Südwestpfalz
Schock für Unternehmer: Corona-Hilfe muss zurückgezahlt werden
„Ich weiß noch, wie ich heulend in der Tür stand und nicht wusste, wie das Leben weitergehen soll.“ Wenn Andrea Zinßius-Hoffmann an den ersten Lockdown während der Corona-Pandemie zurückdenkt, sind die Eindrücke von damals schlagartig wieder da. Von heute auf morgen musste sie ihr Geschäft in Rodalben schließen. Für die selbstständige Unternehmerin ein harter Einschnitt. Sechs Wochen blieben die Friseur-Geschäfte im ersten Lockdown geschlossen. „Es ging alles so plötzlich“, erinnert sich Goldschmiedin Gepa Schönenberger, Inhaberin der Goldschmiede und Restaurierungswerkstatt in Waldfischbach-Burgalben. Auch sie musste ihre Türe zusperren.
Von heute auf morgen keinen Umsatz mehr: Vor diesem Problem stand auch das Café Grieve in Pirmasens. „Die Kosten und Ausgaben waren aber weiterhin da“, erinnern die Inhaber Marion und Hans Peter Grieve. Das Café sei letztlich über sieben Monate geschlossen gewesen. „Unsere gesamte Ware ist verdorben. Sogar das Bier war schlecht“, erzählt das Unternehmerpaar.
Die Kosten laufen weiter
Existenzielle Nöte, Ratlosigkeit und weiterlaufende Kosten – das sind die Themen, die den elf Geschäftsleuten sofort einfallen, die sich an diesem Abend in Rodalben treffen. Sie alle haben während des Lockdowns ähnliche Erfahrungen gemacht und stehen nun alle vor demselben Problem: Sie sollen die Corona-Soforthilfen des Bundes zurückzahlen, die sie 2020 in Anspruch genommen haben. Die Höhe variiert, bei etlichen geht es um 9000 Euro.
Zur Erklärung: Um die Bundeshilfe zu beantragen, mussten die Geschäftsinhaber im Jahr 2020 schätzen, wie hoch ihr Umsatz durch die Pandemie zurückgehen würde. Mittlerweile prüfen die Bundesländer auf Anordnung des Bundes, ob die Schätzungen von damals zutrafen. Der Bemessungszeitraum beträgt drei Monate.
Die Geschäftsinhaber reagieren mit Fassungslosigkeit und Unverständnis. Als die Corona-Hilfen in Aussicht gestellt worden seien, sei ihnen nicht klar gewesen, dass diese zurückgezahlt werden müssten.
Überstunden nach dem Lockdown
„Dadurch werden die Fleißigen bestraft“, kritisiert Ramona Wilhelm-Müller, Inhaberin von Maxi Frisuren-Design in Pirmasens. Nun heiße es, dass die Geschäfte nach dem Lockdown zu viel Umsatz gemacht und deswegen kein Anrecht auf die Hilfen hätten. Der Grund: Als nach den sechs Wochen Lockdown die Geschäfte wieder öffnen durften, machten die Friseurinnen Überstunden, manche arbeiteten einen Tag die Woche mehr. Dadurch wurde der Folgemonat nach dem Lockdown zu einem sehr umsatzstarken Monat.
„Die Kunden standen vor unserer Tür, was hätten wir denn machen sollen?“, fragen die Friseurinnen. Die Stammkunden nach sechs Wochen Lockdown abzuweisen sei undenkbar gewesen. „Wir waren ja froh, dass wir wieder arbeiten durften“, so Wilhelm-Müller.
Berechnungszeitraum von drei Monaten
Der Berechnungszeitraum von drei Monaten, an dem nun die Bedürftigkeit gemessen werde, gebe ein völlig falsches Bild ab, betont Jana Neuhard, Inhaberin von Hair Design in Lemberg. Der Umsatz aus sechs Wochen Lockdown fehle definitiv und habe nicht mehr nachgeholt werden können. „Die Menschen kamen nicht zweimal zum Haareschneiden und auch nicht zweimal zum Färben“, verdeutlicht sie.
Sie betrachtet stattdessen den Umsatz des gesamten Jahres 2020: Im Vergleich zu 2019 habe sie 11.000 Euro weniger Umsatz gemacht. Sie sei bisher davon ausgegangen, dass 9000 Euro durch die Corona-Soforthilfe aufgefangen würden. Warum werde nicht der Umsatz des ganzen Jahres berücksichtigt, fragt die Friseurin. Zumal 2020 durch den ersten Lockdown das Ostergeschäft, durch den zweiten das Weihnachtsgeschäft ruiniert worden sei.
Hohe Preise während Pandemie
„Wir waren alle bedürftig“, betonen die Geschäftsleute. Die privaten Ausgaben wie Mieten, Krankenkassenbeiträge und Rentenversicherung seien weitergelaufen, der Verdienst komplett weggefallen. Was ebenfalls nicht berücksichtigt werde, seien die hohen Kosten während der Pandemie. Die Preise für Desinfektionsmittel, medizinischen Mundschutz und Handschuhe seien explodiert, schildert Kosmetikerin Heike Adrian von Hair & Care Kosmetik in Erlenbrunn.
Für einen Fünf-Liter-Kanister Desinfektionsmittel seien statt 28,50 Euro plötzlich 78,50 Euro angefallen. Die Kosten, um überhaupt arbeiten zu können, seien stark gestiegen. „Wir haben im Monat 1000 Euro für Desinfektionsmittel ausgegeben“, sagt Hans Peter Grieve. Hinzu kämen die Schäden, die durch das Desinfektionsmittel an Stühlen und Tischen entstanden seien.
Geschäftsleute fühlen sich im Stich gelassen
Die Geschäftsleute sind sich einig: Wenn sie die Entwicklung damals schon gekannt hätten, hätten sie nicht so einfach ihre Geschäfte geschlossen. „Die haben uns mundtot gemacht“, sagen sie. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen – in dem Moment, als sie die Hilfe am nötigsten gebraucht hätten.
So wie ihnen geht es derzeit vielen Geschäftsleuten. Dazu zählen drei weitere Inhaberinnen aus Rodalben, Christina Riesbeck von Tinas Laufsteg, Rita James von Rita’s Flair und Tanja Quantius von Haartrend. „Wir sind nur ein kleiner Teil“, betonen sie.
Die meisten der Anwesenden haben Widerspruch eingelegt. Zahlen müssen sie trotzdem, viele überweisen in Raten. Andere haben sich dazu entschieden, ohne Widerspruch zu zahlen. „Ich hab’ einfach keine Kraft mehr“, sagt Marion Grieve. Corona habe das Café sehr viel Geld gekostet, das nun für die eigentlich geplanten Investitionen fehle. „Dabei wären Investitionen für unsere Wirtschaft wichtig“, sagt Hans Peter Grieve.
„Wir sind die Verlierer der Pandemie“
Besonders hart treffe es die Menschen, die mittlerweile in Rente seien und nun die Corona-Hilfen zurückzahlen müssten. Grieve ärgert die Ungerechtigkeit. „Es gibt Gewinner und Verlierer der Pandemie. Wir sind die Verlierer“, sagt er. Das Land Rheinland-Pfalz indes habe dank des Impfstoffherstellers Biontech Rekordsteuereinnahmen erzielt.
Der Bemessungszeitraum für die Corona-Hilfen sorgt auch bei Christiane Abel von Abel Organisation aus Rodalben für Kopfschütteln. Während dieser drei Monate habe sie noch Aufträge aus der Vor-Corona-Zeit gehabt. Danach sei das Geschäft nahezu zum Erliegen gekommen. „Die Auswirkungen spüren wir heute noch“, sagt sie. Das geht auch den Friseurinnen so. Das Verhalten der Kundinnen habe sich geändert, beispielsweise seien die Termin-Intervalle deutlich länger geworden.
Ihnen allen ist wichtig, dass die Menschen von ihrem Schicksal erfahren. Viele dächten, dass der Staat jedem Unternehmer Geld gezahlt habe. Sprüche wie: „Ihr seid ja fürs Nicht-Arbeiten bezahlt worden“, gebe es immer wieder. Dem wollen sie widersprechen. „Wir fühlen uns von der Politik verraten“, sagen sie.


