Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Landauer Weihnachtscircus: „Wir sind mehr Zirkusleute als Geschäftsleute“

Manege frei für Jakel Bossert und seinen traditionellen Weihnachtscircus.
Manege frei für Jakel Bossert und seinen traditionellen Weihnachtscircus.

Für viele Landauer gehört der Weihnachtscircus wie das Plätzchenbacken oder der Glühwein einfach zur Adventszeit dazu. Unter dem Motto „Showtime“ trifft in diesem Jahr ukrainische Tanzkunst auf russisches Comedytalent.

Wenn Jakel Bossert heute seinem dreijährigen Ich gegenübersitzen würde, würde der Steppke vermutlich aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Dass er einmal Direktor seiner eigenen Zirkusshow sein würde, hätte sich der kleine Junge nach seinem ersten Besuch in der Manege sicherlich nicht einmal erträumen lassen. Fast 60 Jahre später schwärmt der Pirmasenser noch immer mit fast kindlicher Begeisterung vom Glanz und Zauber der Zirkuswelt. Beim „Landauer Weihnachtscircus“ lädt Bossert mittlerweile zum 21. Mal dazu ein, die Verwirklichung seines Kindheitstraums hautnah mitzuerleben.

Ein Ballett aus dem ukrainischen Staatszirkus wird in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sein.
Ein Ballett aus dem ukrainischen Staatszirkus wird in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sein.

Auch in diesem Jahr erwartet die Gäste eine internationale Produktion – diesmal mit dem Titel „Showtime“. Eine Mischung aus etablierten Künstlern und Nachwuchstalenten wird auf der Bühne, in der Manege und in der Luft ihr Können präsentieren. Besondere Höhepunkte in diesem Jahr: eine Kamelherde, ein sechsköpfiges Ballett aus dem ukrainischen Staatszirkus und ein Clown aus Aserbaidschan, der an der klassischen Zirkusschule in Moskau ausgebildet wurde. „Politik hat im Zirkus nichts verloren. Unsere Artisten haben in der Manege keine Probleme miteinander. Es wäre schön, wenn das auf die echte Welt übertragbar wäre“, wirft der Zirkusmacher ein.

Kein Zirkus ohne Tiere

Unverzichtbar für die „prickelnde Landauer Mischung“ seien auch klassische Luftnummern, Handstandakrobatik und Darbietungen mit den rund 70 Tieren, die Teil der Produktion sind. „Die Tiere müssen bei uns keine Hochleistung bringen. Das machen die Artisten, die das abschätzen können“, betont der Chef der Manege. Manchmal reiche es auch schon, ihre Schönheit und Eleganz wirken zu lassen. Einen Zirkus ohne tierische Nummern könne er sich nicht vorstellen, das sei dann ein Varieté. Elefanten oder exotische Raubtiere habe es bei Bossert jedoch noch nie gegeben. Er setze auf domestizierte Arten wie Pferde, Schafe, Ziegen, Kühe oder Lamas. Wenn sie nicht in der Manege auftreten, stehen sie in der Ponywelt im Pirmasenser Stadtteil Niedersimten und können dort am Wochenende und an Feiertagen besucht werden.

Zirkus mit Nostalgiefaktor

Dass der Inhaber eines Veranstaltungsservices und Zeltverleihs jedes Jahr in der Weihnachtszeit mit einer exklusiven Zirkusshow auf dem Landauer Messplatz aufschlägt, sei in erster Linie seiner Sammelleidenschaft für Oberlichtwagen geschuldet. Mehr als 40 der hölzernen Raritäten, mit denen schon vor über 100 Jahren Artisten über Land zogen, hat der Pirmasenser in seiner Sammlung. Darunter auch der alte Kassenwagen, aus dem heraus er als Dreijähriger sein erstes Ticket bekam und bis heute die Tickets für den Weihnachtscircus verkauft. „Allein wirtschaftlich sind die alten Wagen heute für einen Zirkus auf Tournee, der jeden Tag an einem anderen Ort sein muss, nicht mehr interessant. Da werden Baucontainer eingesetzt“, erklärt der Experte.

Die Tochter des Zirkusdirektors, Ann-Kathrin Bossert, hat sich auf Tiere spezialisiert.
Die Tochter des Zirkusdirektors, Ann-Kathrin Bossert, hat sich auf Tiere spezialisiert.

Denn der für Bossert unverzichtbare Nostalgiefaktor bedeute auch Mehraufwand: Statt über die B10 legen die fahrbaren Unterkünfte den Weg von Pirmasens nach Landau über Landstraßen zurück. Bei einer Maximalgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde dauere es drei Wochen, bis der ganze Tross seinen Weg in die Südpfalz zurückgelegt habe. In den kleinen Dörfern habe man sich schon an den Anblick der bunten Kolonne gewöhnt. Nicht nur die geografische Nähe sei für die Ortswahl ausschlaggebend gewesen: „Landau war schon immer eine Zirkusstadt mit einer hohen Qualität. Hier kommen die besten Zirkusse hin, und wir haben den Anspruch, in dieser Liga zu spielen“, zeigt sich der Zirkusdirektor selbstbewusst. Auf Gäste aus Pirmasens müssten sie trotzdem nicht verzichten. „Der Weihnachtscircus gehört zur Pfalz wie der FCK, der Wurstmarkt oder das Federweißerfest und ist nach 21 Jahren nicht mehr wegzudenken“, so Bossert.

Veranstaltungsgeschäft finanziert den Zirkus

Von außen erinnert der Aufbau an die Zirkustradition des vergangenen Jahrhunderts. Wenn es um die Technik und den Komfort der Gäste geht, setzt der 61-Jährige jedoch auf moderne Ausstattung. Statt auf Holzbänken dürfen die knapp 1400 Gäste in Schalensitzen die zweieinhalbstündige Zirkusshow genießen. Eingesessenen Besuchern wird in diesem Jahr schon von Weitem auffallen: Das Zelt ist neu. „Ich freue mich schon auf das neue Zirkuszelt mit seinen neuen Farben und neuem Design“, schwärmt der Direktor. Neben finanzieller Eigenleistung habe ein staatliches Förderprogramm für Kulturschaffende nach der Corona-Zwangspause die Neuanschaffung ermöglicht.

Der kubanische Akrobat Chiko hat bereits Heidi Klum in der Jury einer Talentshow begeistert.
Der kubanische Akrobat Chiko hat bereits Heidi Klum in der Jury einer Talentshow begeistert.

„Wir sind mehr Zirkusleute als Geschäftsleute. Wir leben nicht vom Zirkus, sondern für den Zirkus“, ergänzt der Hobbymusiker. Um Geld zu verdienen, gebe es andere Bereiche. Im Zirkus sei der Applaus die wichtigste Bezahlung. Die finanziellen Mittel für den „Landauer Weihnachtscircus“ werden im Sommer mit dem Zeltverleih für Großveranstaltungen verdient. Seit 42 Jahren ist der Pirmasenser in der Veranstaltungsbranche tätig. Bei großen Festivals wie Rock am Ring oder der Nature One bis hin zu Stadt- und Dorffesten bietet er seinen Service an. Ohne die eigenen Zelte und die Veranstaltungstechnik sei der Weihnachtszirkus mit hohen sechsstelligen Produktionskosten gar nicht möglich. „In den ersten Jahren habe ich noch drauf gezahlt, da war ich froh, wenn ich mit einer schwarzen Null rausging“, erinnert er sich an die Anfangszeit.

Internationales Publikum

Damit die Menschen auch zahlreich erscheinen, fährt der Chef zum Plakatieren noch selbst auf die Dörfer. Das sei für ihn Entspannung und Ankommen zugleich. Denn nach über 20 Jahren kenne er die Menschen gut, die ihr Hoftor zur Verfügung stellen. „Da gibt es dann auch mal einen Saumagen und eine Weinschorle zwischendurch“, erzählt der Westpfälzer schmunzelnd. Unterstützung bekommt er durch einen externen Dienstleister, der zusätzlich die Werbetrommel rührt. Um den Nachwuchs zu erreichen, ist der „Landauer Weihnachtscircus“ mittlerweile auch in den sozialen Medien vertreten.

So sah das Zirkuszelt noch in der vergangenen Saison aus.
So sah das Zirkuszelt noch in der vergangenen Saison aus.

Die Arbeit scheint sich auszuzahlen: Denn nicht nur die Artisten in der Manege kommen einmal im Jahr aus ganz Europa für das exklusive Weihnachtsprogramm in Landau zusammen. Auch die Gäste kämen teilweise extra aus Frankfurt, Paris oder München angereist. Unter die eingefleischten Zirkusfans, die in Bussen anreisen, mischten sich auch „Materialfans“, die die alten Zirkuswagen zu schätzen wissen und nur deshalb kommen. „Heute haben wir mit dem Messegelände ja auch den Vorteil, dass es mitten in der Stadt ist. Vor 21 Jahren war hier noch Acker“, so Bossert.

Zirkus für den guten Zweck

Nicht nur das Gelände habe sich mit den Jahren gewandelt, auch der Anspruch der Zirkusproduktion sei gewachsen. Inzwischen gehe es nicht mehr nur um die reine Unterhaltung, sondern auch die Förderung von karitativen Zwecken. Knapp 5000 der insgesamt 35.000 Tickets, die für die Shows ausgeben werden, seien Freikarten für wohltätige Einrichtungen. Neben dem Kinderschutzbund in Pirmasens und den Harley-Davidson-Riding-Santas unterstützen sie mit einem kostenlosen Tag für Ehrenamtliche auch das freiwillige Engagement in der Region. Als Vereinsmensch und Gründer des Fanfarenzugs in Niedersimten gibt Bossert im Vorprogramm regelmäßig auch Vereinen die Chance, Zirkusluft zu schnuppern.

Armen Asiryants hat eine klassische Ausbildung zum Clown an einer Moskauer Schule absolviert.
Armen Asiryants hat eine klassische Ausbildung zum Clown an einer Moskauer Schule absolviert.

Es sei ihm wichtig, dass seine Shows nicht streng durchgetaktet, sondern „atmosphärisch und familiär“ sind. Da verwundert es nicht, dass die Leidenschaft für den Zirkus auch auf seine drei Kinder abgefärbt hat. Als ausgebildete Reitlehrerin übernimmt seine älteste Tochter Ann-Katrin Bossert in der Mange die Rolle der Tiertrainerin. Der mittlere Sohn Nikolas unterstützt als Schlosserlehrling beim Zeltbau sowie bei der Licht- und Tontechnik. „Dass man nur eine Aufgabe hat, gibt es im Zirkus nicht“, ergänzt Bossert lachend. Auch das große Interesse seines jüngsten Sohns an den alten Wagen komme nicht von ungefähr. Passend dazu macht der 18-Jährige eine Ausbildung zum Mechatroniker.

Pferde spielen eine große Rolle für den Zirkus.
Pferde spielen eine große Rolle für den Zirkus.

„Ich bin froh, dass ich trotz des Jobs, in dem 16-Stunden-Tage normal sind, noch gesund bin. Solange ich das noch machen kann, will ich das auch weitermachen“, sagt der 61-Jährige. Wenn der Zirkusmacher irgendwann seine Husarenjacke endgültig an den Nagel hängt, hoffe er, dass seine Kinder seinen Kindheitstraum weiter träumen werden. Denn „wer im Zirkus ist, ist glücklich“, sagt er zufrieden.

Info

Der „Landauer Weihnachtscircus“ findet vom 22. Dezember bis zum 7. Januar 2024 täglich um 15 und 19 Uhr statt. Ausgenommen sind Heiligabend und Neujahr. Eintrittskarten gibt es bei allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie online im Ticket-Shop unter www.landauer-weihnachtscircus.de.

Mit den Kühen Heidi und Milka steht der Zirkusdirektor auch selbst in der Manege-
Mit den Kühen Heidi und Milka steht der Zirkusdirektor auch selbst in der Manege-
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