Kreis Südwestpfalz
Als fast alle Zweibrücker Juden deportiert wurden
„Eines sehr frühen Morgens, bei Nacht und Nebel, am 22. Oktober 1940, wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen: Stiefelgetrampel und lautes Klopfen an der Wohnungstür. Ich sah meine Eltern erbleichen, zu Tode erschrecken. In der Tür standen Gestapo-Leute in Zivil“, berichtet Margot Schwarzschild, die damals neun Jahre alt war. „In barschem Ton forderten sie uns auf, das Wichtigste zu packen, pro Person war ein Koffer erlaubt. Wir hätten das Reichsgebiet zu verlassen. In einer Stunde mussten wir bereit sein. Ich sah meinen Vater zittern, meine Mutter weinen. Ich spürte: Die Lage war ernster denn je, da gab es nichts mehr zu lachen.“
Was Familie Schwarzschild in Kaiserslautern vor 84 Jahren erlebte, widerfuhr zur selben Zeit allen Juden, die noch in der Pfalz, im Saarland und in Baden lebten. Jene aus kleineren Gemeinden wurden mit Bussen zu Sammelstellen und dann zum Hauptbahnhof einer größeren Stadt gebracht. Das waren außer Ludwigshafen vor allem Kaiserslautern für die Nord- und Westpfalz und Landau für die Südpfalz. Überall dürften sich ähnliche Szenen wie am Bahnhof in Kaiserslautern abgespielt haben, wo „die Hitlerjugend der ganzen Stadt Spalier stand, uns verhöhnte, beschimpfte und anspuckte“, erinnert sich Margot Schwarzschild.
Von Zweibrücken ins Internierungslager Gurs
Von der Bevölkerung der pfälzischen Städte wurde die Deportation registriert, sicher auch in Zweibrücken. Dort kam der Transportzug mit den südpfälzischen Juden aus Landau am Abend an. Zu den rund 120 zur Deportation nach Frankreich eingesammelten und in alte französische Personenwagen gestopften Juden aus den südpfälzischen Gemeinden waren weitere 24 aus der Südwestpfalz und schließlich 16 der 18 noch in Zweibrücken lebenden Juden dazugekommen. Dass wegen einer nicht mehr transportfähigen alten Frau, der ihre amerikanische Staatsbürgerschaft als Schutz diente, und ihrer sie pflegenden Tochter nicht ganz Zweibrücken „judenfrei“ wurde, dürfte den Nazis der Stadt ein Dorn im Auge gewesen sein. Als die hochbetagte und herzkranke Karolina Weis kurz darauf starb, musste ihre Tochter Irma unmittelbar danach Zweibrücken verlassen. Sie wurde von Stuttgart aus in ein Konzentrationslager im Osten deportiert und dort ermordet.
Mutter und Tochter Weis gehörten zu den sehr wenigen Juden, die am 22. Oktober 1940 der Deportation der pfälzischen Juden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich entgingen. „Rechtlos und wehrlos“ wurden damals rund 825 „Kleinkinder, Kinder, Erwachsene, alte und kranke Menschen in einen endlos langen Zug verladen, der sich langsam in Bewegung setzte. Drei Tage und Nächte ging die Reise“, erzählt Margot Schwarzschild. Die Fahrt ging von Zweibrücken aus weiter über Saargemünd und Dijon, wo am Folgetag zum ersten Mal eine warme Suppe gereicht wurde. Über Lyon, Nîmes, Narbonne, Carcassonne, Toulouse, Lourdes und Pau erreichte man nach drei Tagen Oloron am Rande der Pyrenäen. Von dort aus wurden die Deportierten mit Lastwagen in das 13 Kilometer entfernte Internierungslager Gurs gebracht.
Lager bestand aus primitiven Holzbaracken
Dort am Fuße der Pyrenäen im äußersten Südwesten Frankreichs war im Frühjahr 1939 ein Internierungslager für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien und französische Kommunisten errichtet worden, in dem bald darauf deutsche Emigranten, darunter viele Juden, festgehalten wurden. Die meisten der zu diesem Zeitpunkt Internierten flohen während des Durcheinanders nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich im Juni 1940 aus dem Lager. Die dadurch frei gewordenen Kapazitäten nutzten die Gauleiter der Saarpfalz und Badens für ihren Zweck: Sie wollten sich bei Hitler als Leiter der ersten „judenfreien“ Gaue empfehlen. Die Aktion war bis zuletzt geheim gehalten worden und überraschte auch die französischen Behörden. Da die geforderte Rückkehr ins Reich von deutscher Seite verweigert wurde, wurden die Züge zum nicht mehr vollbelegten Lager Gurs geleitet.
Das etwa drei Quadratkilometer große Lager bestand aus rund 380 primitiven Holzbaracken, in die je fünfzig bis sechzig Menschen gepfercht wurden. Die in Blöcke eingeteilten Baracken waren von Stacheldraht umgeben. Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht.
Ruhr, Tuberkulose und Typhus
Für die Aufnahme der Juden aus Deutschland waren kaum Vorbereitungen getroffen worden. Es mangelte an allem: Die Baracken waren nicht winterfest, anstelle von Fenstern gab es lediglich hölzerne Lüftungsklappen. Es waren nicht genug Nahrungsmittel und keine Medikamente vorhanden. Eine dünne Suppe und etwas Brot waren das Einzige, was es zu essen gab. Auch das Wetter machte den Menschen zu schaffen. Strömender Regen verwandelte das Lagergelände in eine Schlammwüste. Katastrophal waren auch die hygienischen Verhältnisse: Krankheiten wie Ruhr, Tuberkulose und Typhus waren an der Tagesordnung. Für die Insassen des Lagers wurde der Tod zum alltäglichen Begleiter. Im Winter 1940/41 starben vor allem durch Hunger und Krankheiten viele Alte. Unter ihnen war die 83-jährige Zweibrückerin Henriette Altschüler. Sie wurde mit den mehr als 1000 Toten auf dem außerhalb des Lagers liegenden Friedhof beerdigt.
Rund ein Viertel der aus der Pfalz deportierten Juden starb in Gurs oder anderen südfranzösischen Lagern, in die sie verlegt worden waren. Fast die Hälfte wurde 1942 in die Vernichtungslager im Osten, vor allem Auschwitz, verschleppt und dort ermordet. Lediglich ein Viertel konnte gerettet werden.
Nicht alle Schicksale Zweibrücker Juden erforscht
Die am 22. Oktober 1940 aus Zweibrücken deportierten Juden waren nicht die einzigen Shoa-Opfer, die aus Zweibrücken stammten. Zahlreiche Juden verließen schon vor 1939 die Stadt, um Schutz in der Anonymität größerer Städte mit größeren jüdischen Gemeinden oder im Ausland zu suchen. So halbierte sich die Zahl der Gemeindemitglieder von 1910 bis 1939 auf 114. Bis auf die genannten 18 Juden verließen die restlichen in den Folgemonaten die Stadt, in der das Leben für Juden nicht mehr sicher war. Wer von ihnen in der Saarpfalz oder Baden blieb, wurde auch im Oktober 1940 vom letzten Wohnsitz aus nach Gurs verschleppt. Es waren mehr als 6500 Männer, Frauen und Kinder, die aus den damaligen Gauen Saarpfalz und Baden nach Gurs deportiert wurden. Die vielen in anderen Reichsgebieten wohnenden Juden kamen bald darauf direkt in eines der Vernichtungslager im Osten, wie die gebürtigen Zweibrücker Michael Gugenheim und Rosa Altgenug, die in Theresienstadt ermordet wurden, und Eugen Weis, der im Konzentrationslager Riga starb.
Längst sind nicht alle Schicksale der Zweibrücker Juden erforscht.
