Herxheim
Pfälzer Metzger bereitet Leberwurst-Geschenk für Melnyk vor
Als Walter Adam am Mittwochabend auf sein Handy schaut, denkt er zuerst, ein Freund macht einen Witz. Er hat einen Screenshot eines Tweets von Andrij Melnyk erhalten. Zu sehen: Der Herxheimer Metzgermeister Adam mit seinen Leberwürsten. Er hatte der RHEINPFALZ das Interview zu den Themen Leberwurst und Nachwuchsmangel im Metzgerhandwerk gegeben. Melnyks Kommentar: „Ich mag Leberwurst“. Es stellt sich raus: Adams erste Annahme ist falsch, der ukrainische Botschafter hat tatsächlich das Interview mit Adam auf Twitter geteilt und oben auf seinem Profil angepinnt.
Adam weist auf Probleme des Handwerks hin
Die Vorgeschichte in Kürze: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war vom Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskij, ein Empfang verwehrt worden. Grund soll dessen Russland-Politik gewesen sein. Diesbezüglich hatte Steinmeier sich bereits zuvor entschuldigt gehabt. Die Ukraine hatte Bundeskanzler Olaf Scholz stattdessen eingeladen, Selenskij in Kiew zu besuchen. Dieser lehnte ab – und der Botschafter der Ukraine, Melnyk, bezeichnete Scholz’ Verhalten als das einer beleidigten Leberwurst. Die seit Tagen kontrovers diskutierte Aussage bestimmt die Schlagzeilen. Und sie war Anlass für das Interview mit Adam.
Der Obermeister der Fleischerinnung in der Südpfalz hatte ohne Zögern eingewilligt, über (beleidigte) Leberwürste und das Handwerk zu reden. Adam hat die Chance genutzt, ein Plädoyer für das Tagwerk eines Handwerkers zu halten und auf die prekäre Lage dieser Berufe hinzuweisen. Am Donnerstag hatte Adam dann einen interessanten Tag.
„Walter for President“
„Ich hab schon einiges überstanden“, sagt er lachend. Am Mittwochabend sei er wie üblich früh zu Bett gegangen, ein Metzger muss schließlich früh aufstehen. Am Morgen habe er dann die ersten Nachrichten auf seinem Handy gesehen. „Einer hat geschrieben: Walter for President.“ Im Laden sei den Tag über einiges los gewesen. Angefangen von „Euer Chef war wieder in der Zeitung“ bis zu „Ich hab’ schon lange keine Leberwurst mehr gegessen, gib mir mal eine beleidigte“ sei alles dabei gewesen. Die Mitarbeiterinnen hätten dann immer darauf hingewiesen, dass der Chef ja gesagt habe, dass es keine beleidigte Leberwurst gebe. „Das war ein schöner, angenehmer Tag“, bilanziert der 51-Jährige. Auch andere Herxheimer berichten, dass die Sache mit der Leberwurst Dorfgespräch gewesen sei.
Am Nachmittag habe sich ein Radiosender gemeldet und um ein Interview gebeten. Natürlich habe er zugestimmt, betont Innungschef Adam. Für seinen Betrieb brauche er die Aufmerksamkeit nicht – der Laden laufe gut. Das gilt wohl für jede der wenigen noch existierenden Metzgereien. Es gehe auch gar nicht um ihn, versichert Adam, sondern um den Beruf des Metzgers. „Ich bin froh über Anfragen und mache alles, was unserem Berufsstand weiterhilft.“ Und Aufmerksamkeit auf die Lage – Personal- und Fachkräftemangel, Nachwuchsprobleme, Metzgereiensterben – zu lenken, schadet sicherlich nicht.
Gibt es eine Fahrt nach Berlin?
Aber es gab auch Schattenseiten: Am Vormittag hatte Adam angekündigt, Leberwurst an den Botschafter zu liefern. Gerne auch mit persönlicher Übergabe. In den sozialen Netzwerken haben das einige Profile kritisiert. Unter den harmloseren Kommentaren waren Bemerkungen wie Melnyk verdiene es nicht, Pfälzer Leberwurst zu bekommen. Auch die Ausweisung des Botschafters wurde gefordert. Dafür hat Adam kein Verständnis. Auch Melnyk, egal wie unbeliebt er gerade sei, sei ein Mensch. Und natürlich habe er das Recht, Leberwurst zu essen, wenn er das möchte. Die Botschaft der Ukraine in Berlin hat bis Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage, ob Melnyk eine von Adam überbrachte Leberwurst in Empfang nehmen werde, reagiert.
„Nicht mal zehn Prozent des Interviews hatten mit beleidigter Leberwurst zu tun. Es wäre schön, wenn die Leute lesen, was ich gesagt habe – und nicht nur die Überschrift.“ Zum Krieg äußern will er sich eigentlich nicht. „Ich will keine Weltpolitik kommentieren.“ Aber es wird schnell klar: Adam verurteilt das Geschehen deutlich.
Immerhin zeichnet sich eine Entspannung in der diplomatischen Krise ab: Selenskyj und Steinmeier haben am Donnerstag miteinander telefoniert. Dabei seien die Irritationen aus der Vergangenheit ausgeräumt worden, teilte eine Sprecherin des Bundespräsidenten mit. Der ukrainische Präsident habe Steinmeier und die Bundesregierung zu einem Besuch in Kiew eingeladen. Als er das im Radio gehört habe, sei er sofort zu den Mitarbeitern gelaufen, berichtet Adam. „Seht ihr, nur weil euer Chef das mit der Leberwurst gesagt hat!“, habe er gerufen. Alle hätten gelacht. „Ein bisschen Spaß muss man haben. Und wenn es nur um Leberwurst geht.“