Bad Bergzabern „Es war einmal…“: Wenn Märchen Demenzkranke verzaubern

Froschkönig und Co.: Claudia König (Mitte) erzählt Senioren in der Pro-Seniore-Residenz in Bad Bergzabern Märchen.
Froschkönig und Co.: Claudia König (Mitte) erzählt Senioren in der Pro-Seniore-Residenz in Bad Bergzabern Märchen.

Märchen als Therapie? Ein Projekt zeigt, wie alte Geschichten Demenzkranke erreichen können. Die Geschichten bringen Freude in ein Bad Bergzabener Seniorenheim.

Jeder kennt den Anfangssatz „Es war einmal“. Was folgt, ist Kopfkino. Erinnerungen an längst vergangene Erzählstunden bei der Oma, in den Sessel gekuschelt. Oder die Vorlesezeit mit dem Papa abends vor dem Zubettgehen. Fast alle Menschen können sich daran erinnern. Auch ältere demenzerkrankte Menschen. Der Verein Märchenland Berlin und die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) unterstützen deshalb deutschlandweit ein Projekt mit Schwerpunkt Märchenerzählen und Demenz in verschiedenen Seniorenanstalten. Die Pro Seniore Residenz Bad Bergzabern nimmt an diesem Projekt seit einem halben Jahr teil.

Es beinhaltet vier Erzähltermine mit einer Märchenerzählerin. Danach folgt ein zweitägiges Seminar, bei dem die Mitarbeiter in Sachen Märchenhandlungen und deren Erzählweise geschult werden. Zum Schluss gibt es eine Supervision zur Reflexion der Herangehensweise, um das Team in Sachen Erzählungen von Märchen für demenzkranke Heimbewohner richtig fit zu machen.

Eine spannende, tief berührende Sache, so schildert die Residenzleitung Kerstin Naab die Situationen, wenn Demenzerkrankte auf alte, wiedererzählte Legenden treffen. „Zu sehen, wie unsere Bewohner reagieren, ist manchmal echt ergreifend“, erklärt Mitarbeiterin Claudia Torn, „man kennt ja die Märchen selbst von früher.“ Beide konnten eine positive Resonanz ihrer Bewohner auf die Erzählungen feststellen. Auch Freude und ein Schwelgen in längst vergangenen Erlebnissen ist zu spüren, berichtet das Team.

Ganz unterschiedliche Reaktionen

In dieser Zusammenarbeit von AOK, Märchenland-Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung Berlin und der Pro Seniore Residenz Bad Bergzabern war Claudia König, ihres Zeichens Märchenerzählerin, viermal in Abständen von ein paar Tagen zu Gast. Der Begegnungsraum war immer bis auf den letzten Platz gefüllt. Erwartungen waren bei den Heimbewohnern keine da. Märchen? Ja, von mir aus.

Dann aber war der Auftritt von Märchenerzählerin König beeindruckend. Ganz unterschiedliche Reaktionen der Zuhörer wurden dabei abgerufen. Gekonnt jongliert die Märchenerzählerin, gekleidet in einem langen, golden bestickten Brokatmantel, mit Lautstärke, Gesichts- und Augenausdruck. Auch das Gestikulieren ihrer Hände wird genau beobachtet. Sie hat die Menschen in ihrem Bann, als sie die Geschichte vom Lehrer Lämpel erzählt. Max und Moritz mit ihren gar nicht lustigen Streichen ziehen immer noch. Ein Lächeln huscht da über die Lippen von dem einen oder anderen Zuhörer.

Manche haben sich gemütlich in ihren Rollstuhl gekuschelt und hören mit halb gesenkten Augenlidern zu. Andere sind von Anfang an voll dabei und schlummern aber nach der vierten Geschichte sanft weg. Wieder andere knabbern beim Zuhören an einem Keks. Manche Senioren sind am Anfang innerlich dagegen, wollen einfach nicht, tauen aber im Laufe der Erzählungen auf und sind am Ende sogar etwas enttäuscht, dass die märchenhafte Stunde vorbei ist. Allen hat es am Ende Spaß gemacht. Denn Märchen sind im Kopf verankert. Auch wenn die meisten Bewohner die Story allein nicht mehr zusammenbekommen. „Manche vergessen für diese kurze Zeit ihre Wehwehchen und sind voll dabei“, sagt Kerstin Naab. „Diese eine Erzählstunde ist viel wert.“

Erinnerungen an den Bruder

Christiane Falk, Bewohnerin im Pro Seniore seit 2024, resümiert in einer ruhigen Minute, dass es ihr sehr gut gefallen hat. Sie kann sich erinnern, früher ihrem Bruder vorgelesen zu haben. Cornelia Sikora, seit 2025 in der Residenz, fühlt sich wie an Weihnachten. Es habe ihr Herz berührt, berichtet das Team um Kerstin Naab. Christian Gündels Mutter Annelies wohnt seit 2020 hier. Er erzählt: „Meine Mutter ist dement. Ich habe sie als eine sehr intelligente Frau in Erinnerung. Die Demenz meiner Mutter war auch für mich nicht einfach. Ich hätte nicht gedacht, wie positiv sie auf die Märchen reagiert, als Frau König anfing zu erzählen. Meine Mutter hat sie auch noch an verschiedenen Stellen verbessert.“ Gündel lächelt. Er hätte nie so eine Reaktion vermutet und ist wirklich angenehm überrascht.

Es gibt eine erste wissenschaftlich dokumentierte Forschungsstudie über positive Auswirkungen von Märchen-Erzählungen auf Menschen mit Demenz. Das 2004 von Silke Fischer und Monika Panse gegründete Märchenland will das Kulturgut Märchen in das Bewusstsein der Gesellschaft rücken. Die Erzählungen sollen als emotionale, traditionelle und innovative Kraft in der Altenpflege genutzt werden. Die Gründerinnen finden, Märchen sind Nahrung für die Seele. Oder wie die Bewohnerin Aurelia Schollenberger überrascht lächelnd erzählt: „Es war so schön. Ich habe mich gewundert, denn ich konnte plötzlich den Schluss des Märchens vorsagen, das war gut.“ Auch Residenzleiterin Kerstin Naab empfindet dieses Projekt als Mehrwert im Umgang mit Demenzkranken.

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