Kreis Germersheim / Wörth
Damit Frust nicht in Zerstörung mündet
„Vandalismus hat es schon immer gegeben. Ich könnte nicht sagen, dass das zugenommen hat“, meint Harald Haaß, Jugendsozialarbeiter in Wörth. Seit März 2021 kümmert er sich in der Stadt und den Ortsteilen um Teenager und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren. Von größeren Sachbeschädigungen in seinem Arbeitsbereich kann der Streetworker nicht berichten. Es gebe an manchen Stellen eher ein Problem mit hinterlassenem Müll, nach Wochenenden kam das auch schon am Parkplatz vor dem Jugendzentrum (Juze) vor. Wenn man mit jungen Leuten bei Problemen auf Augenhöhe spricht, reagierten die meist super und kein bisschen pampig oder aggressiv. Er sei aber nicht die Polizei oder das Ordnungsamt, sondern der Fürsprecher der Heranwachsenden, sagt Haaß.
„Jugendliche wollen nicht auf dem Präsentierteller sein“, erzählt der 61-Jährige. „Sie suchen sich Plätze, wo sie ihre Ruhe haben.“ Zeitweise sei eine Gruppe mit Klappstühlen in der Tiefgarage am Rathausplatz in Wörth gesessen. Auch im Bürgerpark halten sich die jungen Leute gerne auf. Dass sie mal Frust ablassen müssen, sei früher nicht anders gewesen. „Man muss irgendwohin mit der Energie.“ Damit das nicht in Unsinn endet, wollen Haaß und seine Kollegen vom Juze sie für Projekte begeistern. Dabei geht es auch um Deeskalation. Der Jugendpfleger setzt auf Sport, auf Kampfkunst-Philosophie und Kooperation mit Vereinen. Im Juze gibt es eine Fitness-Ecke mit Geräten, an denen die Jugendlichen trainieren. „Damit sie nicht an anderer Stelle ihren Frust ablassen, sondern sich hier auspowern.“
Kein Überwachungsstaat
Mit sinnvollen Beschäftigungen die jungen Leute im Jugendzentrum andocken – das ist die Hauptaufgabe von Harald Haaß. Im Garten haben die Jugendpfleger gemeinsam mit Jugendlichen einen Rückzugsbereich mit Hochbeeten, das „Insektopia“, gebaut. Der sei gut besucht – auch von denen, die sich vorher auf dem Parkplatz davor getroffen hatten. Das in die ein oder andere neue Bank was eingeritzt wurde, sieht der Sozialarbeiter nicht zu eng. Eine Disco im Juze wird gerade reaktiviert, denn „laute Musik hören, das können die Jugendlichen fast nirgendwo“, weiß Haaß. Zusammen mit dem FC Bavaria plant Haaß ein freies Spiel auf dessen Sportgelände – auch in der Hoffnung, dass die Jugendlichen dann nicht mehr über den Zaun des Kunstrasenplatzes klettern. In Schaidt gibt es eine Gruppe, die an der Wand des Schützenvereins ein Graffiti gestaltet. „Trotz allem werden sich Jugendliche weiter ihre Plätze suchen, wo kein Herr Haaß, Schmitt, Müller oder Meyer ist“, sagt der Jugendpfleger. „Wo sie nicht unter Beobachtung stehen und auch mal was Verbotenes machen.“ Von einer Videoüberwachung, wie sie Gemeinden hin und wieder für bestimmte Plätze fordern, hält Harald Haaß nichts: „Wir sind doch kein Überwachungsstaat.“ Nischen werde es immer geben.
Steiniger Weg
Es läuft gerade wieder richtig an im Juze: Denn solche Räume, wo sich die Jugendlichen unbefangen treffen können und ihnen ab und an ein Erwachsener über die Schulter schaut, waren im Corona-Lockdown lange zu. „Keine Schule, kein Sport – die haben einiges durchgemacht“, sagt Harald Haaß. Ein größeres Aggressionspotenzial wegen der Pandemie sieht er bei den jungen Menschen aber nicht. Im Gegenteil: Sie ziehen sich eher zurück, auch emotional. „Der Weg war steinig für sie wieder zur Normalität zurückzufinden.“

