Kusel
Marco Staudt: Eine Bundestagskandidatur wie aus dem Nichts
Zu Beginn der vergleichsweise kurzen Veranstaltung am Freitag im Kuseler Horst-Eckel-Haus hatte es danach überhaupt nicht ausgesehen – vielmehr nach einem Alleingang des Kaiserslauterer Stadtratsmitglieds Sven Simer. Denn der avisierte zweite Bewerber war im Vorfeld weggefallen. Stefan Scheil, vor vier Jahren Kandidat der AfD im Wahlkreis Kaiserslautern-Kusel-Donnersberg, hatte sich im Vorfeld dazu entschlossen, lieber in seinem Heimatkreis Ludwigshafen anzutreten.
Damit schien der Weg frei für den 47-Jährigen aus Erfenbach, der noch am Vormittag eine eigens gestaltete neue Homepage freigeschaltet hatte. Zum Glück für ihn ohne den Hinweis, dass er sich um das Bundestagsmandat bewirbt. Er, der die AfD seit 2015 unterstütze und ihr seit 2018 angehöre, sei mehrfach angesprochen worden, ob er denn nicht in das Bundestagsrennen gehen wolle – und habe es gemacht, obwohl er das eigentlich erst für in vier Jahren vorgehabt habe. Doch da sich nun die Gelegenheit ergebe...
Entsprechend zuversichtlich ging der Berufskraftfahrer, der zwei Drittel seiner Zeit in der Zentralschweiz Bus fährt, in den Wahlakt – und war erkennbar überrascht, als es nicht bei einem Vorschlag blieb; als Alwin Zimmer seinen Kuseler Kreistagskollegen Staudt ebenfalls nominierte und dieser auch sofort ja sagte.
Er habe sich schon länger mit dem Gedanken getragen, sagte Staudt anschließend. Offenbar hat er als Kuseler Direktkandidat im Landtagswahlkampf seinen Spaß daran gefunden, nochmals für höhere Weihen anzutreten. Selbst innerhalb seines eigenen Kreisverbands – Ausnahme Zimmer – waren diese Pläne vorher nicht bekannt.
Also wurde aus dem vermeintlichen Alleingang doch noch eine Kampfabstimmung, in der Staudt mit zwölf zu zehn Stimmen die Oberhand behielt. Dies vermutlich nicht zuletzt aufgrund seiner sehr engagierten Rede, die deutlich kämpferischer und rhetorisch geschliffener rüberkam als Simers etwas blutleerer Vortrag. In den Inhalten unterschieden sich die beiden allerdings nur wenig. Er sehe das Recht auf freie Meinungsäußerung in Gefahr, weil andere als die gängigen Meinungen verächtlich gemacht würden, klagte Staudt. Die AfD hingegen lebe Meinungsvielfalt aus, behauptet er.
Er sei gegen jede Art von Extremismus, gegen die CO2-Steuer und gegen die Rente mit 67, während die Menschen in europäischen Nachbarländern mit 62 in den Ruhestand gingen, und er fürchte, dass der deutsche Michel auch im September „wieder fleißig die Altparteien wählen wird“, nicht die „Stimme des Volkes“. Jedenfalls sei es wichtig, sagte er mit Blick auf seinen eigenen Beruf, dass „wieder ein Handwerksmeister in den Bundestag komme. Das neue Rot ist blau“.
Kleine Anekdote am Rande: Der stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Jan Bollinger hatte sich eigens aus Neuwied aufgemacht, um der Kandidatenkür in Kusel beizuwohnen, sicher allerdings die falsche Zeit notiert. So traf er gerade noch ein, um die letzten Silben von Staudts Schlusswort zu hören.