Schwegenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Corona-Ausbruch war „Belastungsprobe für Dorfgemeinschaft“

War wegen des örtlichen Corona-Ausbruchs in den Schlagzeilen: die Ortsgemeinde Schwegenheim, im Vordergrund sind die B9 und das
War wegen des örtlichen Corona-Ausbruchs in den Schlagzeilen: die Ortsgemeinde Schwegenheim, im Vordergrund sind die B9 und das Gewerbegebiet zu sehen.

Vor einem Monat war der Corona-Ausbruch in Schwegenheim das Top-Thema. Nun herrscht in der rund 3500 Einwohner zählenden Ortsgemeinde wieder die „neue Normalität“. Menschen, die von den Auswirkungen betroffen waren, erzählen, was diese Ausnahmesituation mit dem Dorfleben gemacht hat und deuten an, was in Zukunft besser laufen könnte.

Im Rewe-Markt im Gewerbegebiet am Ortseingang herrschte zwischenzeitlich gähnende Leere. „Es waren bittere Tage“, sagt Marktleiterin Sonja Bock. Sie habe schlaflose Nächte gehabt, weil sie nicht wusste, wie lange die Kunden ausbleiben werden. Der Umsatz sei um ein Drittel eingebrochen. Erst vergangene Woche habe sich die Situation wieder langsam normalisiert. Der Ort sei durch den Corona-Ausbruch gezeichnet worden, sagt die 35-Jährige und macht deutlich, dass die Pandemie noch nicht vorbei sei: „Corona ist noch da, gedanklich ist es noch nicht abgeschüttelt.“

In der Woche Anfang Juli, als sich die Situation täglich änderte und die Fallzahlen stiegen, hat Bock erschreckt, „wie sich Menschen verändern, wenn sie in Stresssituationen geraten“. Geschichten seien erfunden worden, und es sei deutlich geworden, „wie schnell sich jeder selbst der Nächste wurde“. „In einen Krieg möchte ich nicht geraten“, sagt die 35-Jährige aufgrund ihrer Erfahrungen. Sie glaubt nicht, dass es bei einer vergleichbaren Situation in Zukunft „mehr Ruhe geben wird“.

Der Rewe-Markt, den Sonja Bock leitet, liegt neben dem Gemeindezentrum der Freien Evangeliumschristen-Gemeinde an der B9. Angehörige von Großfamilien, die einen Bezug zu der Glaubensgemeinschaft haben, hatten sich mit dem neuartigen Virus infiziert. Zwischenzeitlich waren 41 erkrankte Personen bekannt, die zu diesen Familien gehören und die alle in Schwegenheim leben.

Wenig los im Ausflugslokal

„Seid ihr corona-frei?“, war die Frage, die Rosalia Kolschek in der Woche, in der der Ausbruch täglich Thema in den Medien war, bereits morgens mehrmals von meist älteren Menschen am Telefon gestellt bekam. Die 70-Jährige betreibt mit ihrem 63-jährigen Mann Viktor seit 20 Jahren die Gaststätte „Zum Vogelhaus“. Zum Ende des Jahres hören sie auf, der Verein kümmere sich um einen Nachfolger, sagt Rosalia Kolschek. Ihre Gäste kämen überwiegend aus Speyer sowie der Umgebung und gar nicht mal unbedingt aus Schwegenheim.

Wegen der Pandemie herrschen in der Gaststätte die für alle Restaurants üblichen Hygiene- und Abstandsregeln. Die Situation sei dennoch extrem gewesen, es seien „viel weniger Leute“ gekommen, sagt Kolschek. Sie habe sich mit ihrem Mann schon Gedanken gemacht, wie es weitergeht. „Wir lassen es auf uns zukommen“, war ihr Fazit. Nun habe sich alles wieder eingependelt. „Sobald schönes Wetter ist, kommen die Leute und sitzen am liebsten im Biergarten“, freut sich die 70-Jährige.

„Aus den Fugen geraten“

Vom Stress abschalten und sich erholen, will auch der ehrenamtliche Ortsbürgermeister Bodo Lutzke (FWG). „Ich bin urlaubsreif“, sagt er. Der 57-Jährige arbeitet hauptberuflich als Feuerwehrmann bei der Stadt Mannheim. In der Woche, als er wegen des Corona-Ausbruchs „rund um die Uhr“ in Schwegenheim im Einsatz war, hatte ihn sein Arbeitgeber freigestellt.

Lutzke sagt, dass die Situation eine Belastungsprobe für die Dorfgemeinschaft gewesen sei, die sie aber bestanden habe. „Man hat richtig gemerkt, dass weniger Leute auf den Straßen unterwegs waren“, blickt der Ortsbürgermeister zurück. Er weiß von örtlichen Geschäften, die ihre Mitarbeiter teilweise tageweise nach Hause geschickt hätten, weil die Kunden ausblieben. Als die örtliche Kindertagesstätte „Sonnenstrahl“ Mitte Juli wieder geöffnet wurde, habe sich auch das Dorfleben wieder normalisiert, hat Lutzke festgestellt. Die Kita war zwischenzeitlich geschlossen worden, weil infizierte Kinder die Einrichtung besucht hatten. Die Test-Ergebnisse der Erzieher und der anderen Kinder fielen negativ aus.

Der Ausbruch direkt vor der Haustür habe ihm gezeigt, wie schnell die örtliche Infrastruktur aus den Fugen geraten könne. „Du kannst es noch so gut machen. Es gibt immer Leute, die es besser wissen“, sagt der Ortsbürgermeister zu Kritik. Die fünf bis sechs Personen, die in „sozialen“ Netzwerken durch Hasskommentare gegen den Krisenstab aufgefallen seien, kann Lutzke nur bemitleiden.

„Zeit lassen zu lernen“

Auch Oliver Klar, Leiter der kommunalen Kita „Sonnenstrahl“, und sein Team hat erschreckt, als der unwahre Vorwurf aufgekommen sei, dass die Kita einen Corona-Ausbruch vertuschen wolle. Außerdem habe sie getroffen, dass manche Menschen annahmen, dass die Erzieherinnen und Erzieher frei haben, als die Kita sicherheitshalber geschlossen wurde. Das sei nicht der Fall gewesen, sagt Klar. Im Gegenteil: Er habe „Riesen-Respekt“ vor seinen Mitarbeitern, die den Krisenstab unterstützt, viel organisiert und alle Eltern der 202 Kita-Kinder über die Geschehnisse telefonisch informiert hätten.

Dem Kita-Leiter hat die Ausnahmesituation in Schwegenheim gezeigt, dass es teilweise doch an Solidarität untereinander fehle. Er hätte sich von manchen Menschen mehr Vertrauen in die handelnden Personen, mehr Gelassenheit und Gemeinschaft gewünscht, sagt Klar. Er verdeutlicht auch, dass es eine „enorme Stresssituation und für alle das erste Mal“ gewesen sei, und schnell Entscheidungen hätten getroffen werden müssen. „Vielleicht macht man nicht alles zu 100 Prozent richtig, aber man sollte den Menschen Zeit lassen, zu lernen. Nicht, dass sie beim nächsten Mal Angst haben, Entscheidungen zu treffen“, sagt Klar und fasst damit das zusammen, was unter dem Begriff „Fehlerkultur“ verstanden wird. Damit würden Kinder bereits in der Kita vertraut gemacht. Im Gespräch kommt er zum Schluss: „Wenige sind laut, und die Masse ist leise“. Der überwiegende Teil der Eltern habe auf die vorsorgliche Kita-Schließung – „zum Schutz der Kinder und der Mitarbeiter“ – verständnisvoll reagiert und das Engagement des Teams wertgeschätzt. „Das tut sehr gut“, sagt Klar. Der Kita-Leiter ist „sehr stolz“ auf sein „tolles Mitarbeiter-Team“, das ab Montag im „wohlverdienten Urlaub“ ist.

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