Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel Nostalgische Erinnerungen, Kritik, aber auch Lob: Das sagen Leser zur Kuseler Fußgängerzone

2018 wurde die Kuseler Fußgängerzone mit Mitteln aus der Städtebauförderung neugestaltet. Inzwischen überwiegt aber für viele Bü
2018 wurde die Kuseler Fußgängerzone mit Mitteln aus der Städtebauförderung neugestaltet. Inzwischen überwiegt aber für viele Bürger dort der Eindruck von Leerstand.

In der Kuseler Fußgängerzone folgt eine Ladenschließung auf die nächste. Dass die Entwicklung nicht spurlos an vielen Bürgern vorbeizieht, zeigen Leser-Reaktionen.

Kusel verändert sich: Mit der Parfümerie Wagner hat Ende Mai ein weiteres Geschäft die Fußgängerzone verlassen, nachdem das Damenmodegeschäft Samarah Moden bereits Ende April seine Türen geschlossen hatte. Auch das Modegeschäft Pop 2000 steht auf der Liste der Einzelhändler, die zumachen. Am 13. Juni ist der letzte Öffnungstag des Kleidergeschäfts, dessen Schließung Inhaberin Judith Geuer gegenüber der RHEINPFALZ mit der Höhe der Miete und der Nebenkosten begründete.

Die Redaktion der Westricher Rundschau hatte vor diesem Hintergrund am 11. Mai einen Leseraufruf gestartet und gefragt: Wie nehmen die Bürger die Entwicklung der Innenstadt wahr? Wie oft gehen sie dort noch hin, was vermissen sie und vor allem: Welche Ideen haben sie, um der Fußgängerzone wieder mehr Leben einzuhauchen? Mit letzterer Frage soll sich auch eine neue Arbeitsgruppe beschäftigen, auf die sich der Stadtrat Ende April auf Initiative eines CDU-Antrags mehrheitlich festlegte.

Seitdem haben zahlreiche Leserzuschriften die RHEINPFALZ erreicht – sowohl schriftlich per E-Mail als auch in der Kommentarspalte auf Facebook, wo der Aufruf ebenfalls geteilt wurde. Die Mehrheit der Rückmeldungen fällt eindeutig kritisch aus: Häufig genannt werden Leerstände, fehlende Aufenthaltsqualität und der Verlust früherer Anziehungspunkte – verbunden mit Erinnerungen an eine lebendigere Innenstadt in früheren Jahren.

„Muss in den sauren Apfel beißen“

„Wenn ich an meine Jugend denke, war in Kusel immer was, wo man hingehen konnte“, schreibt etwa Udo Krauss aus der Kreisstadt. Ähnlich blickt Michaela Kiesel, die nach eigenen Angaben ihre Schulzeit in Kusel verbracht hat, auf die frühere Zeit zurück: „In meiner Kindheit war schon was los in der Fußgängerzone – aber lange her.“ Ihrer Meinung nach gebe es vor allem zu wenige Angebote für Kinder und Jugendliche, etwa an Spielplätzen.

Ein weiterer Kritikpunkt von Kiesel: der Zustand mancher Gebäude. „Wenn man die Fußgängerzone wirklich erhalten möchte, muss man in den sauren Apfel beißen und die Besitzer darauf hinweisen, dass Instandhaltung auch wichtig ist“, merkt sie an. In dieselbe Kerbe schlägt die Kritik von Arnulf Weber aus Steinwenden. Kusel sei mal schön gewesen, meint er, heute sehe er aber in der Fußgängerzone zu viele schmutzige Gehwege und überquellende Mülleimer. Dennoch gebe es Lichtblicke, etwa das Restaurant Daniels am Markt.

Viel Trauer um das Café Schwinn

Auch fällt immer wieder der Name eines ehemaligen Traditionsgeschäfts, das nach der Meinung vieler Leser sinnbildlich für das frühere Kusel steht: das seit 2021 geschlossene Café Schwinn. „Früher, als es das Café noch gab, kamen viele Menschen, sogar aus dem Saarland, in die Stadt, um dort ihren Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen“, schreibt etwa eine Leserin aus Kusel, die anonym bleiben möchte.

Auch Birgit Barz, die ebenfalls in der Kreisstadt wohnt, meint, das Café sei einst ein „toller Treff für alle Generationen“ gewesen. „Es ist schade, wie tot Kusel in der Innenstadt geworden ist“, meint Barz. Einen Grund für den Rückzug vieler alteingesessener Geschäfte sehe sie in den Mietpreisen, die für die Betreiber nicht mehr lukrativ seien.

Weil der ehemalige Betreiber Ortwin Merz keinen Nachfolger finden konnte, steht das Café Schwinn seit 2021 in der Fußgängerzone
Weil der ehemalige Betreiber Ortwin Merz keinen Nachfolger finden konnte, steht das Café Schwinn seit 2021 in der Fußgängerzone leer.

Ebenfalls hat sich Julius Krauß in Bezug auf das Café zu Wort gemeldet. Er sieht in der Entscheidung der Kuseler, die 2017 bei einem Bürgerentscheid gegen den Abriss des historischen Hauses Sauvage stimmten, eine verpasste Chance. „Hätte man dort einen Minispielplatz installiert, von dem Eltern beim Kaffee ihre Kinder hätten beobachten können, wäre das Café Schwinn geblieben“, ist er überzeugt.

Kritik an Hebesatz, Lob für Kulturszene

Als eine der „letzten verbliebenen Gewerbetreibenden in der Kuseler Fußgängerzone“ bezeichnet sich Sabina Decker, Inhaberin des Tattoo-Studios Delirium Ink Tremens. Einen Grund für den Leerstand sieht sie vor allem in der Höhe des Gewerbesteuer-Hebesatzes, der sich ihrer Meinung nach abschreckend auf Geschäftsleute auswirke. Laut der Hebesatz-Satzung der Stadt von 2024 liegt dieser bei 380 Prozent – und damit nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zwar 29 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, aber drei Prozent über dem Landesdurchschnitt.

Die Geschäftsinhaberin findet allerdings auch lobende Worte – und zwar zum kulturellen Angebot in der Kreisstadt durch das Kinett. Mit durchschnittlich über 100 Konzerten pro Jahr liege das Kulturzentrum auf internationalem Niveau und brauche in diesem Punkt den Vergleich mit Städten wie Köln oder Berlin keineswegs zu scheuen, meint Decker.

„Braucht klaren Anlass, der Menschen anzieht“

Gedanken, wie die Situation in der Fußgängerzone besser werden kann, hat sich Sina Paulus aus Friedelhausen gemacht. „An erster Stelle braucht Kusel einen klaren Anlass, der Menschen anzieht. [...] Besucher kommen selten zufällig, sie suchen Erlebnisse, Atmosphäre oder Besonderheiten.“ Eine Chance sehe sie daher auch in kleineren Veranstaltungen wie Flohmärkten oder regionalen Spezialitätenfesten, die regelmäßig stattfinden und sich so zum Anziehungspunkt etablieren könnten.

Feste und Veranstaltungen wie das Altstadtfest (hier eine Archivaufnahme aus 2022) schaffen es noch immer, Menschen in die Stadt
Feste und Veranstaltungen wie das Altstadtfest (hier eine Archivaufnahme aus 2022) schaffen es noch immer, Menschen in die Stadt zu locken.

Ebenso entscheidend sei aus ihrer Sicht die Aufenthaltsqualität, etwa durch saubere Plätze, Sitzmöglichkeiten, Grünflächen, Blumen, gute Beleuchtung und gepflegte Fassaden. Auch einen Brunnen mit Bachlauf für Kinder im Sommer nennt Paulus als Positivbeispiel. Bei der geplanten Sanierung des Kochschen Markts ist eine vergleichbare Wasseranlage mit einer neuen Brunnentechnik angedacht. Ob das am Ende auch umgesetzt wird, ist allerdings mit Blick auf die Gesamtkosten des kostspieligen Projekts derzeit fraglich.

Frust wegen Dauerparkern

Luft nach oben sieht auch Axel Müller aus Haschbach, allerdings beim Thema Parken. Er würde gerne häufiger die Fußgängerzone besuchen, gäbe es da nicht das Problem mit Dauerparkern am kostenfreien Parkplatz am Kuselbach. Bereits kurz nach 8 Uhr sei dieser meistens voll belegt, beklagt er. Sein Vorschlag, um gegen Dauerparker vorzugehen: eine Beschränkung der Parkzeit auf zwei bis drei Stunden, zumindest für die Hälfte der Parkplätze.

Mehr Möglichkeiten, essen zu gehen und draußen zu sitzen – das wünscht sich Hans-Albert Geil. „Wir haben gerne und oft am Marktplatz gesessen und die Lokale besucht“, schreibt er und ergänzt: „Sehr schade, dass ein so schöner Platz nicht besucht werden kann – bei Sonne und sonntags.“ Ähnlich äußert sich Petra Zunkel aus St. Wendel: Gerade im Gastronomiebereich müsse sich mehr im Freien abspielen.

Frankreich als Vorbild?

Das Thema Verkehr beschäftigt auch Dieter Harth, der zehn Jahre lang für die SPD im Stadtrat saß. Bereits während seiner Ratsmitgliedschaft sei die Zukunft der Fußgängerzone mehrfach kontrovers diskutiert worden, schreibt er. Aus seiner Sicht könne eine „duale Lösung“ helfen, wieder mehr Betrieb in die Innenstadt zu bringen. Als Vorbild sehe er dabei die elsässische Stadt Ribeauvillé, wo sich Fußgänger und Autos eine verkehrsberuhigte Einkaufsstraße teilen. Entsprechende Regelungen wünsche er sich auch für die Kuseler Fußgängerzone – darunter eine Einbahnführung, eine Begrenzung auf Schrittgeschwindigkeit sowie zeitlich begrenzte Kurzzeitparkplätze, die durch eine Markierung klar vom Fahrweg abgetrennt sind.

Nur noch wenige Stände finden sich freitags auf dem Kochschen Markt in Kusel. Mit einer Sanierung will die Stadt den Platz einla
Nur noch wenige Stände finden sich freitags auf dem Kochschen Markt in Kusel. Mit einer Sanierung will die Stadt den Platz einladender gestalten.

Michael Hebert aus Rammelsbach betrachtet dagegen die Idee einer autofreien Innenstadt kritisch – ein Konzept, bei dem Stephan Just (Grüne) im Stadtrat angeregt hatte, zumindest darüber nachzudenken. Aus seiner Sicht greife die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Fußgängerzone zu kurz. Vielmehr müsse die Finanzausstattung der Kommunen verbessert werden: „Kreise, Städte und Gemeinden sind einfach zu klamm, trotz hoher Steueraufkommen.“

Zwischen Pessimismus und Zuversicht

Insgesamt zeigt sich in den Zuschriften und Kommentaren ein gespaltenes Bild, bei dem die negativen Stimmen jedoch eindeutig überwiegen. Und die meisten davon finden sich auf Facebook. „Viele möchten sie gerne zurück, diese lebhafte Zeit“, schreibt etwa Anja Clos. Doch dieser Zug sei ihrer Meinung nach in Kusel mittlerweile abgefahren. Zu groß sei die Konkurrenz durch das Internet, die den Einzelhandel neben hohen Miet- und Lohnkosten unter Druck setze.

Optimistischer äußert sich dagegen Anette Horbach aus Kusel. „Anstatt alles negativ zu sehen, wäre es wichtig, das noch Vorhandene zu unterstützen“, lautet ihr Appell. Ähnlich fällt die Meinung von Ulli Mitzweil aus: Werde Kusel permanent nur schlecht geredet, trage das dazu bei, dass Menschen die Kreisstadt meiden. Und Potenzial gibt es – meint Lisa Schibisch aus Oberkirchen: „So ein netter Ortskern, ein Schmuckkasten, wenn’s richtig gemacht wird.“

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