Südpfalz
Ameisen-Plage: Anwohner fühlen sich von der Stadt alleine gelassen
Folgende Vorstellung: Man öffnet morgens die Balkontür – und statt frischer Luft marschiert eine Ameisenarmee ins Haus. Oder noch schlimmer: Man legt sich schlafen, wacht auf und sieht, dass die Tiere inzwischen im Schlafzimmer angekommen sind. Hinzu kommt: Die Terrasse kann nicht mehr genutzt werden, der Garten ist unterhöhlt. Man traut sich auch kaum noch in den Urlaub, weil man nicht weiß, was die Ameisen noch alles anstellen. In Godramstein oder Landau gehören solche Szenarien zum Alltag mancher Bürgerinnen und Bürger, denen die Tapinoma magnum zu dicht auf die Pelle gerückt ist.
Mehrere fortpflanzungsfähige Königinnen
In mehreren Stadtteilen von Landau breitet sich die invasive Ameisenart aus. Betroffen sind Gebiete in Godramstein, darunter der Adolf-Kessler-Ring/Am Rauhberg, sowie der Landauer Stadtteil Südwest. Ursprünglich stammen die Insekten aus dem Mittelmeerraum, doch seit einigen Jahren siedeln sie sich zunehmend auch in Süddeutschland an. Tapinoma magnum sind relativ klein. Ihre Körperlänge beträgt zwischen 2 und 3,5 Millimetern. Tapinoma magnum ist laut Experten eine von insgesamt fünf in Deutschland vorkommenden Arten der Gattung Tapinoma, die sich sehr ähnlich sehen.
Sie bildet sogenannte Superkolonien, bestehend aus zahlreichen Brutzentren mit jeweils mehreren Königinnen und Tausenden Arbeiterinnen. So entsteht über die Jahre ein weitverzweigtes Netzwerk von Nestern einer Kolonie, das aus Hunderttausenden bis Millionen von Arbeiterinnen und Tausenden fortpflanzungsfähigen Königinnen besteht.
Die Anwohner sprechen gegenüber der RHEINPFALZ von psychischer Belastung, Resignation und fehlender Unterstützung durch die Stadt. Experten warnen: Ohne koordinierte Bekämpfungsmaßnahmen sind Erfolge kaum möglich. Die RHEINPFALZ hatte bereits im vergangenen Jahr über mehrere Fälle in Landau-Südwest, Godramstein, Herxheim, Hainfeld und Altdorf berichtet.
Massive Ausbreitung: Kein Einzelfall mehr
Elke Hübner aus Godramstein zeichnet ein „alarmierendes Bild“ im gesamten Bereich rund um den Adolf-Kessler-Ring. Ameisenstraßen und Sandauswürfe prägen das Bild. Betroffene Anwohner klagen über Tiere in Wohnräumen, verschlossene Fenster, nicht nutzbare Gärten und das Gefühl, von Verwaltung und Politik allein gelassen zu werden. Versuche mit handelsüblichen Ködern oder punktuellen Eingriffen durch Schädlingsbekämpfer und die Stadt seien ohne nachhaltige Wirkung geblieben. Der Grund: Es fehlt bislang eine koordinierte und flächendeckende Strategie, wie sie von Experten für eine dauerhafte Eindämmung gefordert wird. Resignation macht sich breit. Einige Anwohner denken laut Hübner inzwischen sogar an Wegzug – trotz eines erst kürzlich getätigten Immobilienerwerbs, weiß sie aus Gesprächen mit ihren Nachbarn.
Auch viele Blattläuse
Ein weiterer Aspekt, den Elke Hübner beobachtet hat: In ihrem Wohngbiet sei ein auffallend starker Blattlausbefall zu verzeichnen. Da sich die Ameisen von den zuckerhaltigen Ausscheidungen der Blattläuse (Honigtau) ernähren, „verfügen sie über eine konstante Nahrungsquelle“. Hübner schlägt vor, von Mai bis September alle acht bis zehn Tage gezielt gegen Blattläuse zu spritzen – auch direkt nach Regen – um die Nahrungsgrundlage der Kolonien zu schwächen. Eine solche Maßnahme könne zwar keinen Schädlingsbekämpfer ersetzen, aber unterstützend wirken.
In der gleichen Ecke wie Hübner wohnt auch Christiane Staufer. Sie bezeichnet die Situation vor Ort ebenso wie die Unterstützung durch die Stadt als desaströs. Im vergangenen Jahr seien die Ameisen noch nicht ins Haus eingedrungen, dies sei nun anders. „Sie sind im Wohn- und im Schlafzimmer angekommen“, erzählt Christiane Staufer, die seit 2015 in Godramstein wohnt. Gegen die Ameisenplage kämpfe sie seit vier Jahren – jedoch ohne Erfolg. „Es wird immer schlimmer.“ Sie habe das Gefühl, dass die Stadt ratlos sei. Auch dem Ortsvorsteher habe sie ihr Leid geklagt. Nur ein koordiniertes Vorgehen zwischen Kommune und Privatpersonen könne die Ameisen zurückdrängen, da ist sich Christiane Staufer sicher.
Ameisen Thema im Stadtrat
Jüngst war das Thema im Landauer Stadtrat. Hier hatte Oberbürgermeister Dominik Geißler kundgetan, dass die Verwaltung das Thema ernst nehme, aber erst noch ein gefördertes Forschungsprojekt der Staatlichen Naturkundemuseen in Stuttgart und Karlsruhe abwarten wolle, das die Basis für geeignete Gegenmaßnahmen liefern solle. Das Projetk ist den Angaben zufolge für zwei Jahre, bis Ende 2026, finanziert.
„Es reicht nicht, auf Forschungsergebnisse einer Grundlagenforschung in ein paar Jahren zu verweisen – die Stadt Landau muss endlich Verantwortung übernehmen und den Ernst der Lage erkennen“, sagt Elke Hübner. Nur mit einer abgestimmten Strategie zwischen Stadt und Anwohnern lasse sich das Problem effizient eindämmen. Die Stadt sei aufgefordert, das Problem ernsthaft anzugehen – ein fachliches Gutachten könne konkrete Empfehlungen liefern: zur Mittelwahl, zum Vorgehen und zur Koordination mit den betroffenen Eigentümern.
Verdacht auf Superkolonie
Wie schwer es ist, den Ameisen beizukommen, weiß der Entomologe Manfred Verhaagh vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe. Im Sommer 2024 begutachtete er das betroffene Gebiet in Godramstein persönlich. Er bestätigte den Verdacht auf eine weitverzweigte Superkolonie. „Bereits letztes Jahr war der Befall massiv“, sagt er. Solche Strukturen, die sich über mehrere Hektar erstrecken können, gelten als besonders widerstandsfähig gegenüber herkömmlichen Bekämpfungsversuchen. Verhaagh betont: Nur wenn alle betroffenen privaten und öffentlichen Flächen – Wege, Grundstücke, Spielplätze und Parkplätze – koordiniert behandelt werden, besteht Aussicht auf Erfolg. Das Auslassen eines einzelnen Grundstücks könne eine vollständige Bekämpfung zunichte machen. Auch aus seiner Sicht reichen Hinweise auf ein langfristig angelegtes Forschungsprojekt nicht aus – die Stadt müsse sofort handeln.
Die Ameisen haben im Bereich Landau nicht nur Godramstein für sich entdeckt. Auch in Landau-Südwest gibt es erhebliche Probleme. Ursula Britting-Schneider aus der Türkeimer Straße berichtet von einem riesigen Befall der flinken Krabbler, „der sich seit sieben Jahren stetig verschlimmert“. Die Tiere dringen regelmäßig in sämtliche Wohnräume ein – vom Schlafzimmer bis ins Bad, erzählt sie gegenüber der RHEINPFALZ. „Wie es unter dem Haus aussieht, möchte ich nicht wissen.“ Trotz intensiver privater Bekämpfungsversuche mit Spray und Pulver bleibe der Erfolg aus. „Es wirkt nur einige Tage, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“
„Da sagt keiner was“
Die Stadt habe bislang keine Hilfe geleistet, sagt Britting-Schneider. Urlaub sei für sie kaum noch möglich – zu groß sei die Sorge, die Kolonie könne sich während ihrer Abwesenheit ungestört weiter ausbreiten. Laut ihren Angaben sind auch viele Häuser in ihrer Straße betroffen. „Aber da sagt keiner was.“ Ein Nachbar habe bereits resigniert, was die Bekämpfung angehe, sie selbst sei auch zunehmend verzweifelt.
Die bisher dokumentierten Fälle zeigen: Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein Problem, das bereits verschiedene Stadtteile betrifft. Manfred Verhaagh verweist auf zwei etablierte Strategien, die in Deutschland und der Schweiz bereits Anwendung finden. Erstens: Die chemische Bekämpfung mit Kontaktinsektiziden und vergifteten Fraßködern, die von erfahrenen Fachleuten gezielt ausgebracht werden. Zweitens: Die insektizidfreie Bekämpfung durch den Einsatz von heißem Wasser – eine personalintensive Methode, wie sie unter anderem in Kehl und Schutterwald angewendet wird, erklärt Forscher Verhaagh.
Bekämpfung schwierig
Allgemein lasse sich aufgrund von Erfahrungsberichten aus Deutschland und der Schweiz sagen, dass die Bekämpfung nicht einfach sei „und vor allem bei größeren Kolonien eines langen Atems und konsequenten Handelns bedarf“. Häufig werde es aus Kosten- und Zeitgründen vielleicht auch nur bei einer Reduzierung und Eindämmung der Kolonien bleiben.
Neben Landau und weiteren Orten in der Südpfalz wurden Vorkommen unter anderem auch schon in Nierstein, Ingelheim, Neustadt, Hanhofen, Speyerdorf und Otterstadt gesichtet, zählt Verhaagh auf. Auch in Luwigshafen gab es Meldungen über Vorkommen. Das Bundesamt für Naturschutz stufe Tapinoma magnum bereits als „potenziell invasive Art“ ein. Seit der letzten offiziellen Erhebung habe sich die Verbreitung weiter verschärft.
Info
Für Donnerstag, 12. Juni, um 16 Uhr lädt Elke Hübner zu einem Ortstermin in Godramstein (Rauhberg/Ecke Adolf-Kessler-Ring) ein. Auch die Mitglieder der Stadtratsfraktionen wurden eingeladen, sich vor Ort ein eigenes Bild vom Ausmaß der Situation zu machen.


