Germersheim
Soldaten-Ausbildung trotz Corona: Zwischen Kaserne und Computer
Befehle werden jetzt eben durch Corona-Masken gebellt: Die Ausbilder lassen ihre Rekruten die Pistolen und Sturmgewehre laden. Und in den Anschlag nehmen. Und wieder absetzen. Und entladen. Und wieder laden ... Mit scharfen Patronen dürften die Neu-Soldaten das nur auf einem abgeschirmten Schießstand tun. Doch noch stehen sie auf einem Grünstreifen hinter den Germersheimer Kasernen-Blöcken und üben mit „Exerziermunition“, in der kein Gramm Pulver steckt: Gleich 70 Stunden dieser Trockenübungen stehen auf ihrem Ausbildungsprogramm.
„Aaaach-tung!“ für die Chefin
Doch nun wird die Trainingseinheit von einem schneidenden „Aaaach-tung!“ unterbrochen. Dieser Ruf kündigt Soldaten an, dass jemand von hohem Rang im Anmarsch ist. Und ranghöher als diesmal geht’s wirklich nicht. Um die Ecke kommt die oberste Chefin der Truppe: Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Denn die amtierende „Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt“ will erfahren, wie die Streitkräfte die Corona-Regeln befolgen – und zugleich Rekruten schulen, obwohl die sich und ihren Ausbildern im Normalbetrieb körperlich oft nahekommen müssen.
Ausgesucht hat sich die Bundesverteidigungsministerin dafür jenen Standort, der zum Symbol für die Ankunft der Pandemie in Deutschland geworden ist. Denn hier wurden vor einem Jahr jene Bundesbürger untergebracht, die nach ihrer Rückkehr aus der chinesischen Seuchenzone Wuhan in Quarantäne mussten. Doch vor allem ist die Südpfalz-Kaserne die Heimat jenes Bataillons, das sämtlichen angehenden deutschen Luftwaffensoldaten ihre erste militärische Ausbildung verpasst. Doch auf einen Teil seines Stammpersonals muss es derzeit verzichten.
„Sehr kluges Konzept“
Denn die Truppe leistet „Amtshilfe“ und unterstützt Pfälzer Gesundheitsämter. Am Ende ihres Besuches wird Kramp-Karrenbauer sagen: Dieses Seuchenschutz-Engagement ist gut für die Bundeswehr, weil sie damit für die Zivilgesellschaft „sichtbarer“ geworden ist. Doch zugleich kann es nur „temporär“ sein, weil Streitkräfte nun mal vor allem für die Landes- und Bündnisverteidigung da sind. Und um dafür auch unter Corona-Bedingungen zu trainieren, befindet die Ministerin, haben sich die Germersheimer Ausbilder ein „sehr kluges, sehr überlegtes Konzept“ ausgedacht.
Kompromisse müssen sie dabei allerdings trotzdem machen. Wie sie verletzte Kameraden versorgen, üben die Rekruten nurmehr an Puppen. Das Vorgehen bei Patrouillenfahrten wird allenfalls im Geländemodell-Sandkasten demonstriert, weil derzeit nicht mehr als zwei Soldaten in ein Auto dürfen. Mehrtägige Übungen mit Orientierungsmärschen im freien Gelände sind gestrichen. Und damit weniger Menschen auf einmal in der Kaserne sind, verbringen die neuen Soldaten die Hälfte ihrer dreimonatigen Grundausbildung gleich im Homeoffice.
Die Ministerin dreht den Spieß um
Denn welchem Dienstgrad welche Schulterklappe zukommt, wessen Befehle sie zu befolgen haben und unter welchen Umständen sie den Gehorsam verweigern dürfen, das alles können sie auch dort büffeln. Ein Ausbilder merkt an: So merkt man immerhin schnell, wer sich auch ohne ständiges Antreiben engagiert. Die Ministerin allerdings dreht den Spieß um. Denn sie fragt die Rekruten nicht nur, woher sie stammen, warum sie zur Bundeswehr gegangen sind oder wie sie mit den Waffen zurechtkommen: Sie will auch wissen, ob sie mit ihren Vorgesetzten zufrieden sind.
Das einhellige „Ja“ der jungen Leute wiederum kommentiert einer ihrer Ausbilder grinsend so: „Was hätten sie jetzt auch anderes sagen sollen?“ Woraufhin Kramp-Karrenbauer hinter ihrer Corona-Maske schmunzelt und eingesteht: „Ja, das war jetzt unfair von mir. Beim nächsten Mal frag’ ich das unter vier Augen.“