Interview
Demenz: „Frühes Handeln kann den Verlauf beeinflussen“
Herr Professor Adler, wenn wir über Demenz sprechen, denken viele Menschen zunächst an anfängliche Vergesslichkeit. Ab wann ist das ein Grund zur Sorge?
Grundsätzlich ist es so, dass die Alzheimer-Erkrankung, die häufigste Ursache der Demenz, ein jahrzehntelanger biologischer Prozess ist. Schon bevor die klinischen Kriterien einer Demenz erfüllt sind, treten erste Symptome auf. Häufig werden Betroffene depressiv verstimmt, ängstlich oder ziehen sich sozial zurück. Manche bemerken auch selbst Veränderungen, wie zum Beispiel subjektive Gedächtnisstörungen. Die Schwierigkeit ist tatsächlich, diese Symptome von normalem Altern zu unterscheiden.
Gibt es ihrer Erfahrung nach Anzeichen, die man auf jeden Fall ernst nehmen sollte?
Wir haben in unserem Institut eine Studie durchgeführt, bei der wir Menschen mit beginnender oder leichter Alzheimer-Demenz befragt haben, wie sie den Beginn der Erkrankung wahrgenommen haben. Aus diesen Selbstauskünften haben wir eine Liste mit rund 20 typischen Symptomen erstellt und dann untersucht, welche Anzeichen tatsächlich einen Vorhersagewert für eine Alzheimer-Demenz haben.
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Dass es vier Hauptanzeichen gibt. Darunter fallen zum Beispiel Probleme mit dem episodischen Kurzzeitgedächtnis. Wenn Betroffene also erst kürzlich vereinbarte Termine oder Verabredungen vergessen. Oder auch, wenn ihnen das Weiterlesen eines Buches schwerfällt, weil sie sich nicht mehr an die Inhalte erinnern können, die sie in den Tagen zuvor gelesen haben.
Welches sind die drei anderen Hauptanzeichen für eine beginnende Alzheimer-Demenz?
Zum einen der Verlust von zeitlicher sowie räumlicher Orientierung. Wenn man also länger darüber nachdenken muss, welchen Monat wir gerade haben, oder wenn es an fremden Orten plötzlich deutlich schwerer fällt, sich zurechtzufinden. Etwa, wenn man im Urlaub die Hotelrezeption sucht oder das beim Einkaufszentrum geparkte Auto. Darüber hinaus berichten viele Betroffene im Anfangsstadium einer beginnenden Alzheimer-Demenz von kognitiven Blackouts – also kurzen Momenten der Verwirrung oder Desorientierung, in denen sie etwas ganz Alltägliches vergessen haben.
Diese Symptome von normalen Alterserscheinungen abzugrenzen, dürfte trotzdem nicht ganz so einfach sein.
Das stimmt, denn viele der genannten Symptome treten in einem gewissen Maße auch bei gesunden älteren Menschen auf. Entscheidend ist die Häufigkeit. Wenn solche Probleme regelmäßig auftreten, also zum Beispiel mehrmals in der Woche, könnte das ein Hinweis auf eine beginnende Demenzerkrankung sein. Wichtig ist auch, wie stark die Symptome den Alltag beeinträchtigen. Um das besser einschätzen zu können, gibt es zum Beispiel eine Checkliste, um die kognitiven Blackouts zu quantifizieren. Je mehr Punkte jemand darauf erreicht, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Gedächtnisproblem vorliegt.
Was empfehlen Sie Menschen, die solche Anzeichen bei sich oder ihren Angehörigen bemerken?
Wichtig ist, frühzeitig zu handeln. Am Mannheimer Institut für Studien zur Psychischen Gesundheit (ISPG) bieten wir in Zusammenarbeit mit der Alzheimer-Gesellschaft zum Beispiel ein Präventionsprogramm an, bei dem auch die erwähnte Checkliste zum Tragen kommt.
Wie läuft dieses Präventionsprogramm ab? Und wer kann daran teilnehmen?
Das Programm steht grundsätzlich allen Menschen ab 60 Jahren offen. Es besteht aus einer umfassenden Untersuchung, darunter auch Labortests und gegebenenfalls gentechnische Analysen. Gesetzlich Versicherte können sich über die Alzheimer-Gesellschaft anmelden, die die Kosten durch Spenden finanziert. Privatversicherte können die Kosten in der Regel über ihre Versicherung abrechnen. Wichtig ist, dass die Teilnahme ohne Überweisung durch den Hausarzt möglich ist. Gerade weil viele Menschen Hemmungen haben, dieses Thema in ihrem sozialen Umfeld anzusprechen, ist es uns wichtig, dass sie sich direkt an uns wenden können.
Kann man einer Demenz auch vorbeugen? Wenn ja, wie?
Ja, bis zu einem gewissen Grad kann man das schon. Studien zeigen, dass etwa ein Drittel aller Demenzerkrankungen durch ein besseres Risikofaktorenmanagement vermieden werden könnte. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören: Normalgewicht halten, den Cholesterinspiegel kontrollieren, Bluthochdruck und Prädiabetes behandeln sowie insgesamt auf einen gesunden Lebensstil achten – also auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung setzen.
Und hilft es auch, regelmäßig Kreuzworträtsel oder Sudokus zu lösen?
Auch geistige Aktivität spielt selbstverständlich eine Rolle. Kreuzworträtsel, Sudoku oder andere Formen des Gehirnjoggings können helfen, das Gehirn fit zu halten. Entscheidend ist, dass man die eigenen Schwachstellen trainiert, zum Beispiel durch Konzentrationsübungen oder das Erlernen von Merktechniken.
Termin
Professor Georg Adler (67) ist Leiter des Instituts für Studien zur Psychischen Gesundheit in Mannheim und Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Rheinland-Pfalz. Auf Einladung der Selbsthilfegruppe Schlafapnoe Mutterstadt und Umgebung hält er am Montag, 3. November, 18 Uhr, einen Vortrag zum Thema „Zeichen der beginnenden Demenz – wie kann man sie bei sich und anderen erkennen?“. Die Veranstaltung findet statt im Mutterstadter Pfarrer-Bähr-Haus, Trifelsstraße 4-6. Der Eintritt ist frei, die Anzahl der Plätze ist allerdings begrenzt.