Südwestpfalz
Nach 30 Jahren das Aus für Französisch im Kindergarten
Seit 1986 haben viele Kindergartenkinder in Rheinland-Pfalz spielerisch die Sprache ihrer französischen Nachbarn lernen können. „Lerne die Sprache des Nachbarn“ heißt auch das Programm, an dem auch 23 Kindergärten im Kreis Südwestpfalz mitmachen. Dafür kamen französische Erzieherinnen für einige Stunden pro Woche in die Kita und brachten den Kindern spielerisch Französisch bei. Manche besuchten mehrere Kindergärten, sie waren aber nicht Teil der festen Belegschaft.
Im Kreis Südwestpfalz sind 23 Kindergärten betroffen
Für alle 23 Kindergärten läuft das Projekt im Juli aus, weil das dafür verwendete Geld künftig anders verteilt wird und breiter eingesetzt werden soll. In manchen Dörfern werden die Kleinen aber auch nach der Jahresmitte noch Französisch lernen: Weil die Kindergärten wegen des neuen Kindergartengesetzes sowieso mehr Personal brauchen, haben manche ihre französische Erzieherin ins Team aufgenommen und fest angestellt, darunter Rieschweiler-Mühlbach.
Der Landkreis hatte den Einrichtungen empfohlen, über die Personalplanungen die französischen Muttersprachler ab Juli zu beschäftigen, damit die Kinder auch weiterhin die Sprache lernen können. Wie viele Kindergärten das getan haben, konnte Kreissprecher Thorsten Höh nicht sagen. Nicht möglich war das auf jeden Fall in Reifenberg.
Mit dem Programm konnte auch die dortige Kindertagesstätte „Apfelbäumchen“ eine französische Erzieherin für fünf Stunden in der Woche beschäftigen. Doch mit dem Kitazukunftsgesetz ab 1. Juli läuft dieses Sprachförderprogramm aus. Die Eltern in Reifenberg sind enttäuscht und unterstützen eine Online-Petition, damit der Kreis in Zukunft die Kosten für das Programm in ihrer Kita übernimmt.
„Es ist sehr schade, da wir unsere Französin auf jeden Fall verlieren werden“, bedauert Tanja Becker, die Leiterin der Reifenberger Einrichtung. Seit 15 Jahren nimmt ihr Kindergarten an dem Programm teil, seit 15 Jahren ist mit Claire Pauly die gleiche französische Muttersprachlerin als Erzieherin in Reifenberg. Die Kita „Apfelbäumchen“ wurde zwischenzeitlich zu einer „Ecole maternelle Elysee“ und wird als bilinguale Kindertageseinrichtung geführt.
Reifenberg hätte Claire Pauly gerne bei sich behalten
Der Kindergarten hätte Claire Pauly gerne bei sich behalten. Aber genau das war in Reifenberg nicht möglich. Der eingruppige Kindergarten mit einer Betriebserlaubnis für 25 Kinder hat derzeit die Genehmigung für fünf Ausbauplätze, so dass 30 Kinder täglich in der Einrichtung betreut werden. Ob diese Ausnahmeregelung auch im Sommer noch gilt, war lange unklar, und der Kindergarten konnte der Französin kein Stellenangebot unterbreiten. Sie hat mittlerweile ein anderes Angebot bekommen und wird das „Apfelbäumchen“ verlassen.
„Die Kinder haben von Claire so profitiert“, bedauert Carmen Hey, eine der Mütter der Reifenberger Kinder den Weggang. Spielerisch habe ihre Tochter die französische Sprache gelernt. „Da wurde französisch gezählt, die Farben benannt, gesungen und sogar ein französisches Tischgebet gesprochen“, erzählt sie, wie die Kinder mit der Sprache in Kontakt kamen. „Manchmal kamen auch so Sätze wie: ,Schau mal ein Papillon’.“ So hätten die Kinder immer wieder französische Vokabeln und Bezeichnungen aufgeschnappt und auch selbst angewendet.
Dazu kommt, dass die französische Erzieherin das Kindergartenpersonal unterstützt und entlastet, aber nicht zum Personalschlüssel zählt und die Betreuung somit zusätzlich übernimmt. „Sie war quasi fünf Stunden in der Woche on top zu dem übrigen Personal verfügbar für die Kinder“, erklärt Leiterin Tanja Becker.
Wenn jemand an der Börse Geld verliert, gibt es den Spruch: „Ihr Geld ist nicht fort, es gehört jetzt nur jemand anderem.“ Ähnliches lässt sich über das Geld für die Sprachförderung sagen. Das Geld ist noch da, aber es heißt anders, liegt in einem anderen Topf, wird anders verteilt, und es entscheiden andere Stellen, was damit gemacht werden soll.
Der Kreis will das Geld für andere Dinge verwenden
Das Geld fließt jetzt ins sogenannte Sozialraumbudget, ein viel größerer Topf. Damit stehen dem Kreis ab Sommer Gelder zur Verfügung, mit denen er Projekte fördern kann. Im Gegensatz zu dem Programm „Lerne die Sprache des Nachbarn“, bei dem das Land gezielt die französischen Erzieher bezahlte, ist der Kreis für die Projekte und die Verteilung des Budgets zuständig, und er hat schon früh ausgeschlossen, das Geld für den Französischunterricht zu verwenden.
Für 2022 beträgt das Budget für den Kreis Südwestpfalz knapp 1,25 Millionen Euro. Vom Land kommen 60 Prozent – knapp 750.000 Euro. Um die voll zu erhalten, muss der Kreis 40 Prozent einbringen, knapp 500.000 Euro.
Ein Institut in Mainz soll laut Kreisverwaltung ein Konzept entwickeln, und das Kreisjugendamt stehe mit dem Institut in intensivem Austausch, konkrete Ergebnisse könne man aber noch nicht mitteilen. Das Kreisjugendamt gehe davon aus, dass es dem Jugendhilfeausschuss Mitte oder Ende Juni ein entscheidungsreifes Konzept vorgelegen wird. Rieschweiler-Mühlbachs Beigeordnete Daniela Stauch hatte vergangene Woche im Gemeinderat berichtet, die Kindertagesstätten wünschten sich, dass die Kita-Sozialarbeit deutlich gestärkt wird.
Die beiden anderen pfälzischen Landkreise entlang der französischen Grenze haben dagegen entschieden, das Französischprogramm fortzuführen. Der Kreis Germersheim nimmt einen Teil seiner 2,5 Millionen Euro aus dem Sozialraumbudget, um damit die französischen Sprachkräfte zu bezahlen. Der Kreis Südliche Weinstraße schießt eigenes Geld zu, um weiter Französisch im Kindergarten anbieten zu können. Dort hatte sich eine Elterninitiative gegründet, und der Kreiselternausschuss hat einen Online-Info-Abend organisiert, an dem 210 Teilnehmer zugeschaltet waren. Aus dem Kreis Südliche Weinstraße kommt auch die eingangs erwähnte Petition, die sich an den Landtag richtet. Sie ist im Internet unter petition.initiative-lsn.de zu finden, und man kann sie noch bis Dienstag unterstützen.