Schweigen / Weissenburg
Französische Hamsterkäufe in der Pfalz aus Angst vor Grenzschließung
Der Anruf von Michael Walther aus Riedseltz schreckt mich auf. „In Schweigen im Einkaufszentrum ist die Hölle los, wir können ab morgen nicht mehr in Deutschland einkaufen“, sagt er. Am frühen Morgen seien schon Autoschlangen bis nach Weißenburg gestanden.
Gegen 15 Uhr ist beim Einkaufszentrum gleich an der Grenze die Hölle los. Ein älteres Ehepaar aus Altenstadt lädt gerade sein Auto voll. „Wir wollen das nicht“, sagen die beiden völlig aufgelöst; sie glauben, ab Samstag nicht mehr in die Pfalz zu dürfen. „Doch, doch, das kam im Radio und ich habe eine Meldung auf dem Handy gehabt“, sagt die Frau. „Ich habe lange genug in Deutschland gearbeitet, eine Grenzschließung brauchen wir nicht mehr“, beruhigt Serge Hoerr aus Roschwiller. Er bezweifelt, dass die Nachricht stimmt, sicher ist er nicht.
Tabakhändler beschwichtigt
Im Zigarettenladen von Dirk Bergsträßer herrscht seit acht Uhr Hochbetrieb. Er habe schon am frühen Morgen Whatsapp-Nachrichten über ein drohendes Einkaufsverbot bekommen. „Es ist eine Hysterie. Den Elsässern sitzt die Grenzschließung noch in den Knochen“, sagt er. Er kläre schon den ganzen Tag die Leute auf, dass das Einkaufsverbot eine Falschnachricht sei. Und er verweist auf die Coronabekämpfungsverordnung des Landes vom 3. Oktober: Wer aus einem Risikogebiet nach Rheinland-Pfalz einreise und sich hier maximal 24 Stunden aufhalte, müsse nicht in Quarantäne. Immer wieder muss er das Gespräch unterbrechen, um die Menschen auf die Abstandsregeln aufmerksam zu machen oder sie kurz wieder hinauszuschicken, denn mehr als zehn Personen dürfen sich in seinem Laden nicht aufhalten. „Die Menschen sind unheimlich nervös, sie kaufen für Hunderte von Euro Tabakwaren“, sagt Bergsträßer. Seine Regale sind am Abend leer gefegt.
Im DM-Markt fehlt es an Toilettenpapier, Haushaltspapier, Hygieneartikeln, Duschgel und Tierfutter. Die Verkäuferinnen sind am Limit, vor den Kassen stehen Schlangen. „Sie werden die Grenze zumachen“, sagt mir eine junge Frau. Woher sie diese Information habe? „Ich weiß nicht, aber ist das falsch?“, fragt sie zurück. Eine Antwort wartet sie gar nicht mehr ab.
„Das Dings macht die Leute verrückt“
Zwei Männer aus Soultz sous Foret haben von der Grenzschließung in den sozialen Netzwerken gehört. „Alle haben den Kopf voll mit dem Dings, die Leute machen sich verrückt“, sagt eine alte Dame im Pennymarkt. Mit dem „Dings“ meint sie das Corona-Virus.
Für die Verkäuferin in der Bäckerei ist klar: „Die Elsässer haben Angst.“ Es seien heute noch viele gekränkt wegen der Vorfälle nach der Grenzschließung im März. Damals waren Menschen mit französischen Kennzeichen angezeigt worden. Auch solche, die zulässigerweise in der Südpfalz waren – zum Beispiel, weil sie als Krankenschwestern in Südpfalz-Kliniken arbeiten.
Und sie fühlten sich gemobbt, weil manche Zeitgenossen meinten, sie würden das Virus einschleppen. „Hauen ab, gucken, dass er wieder hämm komme“, hätten sich die Elsässer anhören müssen, sagt die Verkäuferin. Sie hält dagegen: „Wir sind alle froh, dass die Elsässer hier einkaufen“. Eine Mutter und ihr Sohn laden gerade auf dem Parkplatz den Kofferraum voll bis obenhin. Warum, frage ich. „Man weiß nicht so richtig, was ist und was werden wird und wie man sich verhalten soll“, sagt die Mutter.
Mutter ist verunsichert
Dann meldet sich meine Tochter, die in Grenznähe wohnt. Sie hat gerade mit ihren Schwiegereltern im Elsass telefoniert. „Sie merken, das sich in der Bevölkerung wieder Panik verbreitet, aber dass man sich 24 Stunden in Deutschland aufhalten kann, wissen sie“, berichtet sie.
SÜW-Landrat Dietmar Seefeldt bestätigt: „Wenn der Aufenthalt in Rheinland-Pfalz weniger als 24 Stunden andauert, gibt es keine Quarantäneverpflichtung.“ Einschränkungen oder gar Verbote für das Einkaufen gibt es nicht. Grundsätzlich gilt laut Kreisverwaltung bei einem Aufenthalt von mehr als 24 Stunden: Wer aus Frankreich einreist, muss sich zunächst in Quarantäne begeben und sein Gesundheitsamt informieren. Dies gilt nicht für Berufspendler, Einreisen aus medizinischen Gründen oder bei einem sonstigen triftigen Reisegrund. Für Rheinland-Pfälzer gilt die Quarantäneanordnung auch dann nicht, wenn der Aufenthalt in Frankreich kürzer als 72 Stunden gedauert hat.
Anders ausgedrückt: Rheinland-Pfälzer dürfen sich ohne Quarantäne drei Tage in Frankreich aufhalten, Elsässer aber nur einen Tag in Rheinland-Pfalz. Ausgenommen von der Quarantäne sind Menschen, die einen negativen Test, nicht älter als 48 Stunden, vorweisen können.
Panik-Auslöser im Internet
Martin Engelhard, Erster Beigeordneter der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern, glaubt die Ursache der Panik zu kennen: „Der Auslöser war wohl eine Überschrift auf der Internetseite des Nachrichtenportals ,Vingt Minute’.“ Die Schlagzeile habe gelautet: „Wird das Grand-Est wieder zum Risikogebiet erklärt, und werden die Grenzen geschlossen?“ Diese Schlagzeile habe sich in Windeseile als Tatsache und ohne Fragezeichen in den sozialen Netzwerken verbreitet, „und die Leute sind losgestürmt“, sagt Engelhard.
Die Folgen sind grotesk: Die Gendarmerie stellt einen Hunderte Meter langen Rückstau von Weißenburg nach Schweigen fest und beruft eine Krisensitzung ein, um des Verkehrschaos Herr zu werden. „Die Leute haben dann die Polizisten gesehen, dachten, das wäre ein Zeichen für die Grenzschließung und haben dann erst recht die Regale leer gekauft“, erzählt Engelhard.
Gebhart: Grenze bleibt auf
Landrat Seefeldt äußert sich zur Lage. Er hoffe, dass es nicht wieder zu Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Frankreich komme. „So, wie die Grenzschließung und die eingeführten Kontrollen zu Beginn der Pandemie über unsere Köpfe hinweg entschieden und umgesetzt wurden. Und so, wie sich die Menschen, insbesondere auf deutscher Seite, verhalten haben, so etwas darf sich nie wieder wiederholen“, unterstreicht er.
„Eine Grenzschließung ist seitens der Bundesregierung nicht geplant“, stellt der südpfälzische Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär Thomas Gebhart klar. Am Nachmittag bestätigt dies auch die Europa-Abgeordnete Christine Schneider.