Lauterecken-Wolfstein
Ex-Bürgermeister Andreas Müller im Interview: „Das muss auch mal wehtun – sogar mir selber“
„,Everybody’s Darling’ ist irgendwann nur noch ,everybody’s Depp’“: Andreas Müller (SPD) hat sich nie Mühe gegeben, jedermanns Liebling zu sein. Und er ist überzeugt davon, dass ihn während seiner Amtszeit auch keiner zum Deppen gemacht hat. Am 28. Mai ist der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lauterecken-Wolfstein in Pension gegangen. Zwischen Büro und „Rentnerbänkchen“ hat der 67-Jährige noch mal Zeit gefunden: Müller stand RHEINPFALZ-Redakteur Christian Hamm Rede und Antwort zu Recht und Ordnung, zu lässlichen Sünden und größeren Vergehen, zu Falschparken, Überstunden und zu „seiner“ Partei, die er über Irrwege stolpern sieht.
Herr Müller, wie geht es Ihnen? Fehlt nix?
Gut geht’s mir, was sonst. Fehlen tut mir nichts, gar nichts. Ich kann auch mal erst um acht Uhr aufstehen. Wenn wir hier fertig sind mit dem Interview, fahre ich mit meiner Tochter nach Kaiserslautern – angenehme Sache, wunderbar. Für so etwas ist jetzt eher mal Zeit.
Es war die Rede davon, dass Sie Lauterecken verlassen wollen? Richtung Südpfalz?
Ja. Eher noch weiter, Richtung Freiburg. Herrliche Gegend. Wenn es so kommt, wird es noch ein bisschen dauern.
Sie waren Polizeibeamter, und Sie verhehlen nicht, dass Sie das geprägt und manche Auffassung von Amtsführung beeinflusst hat.
Ja, hat es, ganz sicher. Ich bin gleich nach dem Abitur zur Polizei, habe da alles mitgemacht und wirklich viel erlebt. Einiges an Wissen und Erfahrung habe ich dann als Lehrer an der Landespolizeischule angehenden Kommissaren mitgeben dürfen. 15 Jahre lang. Und das hat mich immer erfüllt. Zumal ich viel positive Resonanz erhalten habe. Da ist nicht selten mal staunend gesagt worden: Der Müller hat alle Gesetze im Kopf.
Hat er das tatsächlich?
Natürlich nicht. Ist doch unmöglich. Aber man sollte schon einige Texte, auf die es ankommt, genau kennen, man sollte orientiert sein und wissen, wo man noch mehr erfahren kann, was zum Verständnis wichtig ist. Für mich waren und sind Recht und Gesetz immer das Maß der Dinge beim Verwaltungshandeln gewesen. Wenn ich jeden Bürger gemäß Recht und Gesetz behandele, dann behandele ich alle gleich. Und dies mit gut nachvollziehbaren Handlungen, die allesamt auf einer für alle verbindlichen Grundlage beruhen. Willkür kann es da nicht geben.
Deshalb verfolgen Sie jedes noch so kleine Parkvergehen?
Glauben Sie mir: Es ist mir so was von egal, ob einer überm Strich oder sogar schrägt steht, ob die Zeit überschritten ist oder jemand im Halteverbot steht. Alles nicht schlimm. Wir müssen das aber ahnden, wenn wir die schwereren Verstöße ebenfalls verfolgen wollen – Stichwort: Gleichbehandlung, gemäß Recht und Gesetz. So. Was mir ganz und gar nicht egal ist: wenn jemand auf dem Bürgersteig parkt. Wenn was passiert, ist das Geschrei groß. Und ich muss mich unter Umständen zur Rechenschaft ziehen lassen, weil ich zugeguckt habe. Wir müssen zumindest stichprobenartig kontrollieren lassen, um der Pflicht zu genügen. Wie bei der Geschwindigkeitsmessung innerorts geht es um die Gefahrenabwehr.
Was Ihnen ebenfalls einige krummgenommen haben: Die Verwaltung gleiche einer Festung ...
Darin zeigt sich das zweite Prinzip, nach dem ich mein Handeln ausgerichtet habe: Gleichbehandlung aller Bürger muss nach außen wirken – und nach innen geben Sicherheit und Zufriedenheit die Richtlinien vor. Ich habe die Terminvergabe eingeführt, damit niemand mehr einfach reinspaziert und die Mitarbeiter anmacht oder sogar angreift. Sie können sich kaum vorstellen, was wir schon erlebt haben. Ich könnte ein Buch schreiben ...
Zeit haben Sie jetzt.
Ich hätte eigentlich früher gehen dürfen müssen – als ich bei der Polizei weg und hier eingestiegen bin, musste ich 1600 Überstunden verfallen lassen (lacht). Weiter oben in der SPD kriegen Leute jahrelang Sonderurlaub, um hoch dotierte Pöstchen auszufüllen.
Sie haben also zu viel gearbeitet. Gut. Gefällt einem Teil der Regierungskoalition, dem anderen gar nicht. Apropos: Sie sind trotz allem noch SPD-Mitglied?
Ja. Immer noch. Aber ich bin kein Parteisoldat und äußere Kritik. Ich bleibe bei meiner Auffassung, dass die SPD zu oft als Geisterfahrerin auf der politischen Autobahn unterwegs ist.
Lassen wir dieses unerfreuliche Thema. Wie fällt Ihr Resümee zur eigenen Arbeit aus?
Gut. Positiv. Am wichtigsten: Wir tun was für unsere Zukunft – Kinder. Unsere Schulen sind top ausgestattet. Tourismus, Digitalisierung – da hat sich viel getan. Wir haben zwei Schwimmbäder, Kinder lernen schwimmen, ganz wichtig, und zahlen fast keinen Eintritt. Seit ich hier bin, ist die Umlage nie gestiegen, sogar gesunken. Wir haben zwei Rathäuser saniert – die Fusion hat prima geklappt. Ich gehe guten Gewissens und in der Gewissheit, mir nichts vorwerfen zu müssen. Ich konnte immer abends in den Spiegel schauen. Das funktioniert dauerhaft, wenn man andere aus Prinzip so behandelt, wie man selbst behandelt werden will. All das war nicht immer einfach, das musste manchmal sogar weh tun – auch mir selber.