Natur und Wälder als reine Wirtschaftsfaktoren verstehen, werden wir als Menschheit nicht überleben“, wettert der Landauer. Die Natur brauche uns nicht, doch wir könnten ohne sie nicht existieren. Wenn wir die nötige Reduzierung des 1,5-Grad-Ziels überhaupt noch erreichen wollten, dann müssten wir schleunigst umdenken.
Probleme nicht exportieren
Dem hält Leschnig entgegen, dass es nun einmal auch ein Anliegen der Gesellschaft sei, den Rohstoff Holz zu nutzen. Es sei eine politische Entscheidung, auf Holzeinschlag zu verzichten. Dann hätte der Eigentümer andere Probleme, gibt Leschnig zu bedenken. Zum Beispiel die Verkehrssicherungspflicht, also der Schutz vor umfallenden Bäumen oder herabstürzenden Ästen. Auch fehlten dem Eigentümer die Einnahmen. Und schließlich: „Wenn wir in Deutschland auf Holzernte verzichten, dann sinkt ja nicht unser Holzbedarf. Wir vergrößern unseren ökologischen Fußabdruck nur, weil wir unsere Probleme exportieren.“ In anderen Ländern aber werde nicht unter diesem hohen Anspruch geerntet, wie es bei uns die Regel sei, und oft seien Großkahlschläge zu beklagen.
Der „hohe Anspruch“, den Leschnig ins Feld führt, ist begründet im Landeswaldgesetz, Zertifizierungen oder Regelungen zu Schutzgebieten wie das BAT-Konzept zum Umgang mit Biotopbäumen, Altbäumen und Totholz. Einzelne Bäume oder kleine Flächen werden als Waldrefugien aus der Bewirtschaftung genommen. Laut Leschnig sind das zehn Prozent der Waldfläche. Im Landauer Stadtwald gebe es eine drei Hektar große BAT-Gruppe. In FFH-Gebieten oder Vogelschutzgebieten gelten weitere Einschränkungen. Leschnig nennt den Vogelstockerhof bei Eußerthal. „In dieser Kernzone im Biosphärenreservat gibt es auch eine Eichenzone. Da darf nicht mal gejagt werden.“
Großer Schaden
Wenn Holzernte gewünscht ist, müssen es dann 300 Jahre alte Eichen sein? „Alte Bäume zu fällen, um dann neue zu pflanzen, die wesentlich weniger CO2 binden können, ist den Menschen kaum zu vermitteln“, ist Hans-Joachim Kühle überzeugt. Er schreibt: „Wem sollte der Wald/Stadtwald gehören und welches Recht haben wir, intakte Lebensräume zu zerstören? Die Glaubwürdigkeit in die Politik hat hier mal wieder großen Schaden genommen.“
Forstamtsleiter Michael Leschnig verweist wieder auf die Bedürfnisse des Marktes. Für die Verwertung von Eichen in der Möbelindustrie könne man keine dünnen Bäume nehmen. Er sieht die Auswirkungen auf die Natur nicht so kritisch. „Wenn wir 50 Festmeter Eichen fällen auf 2400 Hektar, denn sehen Sie das als Laie gar nicht.“ Das Motto heute laute Naturverjüngung. Bei einer keimenden Buche werde das Genom, also das Erbgut, verstärkt, das der Baum brauche, zum Beispiel um mit Trockenheit zurecht zu kommen.
Natürliche Verjüngung
Im Forsteinrichtungswerk sei auch der Auftrag erteilt worden, wesentlich aktiver am Generationenwechsel zu arbeiten. Dabei gehe es um natürliche Verjüngung in überalterten Waldbeständen durch die Entnahme alter Bäume, bevor diese holztechnisch entwertet würden. „Dies betrifft aber hauptsächlich die alten Buchenbestände, in denen wir obendrein in den letzten Jahren, vor allem seit 2018, mit massiven gesundheitlichen Schäden durch die Klimakrise konfrontiert sind.“
Bei der Nutzung starker Eichen stehe das Forstamt im Einklang mit den geltenden Standards auch mit dem PEFC-Zertifikat. Dort heiße es in Punkt 3: „Der Waldbesitzer wirkt auf eine hohe Wertschöpfung und einen wirtschaftlichen Erfolg hin.“ Gleichzeitig gehe es um Förderung der biologischen Vielfalt, um den Erhalt der Schutzfunktionen und die Sicherstellung der sozioökonomischen Funktion der Wälder, betont Michael Leschnig. Alles werde von unabhängigen Auditoren überprüft.
Leseraktion
Die RHEINPFALZ bietet am Freitagmittag, 9. Dezember, einen Waldbegang mit Forstamtsleiter Michael Leschnig an. Wer Interesse hat, kann sich den Termin schon einmal notieren. Wir werden auf die Aktion noch einmal gesondert hinweisen.
