Kusel
Gewaltexzess schlägt hohe Wellen: Behörden schweigen zu Schüler-Attacke am Bahnhof
Einige Tausend Reaktionen zeugen von immensem Interesse: Seit über einer Woche macht ein Posting auf Facebook im Internet die Runde. Dass dem Beitrag weit übers Kuseler Land hinaus Land so hohe Aufmerksamkeit zuteil wird, verwundert indes kaum: Geht es darin doch um einen höchst brutalen Angriff eines großgewachsenen jungen Mannes auf einen schmächtigen, sichtlich Jüngeren, der mitgefilmt wurde.
Der Facebook-Beitrag ist inzwischen vieltausenfach „geliked“, geteilt und kommentiert worden. Er zeigt einen verfremdeten Screenshot aus dem Video. Ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat den Angriff Michael Daniel, Kuseler Bürger und Stadtratsmitglied. Ehe Daniel „aus persönlicher Bestürzung“ heraus diesen Weg eingeschlagen und das ihm zugegangene Video auf seinem Facebook-Account zum Thema gemacht hat, haben wohl schon Ungezählte den Clip gesehen.
In keinem Polizeibericht aufgetaucht
Daniel wisse nicht, auf welchen Plattformen das Video geteilt wurde – aber die Aufnahme machte offenbar schon eine Zeit in sozialen Medien die Runde. Die Sequenz ist wohl gezielt entstanden, vermutet Daniel: „Das ist nicht zufällig gefilmt.“ Da habe nicht ein Unbeteiligter spontan das Smartphone gezückt. Man habe sich anscheinend mit der Dokumentation dessen gebrüstet, was in gewissen Kreisen offenbar als „Heldentat“ betrachtet wird, mutmaßt das CDU-Stadtratsmitglied.
Gerne hätte die RHEINPFALZ so aktuell wie möglich über den Vorfall berichtet, der sich bereits Anfang Mai zugetragen hat. Doch Näheres dazu in Erfahrung zu bringen und weiter darüber zu informieren, erwies sich als schwierig. Denn in keinem Polizeibericht ist das Geschehen aufgetaucht, auch nur mit einer Silbe erwähnt worden. Weder die Pressestelle des Polizeipräsidiums Westpfalz in Kaiserslautern noch die Polizeiinspektion Kusel hat einen Pressebericht dazu veröffentlicht. Auch die Staatsanwaltschaft, die in heiklen Fällen früh einschreitet und sich dann die Pressearbeit vorbehält, hat bis heute aus eigenem Antrieb heraus nichts zu dem Vorfall verlauten lassen.
Kommunalpolitiker bringt die Sache ins Rollen
Es war Michael Daniel, der die RHEINPFALZ auf die Spur dieses brutalen Angriffs gebracht hat. Der Pressesprecher des CDU-Kreisverbands Kusel habe sich gewundert, dass kein Medium über die Angelegenheit berichtet hat. Dabei spielt sich der Angriff, klar erkennbar für Einheimische, am Kuseler Bahnhof abgespielt. Erst auf Anfrage der RHEINPFALZ hin gab es zumindest eine Bestätigung, dass die Angelegenheit überhaupt aktenkundig ist. Die Strafverfolgungsbehörden haben einige Tage gebraucht, um eine Begründung zu liefern. Mittlerweile hat der Leitende Oberstaatsanwalt in Kaiserslautern, Udo Gehring, dazu Stellung genommen: „Von einer Pressemeldung am Beginn der Ermittlungen haben wir abgesehen, um Beweiserhebungen nicht zu gefährden.“
In seiner Antwort auf die RHEINPFALZ-Anfrage hat Gehring auch mitgeteilt, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einem 15-Jährigen aus Kusel handelt. Der 13-Jährige soll so schwer verletzt worden sein, dass er notoperiert werden musste. Laut Leitendem Oberstaatsanwalt gibt es derzeit keine Erkenntnisse über weitere unmittelbar Beteiligte. Auch das Motiv sei derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen. „Der Beschuldigte hat von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht“, sagt Gehring. Man suche noch immer Zeugen. Bislang ohne öffentlichen Zeugenaufruf.
Schulaufsicht: „Vorfall in privatem Umfeld“
Nach Informationen der RHEINPFALZ handelt es sich bei beiden Beteiligten um Schüler der Realschule plus in Kusel. Am 8. Mai habe es „eine schulische Exkursion“ gegeben, an der Lehrkräfte und Schüler beteiligt waren. Zumindest diese Information hat sich die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier entlocken lassen. Aber: „Die schulische Veranstaltung war bereits beendet“, schreibt Eveline Dziendziol, Sprecherin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier. „Aufgrund dessen kann sich die Schulleitung nicht zu dem Vorfall im privaten Umfeld äußern“, heißt es aus dem Hause der Schulaufsichtsbehörde.
Was die ADD mit diesen Worten ins „private Umfeld“ und damit aus ihrem Zuständigkeitsbereich hinaus verlegt, sind erschreckende Szenen: Wenige Meter entfernt vom Fahrradunterstand hinter den Gleisen bewegen sich die beiden Personen. Unvermittelt packt der einen Kopf Größere den Kleineren, schlägt hemmungslos auf ihn ein und bringt ihn mit offenbar geübtem Griff zu Boden. Dann tritt der Angreifer auf den wehrlos am Boden liegenden Jungen ein, drei Mal. Im Video wirkt es, als sei der Peiniger seinem Opfer auf den Kopf gesprungen. Bei den letzten Sequenzen sieht man Autos vorbei fahren, die Fahrer hupen – offenbar empört über das Geschehen. Das Video liegt der RHEINPFALZ vor.
Daniel: Auch über Videoüberwachung nachdenken
Michael Daniel habe erfahren, dass der 13-Jährige aus dem Glantal einen dreifachen Unterkieferbruch sowie schwere Zahnverletzungen erlitten habe. „Besonders erschreckend ist, dass die Tat mitten am Tag stattfand“, findet Daniel. Der Täter sei also anscheinend überzeugt gewesen, unbehelligt handeln zu können. Dass das Video gleich danach veröffentlicht wurde, spreche Bände.
Das CDU-Stadtratsmitglied ist der Ansicht, dass man nach dem Gewaltvorfall nicht einfach zur Tagesordnung übergehen könne. „Bereits im September kam es auf dem Roßberg zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf dem Pausenhof zwischen schulfremden Gruppen“, erinnert er an eine Schlägerei neben dem Gelände der Berufsbildenden Schule Kusel. Daniel fordert, über präventive Maßnahmen nachzudenken, um stärkere Polizeipräsenz zu bitten und gegebenenfalls über eine Videoüberwachung am Bahnhof nachzudenken.
Stadtbürgermeister kritisiert Informationspolitik
Stadtbürgermeister Martin Heß (CDU) äußert sich auf RHEINPFALZ-Anfrage zurückhaltender zu möglichen Konsequenzen. „Bis heute liegen mir zum Fall keine Informationen seitens der Polizei vor“, kritisiert er. Deshalb wolle er keine voreiligen Schlüsse ziehen. Einer möglichen Videoüberwachung am Bahnhof stehe er allerdings skeptisch gegenüber. „Ein Gewalttäter, der am helllichten Tag auf eine andere Person einschlägt, lässt sich davon nicht abschrecken“, ist Heß überzeugt.
Fest stehe für den Stadtbürgermeister, dass die auf dem Video zu sehende Gewalttat „aufs Schärfste zu verurteilen“ sei. Sorge bereite ihm, dass die Aufnahmen im Internet verbreitet wurden: Gewalt dürfe nicht zur Schau gestellt werden, um die Sensationslust zu befriedigen. Michael Daniel findet vor allem eines wichtig: „Solche Gewalttaten dürfen weder verharmlost noch totgeschwiegen werden.“ Denn es gehe auch um das Vertrauen in Rechtsstaat, Demokratie und seriöse Medien.
