Weissenburg RHEINPFALZ Plus Artikel Weißenburg übt sich in Gelassenheit

Die Touristen sind zurück, wenn auch in geringerer Zahl.
Die Touristen sind zurück, wenn auch in geringerer Zahl.

Auch im Elsass steigen die Infektionszahlen wieder. Nach drei Lockdowns und der Grenzschließung im vergangenen Jahr fahre ich mit vielen Fragen nach Weißenburg. Wie geht es den Menschen? Hat die Geschäftswelt überlebt? Und wie schauen die französischen Nachbarn in die Zukunft?

Es ist ein sonniger Tag, die Grenze ist offen, Kontrollen gibt es nicht, auch wenn Frankreich sie bis Ende Oktober angekündigt hat. Auch eines triftigen Grundes für die Einreise bedarf es nicht mehr. Wer sich maximal 24 Stunden im Land aufhält, braucht auch weder einen Test, noch einen Impf- oder Genesenennachweis – zumindest, wenn Start und Ziel maximal 30 Kilometer auseinanderliegen. So steht es auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes. Der Korridor hat praktische Gründe für die vielen Pendler, er soll aber auch verhindern, dass sich die Nachbarn einander wieder entfremden, wie es bei der Grenzschließung zu Beginn der Pandemie zu befürchten stand.

Weißenburg ist nicht voll, aber belebt. Wozu sicher auch die seit Ende Juni wieder geöffneten Cafés und Restaurants beitragen. Es dauert eine Weile, bis ich einen Parkplatz gefunden habe und in die Altstadt schlendern kann. Ich spreche ein entspannt ihren Kaffee genießendes Pärchen an. Es kommt aus Köln, macht in der Südpfalz Urlaub und ist von Wissembourg restlos begeistert. Heike ist das erste Mal in dem malerischen Städtchen. „Das hier ist Urlaub“, schwärmt sie.

„Mir werre sieh“

Drei Rentner stehen an der Straßenecke beim morgendlichen Plausch. Ich frage, ob sie geimpft sind und eifrig holen sie ungefragt ihre Papiere aus den Hosentaschen, um sie mir zu zeigen. Auf die Frage, wie es weitergehen werde, wo doch die Zahlen wieder steigen, zeigen sich die Herren gelassen. „Heute sage se so, morge so, mir werre sieh“, sagt ein 77-Jähriger. Er sei schon ein Jahr lang nicht mehr in Deutschland gewesen, aber eine nochmalige Grenzschließung kommt für ihn nicht in Frage. „Mir schaffe doch mitenander“, ist seine ganz einfache Begründung. „Unn, scheene Kaffee ghet?“, fragt ein vorbeigehender Bekannter.

„Von November bis März war alles zu, nur wir Lebensmittelläden hatten geöffnet“, erinnert sich Thierry Iffrig, der mit seiner Frau Corinne den Lebensmittelladen von Robert Ohlmann übernommen hat. Sein Vorgänger hat fast 50 Jahre Lebensmittel in der Innenstadt verkauft, kannte jeden und nach mehrmaligen Besuchen in den vergangenen eineinhalb Jahren auch mich. „Deutsche Kunden sind in der letzten Zeit wieder massiv gekommen, bei mir ist alles normal“, sagt Iffrig. Er ist von Beruf Drucker und hat 32 Jahre in Deutschland gearbeitet. „Wenn es kommt, dann kommt’s, Angst vor einer vierten Welle habe ich nicht“, sagt er.

Warum Alex’ Restaurant überlebt hat

Genau dieselben Worte benutzt sein Nachbar über die Straße, Alex, der ein Restaurant betreibt. Er glaubt, dass eine vierte Welle kommt. „Wir mussten sieben Monate schließen, drei Kollegen haben jetzt zugemacht“, sagt er. Ihm habe die staatliche Hilfe gereicht. Einen wichtigen Grund, warum sein Restaurant überlebt hat, nennt er auch gleich: „Das Haus gehört mir und es ist schuldenfrei.“ Die Zeit der Schließung habe er genutzt, um zu renovieren und aus dem Café auch ein Restaurant zu machen.

Um 10.30 Uhr habe ich einen Termin mit dem Beigeordneten der Stadt, Jean-Louis Pfeffer, im wunderschönen Rathaus aus dem 17. Jahrhundert im Stadtzentrum. „Die Menschen haben die Grenzschließungen im vergangenen Jahr als brutal empfunden“, sagt er. Es sei ein Schock gewesen. Diejenigen, die in Deutschland arbeiten, hätten dort weder einkaufen noch tanken können. Das durften sie zwar, aber es hatte bisweilen durchaus Unfreundlichkeiten und Anfeindungen gegeben.

„Wir wollen die Zusammenarbeit“

Er selbst habe 39 Jahre in Deutschland gearbeitet, so Pfeffer. „Wir wollen wieder eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit“, sagt er. Froh sei er, dass die rund 30 Cafés und Restaurants seit Ende Juni wieder offen hätten, die natürlich einen wesentlichen Teil des Stadtbildes ausmachten. Die Schulen seien bisher immer offen gewesen, mit Ausnahme einzelner Klassen, in denen es Coronafälle gegeben habe. Und die Stadt habe zusammen mit Helfern Anrufe bei betagten oder bedürftigen Bürgern organisiert, um zu fragen, ob sie Hilfe bräuchten. „Das ist eine Lehre aus der Hitzewelle 2003, bei der viele Bürger verstorben sind“, sagt er. Beim Abschied noch ein wunderbarer Blick aus dem Fenster des Büros des Beigeordneten im dritten Stock mit Blick auf die Altstadt.

Das Tourismusbüro befindet sich im Erdgeschoss des Rathauses. Vorher seien mehr Deutsche gekommen, derzeit seien es mehr Franzosen, die hier Urlaub machten, sagen die beiden Damen hinter dem Schalter. „Vor Covid sind täglich rund 200 Personen ins Tourismusbüro gekommen, im Moment sind des 60 bis 80“, ist ihre Bilanz.

Geschäftsinhaberin war mutig

Die Gelassenheit, die die Stadt ausstrahlt, wirkt sich auch auf mich aus. Also gönne ich mir erstmal eine Pause im Restaurant mit einer köstlichen Gemüsequiche. Der eine oder andere private Blick in die Schaufenster der Läden muss natürlich auch sein. Beim Blick bleibt es nicht, ein Paar Schuhe müssen einfach her. Und ich entdecke zwei Neueröffnungen. Beide Geschäfte haben erst im Mai geöffnet. „Man muss mutig sein“, sagt Delphine Leguay, die einen kleinen Laden für Kleider und Accessoires eröffnet hat. Eigentlich hatte sie schon im März starten wollen.

Sie kritisiert den „pass sanitaire“, den Gesundheitspass, der ab 50 Besuchern Pflicht bei öffentlichen Veranstaltungen ist. Er dokumentiert, ob eine Person geimpft, genesen oder getestet ist. Es sei eine Impfpflicht durch die Hintertür, meint sie.

Keine Sorge um Unverpackt-Laden

„Ich wollte schon vor der Pandemie öffnen“, erzählt auch Bernadette Willinger, die in der Innenstadt einen Unverpackt-Laden eröffnet hat. Lebensmittel, Kosmetika, hauptsächlich Bioprodukte – alles kann in mitgebrachten oder im Laden erworbenen Gefäßen mitgenommen werden. Angst vor Schließungen hat sie nicht, denn Lebensmittelgeschäfte dürften offen bleiben, auch wenn es wieder ganz schlimm kommen sollte, sagt sie.

Aber ob Elsässer oder Pfälzer, die Sorgen der Menschen sind gleich, sind meine Gedanken auf der Rückfahrt. Ein Virus hält sich weder an Grenzen, noch kann man es aussperren. Und die Narben, die die Grenzschließung verursacht hat, sind noch nicht verheilt.

In Cafes, Restaurants und Läden herrscht Alltagsstimmung.
In Cafes, Restaurants und Läden herrscht Alltagsstimmung.
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