Landau
Shoppen in Weißenburg: Im Gemüseladen auch Kochrezepte
Wir alle haben genug von Einschränkungen, geschlossenen Läden, Restaurants und Kulturbetrieben. Corona nervt. Das geht auch den Leuten jenseits der Grenze so. Dort waren vor der Jahreswende die Straßen ausgestorben, weil die Läden geschlossen hatten. Was hat sich in Weißenburg verändert, seit die Geschäfte wieder offen sind? Welche Regeln gelten im Nachbarland?
Ich fahre rüber. Auf dem Weg dahin, bei Schneematsch und Regen, mache ich am Dienstag zuerst kurz vor der Grenze Halt. Denn ein Barometer für die Stimmung im Elsass ist immer das Zigarettengeschäft von Dirk Bergsträßer. „Die Elsässer sind verunsichert, in Baden dürfen sie nicht zum Shoppen über die Grenze. Bei uns rufen viele an und fragen, ob das hier genau so ist“, erzählt seine Frau, Ilona Bergsträßer. Also kommen auch viele vorsichtshalber gar nicht. „Die Situation ist für die Elsässer unübersichtlich“, findet Ilona Bergsträßer.
In Weißenburg empfängt mich in der Stadtmitte der riesige Weihnachtbaum, daneben ein stattlicher Adventskranz. Und eine Holzwand vor dem Baum. Steckt man den Kopf durch eine kreisrunde Öffnung, kann man sich ins Christkind verwandeln. Eine witzige Idee.
Inzidenzwert im Elsass lag bei 200
Ich besuche die Kollegin der elsässischen Zeitung Derniere Nouvelle d’Alsace (DNA), Véronique Kohler, in der Redaktion direkt am Rathaus in der Stadtmitte. Sie ist auch für grenzüberschreitende Berichterstattung zuständig, von Rastatt bis Landau. Sie sitzt in der Redaktion, ihre beiden Kollegen sind im Homeoffice.
„Seit Sonntag gilt im Elsass von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens ein Ausgangsverbot, wie lange wissen wir nicht“, informiert die Kollegin. Einwohner dürften nur aus triftigem Grund das Haus verlassen. Bis 18 Uhr muss jetzt keine schriftliche Begründung mehr mitgeführt werden, wohin man fährt und warum. Auch Deutsche, die ins Elsass fahren, müssen ein solches Papier nicht mehr im Gepäck haben. „Wenn ich manchmal nach 18 Uhr die Redaktion verlasse, ist es schon ein bisschen unheimlich, wenn niemand mehr auf der Straße ist, aber insgesamt sind auch tagsüber weniger Leute in der Stadt“, findet Véronique Kohler.
Geöffnet seien derzeit alle Einzelhandelsgeschäfte, auch Friseure und Kosmetikstudios. Schulen und Kitas seien seit dem 4. Januar wieder offen. Die Statistik, die sie mir später zuschickt, zeigt vom 28. Dezember bis zum 3. Januar eine Inzidenz im Elsass von 200 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen, das sind 6,2 Prozent.
„Es kommen weniger Deutsche“
Beim Gang durch die Stadt sehe ich fast nur leere Geschäfte, keine Kunden. Wobei das Wetter sicher mit dazu beiträgt, dass gerade niemand einen entspannten Schaufensterbummel macht. „Es kommen weniger Deutsche, sie haben in jedem Geschäft gefehlt“, erzählt Robert Ohlmann, seit Jahrzehnten Lebensmittelhändler in der Stadt. Gerade am 24. Dezember und zwischen den Jahren seien immer sehr viele Deutsche gekommen, in diesem Jahr nicht.
Es gebe derzeit Überlegungen, dass Lebensmittelläden jetzt auch sonntags öffnen dürfen. „Das hat mit dem Ausgangsverbot zu tun, wenn Leute arbeiten, können sie abends nichts mehr einkaufen“, vermutet Ohlmann. Er hat nun auch in der Mittagszeit geöffnet, weil die Restaurants geschlossen sind. „Sonst bin ich immer bei den Kollegen essen gegangen, das geht jetzt nicht“, bedauert er. Wenn er um 18 Uhr schließt, muss er eine Bescheinigung ausfüllen, um nachzuweisen, dass er nach Hagenau fährt, wo er wohnt.
Covid habe viel geändert, sinniert Ohlmann, wenn er an seine Kollegen denkt, die Einzelhandelsgeschäfte in der Stadt haben und teilweise ums Überleben kämpfen, denn er kennt jeden. „Einige können die Miete nicht mehr bezahlen“, erzählt er. Sein Geschäft läuft, auch mit erstaunlichen Erfahrungen. „Seit Corona kommen viele junge Männer so zwischen 30 und 40 Jahren, die im Homeoffice arbeiten und dann kochen. Meine Verkäuferin sagt ihnen immer, wie es geht, das gab es vorher nicht.“
Die Rentner haben es einfacher
Eine Kundin meint: „Für junge Leute, die studieren oder gerade eine Anstellung suchen, ist es jetzt hart. Da ist es für uns Rentner einfacher, die Rente kommt jeden Monat.“ Sie kocht heute nicht, sondern nutzt den Abholservice eines Restaurants in der Stadt. Rinderrouladen und Püree gibt es. „Kriegsch do au Vorspeis und Nachtisch?“, will Ohlmann wissen. „Jo, wie i will“, lautet die Antwort.
„Es ist schwer, aber es geht“, sagt Solange Marson, die seit 15 Jahren ein Modegeschäft betreibt. Viele Kunden seien nach der ersten Schließung im Frühjahr gleich wiedergekommen. „Ich habe als erste in der Stadt eine kleine Modenschau im Laden gemacht und online gestellt“, erzählt die Ladenbesitzerin. Das sei sehr gut angekommen, ein Online-Verkauf sei geplant. „Schicke Mode verkaufe ich derzeit wenig, wo soll man auch mit neuen schicken Kleidern hingehen?“, fragt sie. Aber ihr Motto sei: Kopf hoch. „Es braucht auch eine gewisse Leichtigkeit, man kann nicht den ganzen Tag über Corona grübeln.“