Die Amerikaner und Wir RHEINPFALZ Plus Artikel Wie das Thema Fluglärm die Menschen bewegt

Eine Maschine über dem Lauterer Rathaus: Die Innenstadt ist Einflugschneise für den Flugplatz Ramstein. Aber längst nicht nur di
Eine Maschine über dem Lauterer Rathaus: Die Innenstadt ist Einflugschneise für den Flugplatz Ramstein. Aber längst nicht nur die Air Base sorgt für Fluglärm in der Region.

Die Präsenz des US-Militärs in der Region ist unbestritten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber sie hat auch ihre Schattenseiten: Viele Menschen sorgen sich wegen der Umweltbelastung. Und viele leiden unter dem Lärm, der längst nicht nur mit der Air Base Ramstein einhergeht.

Der Fluglärm ist in der ganzen Region ein Thema, das bewegt – und spaltet. Während die einen von dem Krach genervt sind, sich gesundheitlich stark beeinträchtigt fühlen oder sogar den Wegzug planen, gelingt es anderen, den Lärm erfolgreich zu ignorieren. Letztere winken oft ab: Ist doch nicht mehr der Rede wert, heißt es oft. Früher war’s doch viel schlimmer!

Und tatsächlich: Wer in unserer Region aufgewachsen und jenseits der 40 ist, hat ganz andere Lärmkulissen erlebt. Denn bis 1994 waren auf dem Flugplatz Ramstein, der heute vorwiegend als europäische Drehscheibe für Truppen- und Frachttransporte dient, noch Kampfflugzeuge stationiert. F16 – bekannt aus Filmen wie „Top Gun“ mit Tom Cruise – und andere Flugzeugtypen donnerten damals täglich über die Region. Der ohrenbetäubende Anflug der Geschwader in niedriger Höhe über die Stadt in Richtung Air Base gehörte zum Alltag. Ebenso das Durchbrechen der Schallmauer, das die Fensterscheiben zum Klirren und Gebäude zum Erbeben brachte. Als es hingegen im Mai 2020 zu mehreren solcher Überschallknalle, verursacht von Maschinen der Bundeswehr, kam, war dies tagelang Thema in den Sozialen Medien – ein Zeichen des Wandels. Vor 1994 hätte niemand groß darüber gesprochen.

Doch auch wenn die Kampfflugzeuge längst nicht mehr in Ramstein stationiert sind, über unseren Köpfen kreisen sie trotzdem noch immer, zu Trainingszwecken – und zum Leidwesen vieler Menschen. Denn heutzutage sind es keineswegs die An- und Abflüge auf die Air Base, die hauptsächlich in der Kritik stehen, sondern die Übungsflüge von Maschinen aller Herren Länder. Teils von weit her fliegen sie in die Westpfalz, weil ihnen hier der militärische Sonderluftraum (Temporary Restricted Area) TRA Lauter Trainingsmöglichkeiten bietet. Die TRA erstreckt sich in 3000 bis 10.000 Metern Höhe über die Pfalz und das Saarland – und besonders bei klarem Wetter ist sie häufig „bevölkert“. Dann ist das Dröhnen der Triebwerke – mal lauter, mal leiser – oft über Stunden zu hören. Gerade für Urlauber, die im Pfälzerwald bei Wanderungen durch die Natur die Ruhe suchen, ein Ärgernis: „Wo sind wir denn hier gelandet? Im Kriegsgebiet?“ Diese Beschwerde ist gerade von Auswärtigen nicht selten zu hören, wie Touristiker berichten.

Ein zweiter Anziehungspunkt für Kampfjets sind neben der TRA Lauter seit vier Jahrzehnten die Polygone: Von dieser Übungsanlage bei Bann, einem von mehreren Standorten, wird die Ausbildung der Flieger im elektronischen Luftkampf koordiniert. Die Bezeichnung Polygone leitet sich ab von griechisch „Vieleck“; damit wird die geografische Form dieses Luftraums beschrieben. Er hat eine Größe von 20.000 Quadratkilometern und erstreckt sich über die Westpfalz bis nach Frankreich.

Kritik an Dreifachbelastung

Air Base Ramstein, TRA Lauter und Polygone Bann – diese drei zusammen haben definitiv zu viel Lärm und eine zu große Umweltbelastung für eine einzige Region zur Folge, finden inzwischen auch große Teile der lokalen Politik. Während das Thema Fluglärm früher oft und gerne mit dem Totschlagargument der wirtschaftlichen Bedeutung der US-Präsenz klein geredet wurde, nimmt man nun quer durch die Parteien die Klagen aus der Bevölkerung ernst und macht gegen die militärische Mehrfachbelastung mobil. Mit breiter Mehrheit hat der Lauterer Kreistag beispielsweise Ende 2017 die Forderung von Bündnis 90/Die Grünen unterstützt, die Region von zwei der drei militärischen Lärmquellen zu befreien: Da an der Air Base Ramstein nicht gerüttelt werden sollte, forderten die Grünen, dass die Luftkampfübungszone TRA Lauter und die Polygone-Station in eine weniger belastete Region verlegt werden sollten.

Der Vorstoß blieb ohne Erfolg: 2018 erteilte das Bundesverteidigungsministerium in Berlin der Forderung eine klare Absage und begründete dies mit militärischen Erfordernissen. Dass auf das Argument der Dreifachbelastung nicht näher eingegangen wurde, verärgerte die Kreistagsmitglieder damals besonders; sie versprachen, „am Ball zu bleiben“.

Seither ist die Kritik an der Dreifachbelastung nie mehr ganz verstummt: Zuletzt hat im Mai vergangenen Jahres der Lauterer Stadtrat nachgelegt und mit überwältigender Mehrheit auf Antrag der SPD eine Resolution gegen Fluglärm und auf Antrag der FDP eine Resolution gegen den Kerosinablass – ebenfalls ein Kritikpunkt, der auch das Militär trifft – verabschiedet. Bewusst solle bei diesem Thema, das alle betrifft, der Schulterschluss mit der gesamten Region gesucht werden, hieß es damals im Stadtrat. Gehört hat man seither nichts mehr davon.

Schon viel länger als in den Rathäusern gibt es den Protest an der Basis. Als in den frühen 2000er Jahren die Air-Base-Erweiterung um eine Landebahn anstand, bildeten sich gleich mehrere Bürgerinitiativen (BI), die lautstark gegen die befürchteten Mehrbelastungen wetterten. Heute gibt es nur noch eine, die „Bürgerinitiative gegen Fluglärm, Bodenlärm und Umweltverschmutzung“. Im Mittelpunkt ihrer Kritik steht ebenfalls vor allem der Übungsflugbetrieb in der TRA Lauter, im Bereich der Polygone, aber auch auf dem Flugplatz Ramstein: „Diese ganzen Trainingsflüge müssen nicht über einem so dicht besiedelten Gebiet wie unserem stattfinden. Die müssen weg, denn unsere Lebensqualität und Gesundheit wird durch den Lärm und die Schadstoffe stark beeinträchtigt“, findet Horst Emrich. Der Rentner aus Dansenberg ist einer von fünf gleichberechtigten Vorständen der BI, deren „Einzugsbereich“ deckungsgleich mit den Sonderflugräumen ist. „Wir haben Mitglieder vom Saarland bis in die Vorderpfalz“, berichtet Emrich. „Eben aus all jenen Bereichen, in denen die Fluglärmbelastung besonders hoch ist.“

Die BI fordert „ein Ende der Diskriminierung durch bewusst herbeigeführte Konzentration militärischer Übungsflüge“ in der Region. Die Westpfalz bezeichnet sie als die „Kampfjetlärmkloake Deutschlands“. Mit gutem Willen könne die Belastung zumindest gemindert werden, ist Emrich überzeugt: Die Polygone-Anlage sei mobil und könne auch woanders aufgestellt werden: „Zum Beispiel in Italien. Dann müssten die Kampfjets aus Aviano nicht hierher fliegen, um zu üben.“ Für „werktäglichen Lärmtourismus ohne Mittagspause und bis in die Abendstunden hinein“ sorge zudem die TRA Lauter. Deren Betriebszeiten sollten sukzessive reduziert werden, lautet eine weitere Forderung der BI, die die Sonderflugzone bis 2027 am liebsten ganz aufgelöst sehen will.

BI beklagt „Lärmtourismus“

„Auch wenn das Verteidigungsministerium etwas anderes behauptet: Die TRA Lauter ist die am stärksten genutzte Sonderflugzone Deutschlands! Der Behauptung, die Flüge würden gleichmäßig auf die TRAs verteilt, widerspreche ich absolut“, sagt Emrich und verweist auf die Zahlen der BI. Diese ist nach seiner Aussage technisch gut ausgestattet, verfügt über einen Verbund an Radarstationen, führt Überfluglisten und stellt die Tagesberichte auf ihre Website. US-Flugzeuge von der Air Base Spangdahlem, die Bundesluftwaffe vom Fliegerhorst Nörvenich, dazu Italiener, Belgier und Niederländer – „alle üben hier über unseren Köpfen“. Bereits über 800 Stunden sei der Luftraum im Jahr 2021 (Stand: 25. Dezember) von Kampfjets genutzt worden, so die Statistik der Initiative. „Die Anzahl verlärmter Stunden, auch am Abend, hat gegenüber dem Vorjahr zugenommen. Während andere Übungslufträume immer mal wieder brachlagen, wurde der Kampfjetlärm konsequent bei uns konzentriert und der Lärmtourismus nicht eingedämmt“, heißt es auf der Internetseite der BI. Horst Emrich fragt: „Gibt es die vom Militär als Argument immer wieder gern ins Feld geführte Bedrohungslage und Bündnisverpflichtung, die das Militär zum Üben zwingt, eigentlich nur hier bei uns?“

Dabei wären die reinen An- und Abflüge des Flugplatzes Ramstein allein für sich genommen schon Belastung genug, findet der BI-Vorsitzende. Doch auch von der Air Base Ramstein selbst gingen weitere lärmintensive Trainingsaktivitäten aus, kritisiert Emrich und verweist auf die „Platzrunden“, die schwere Militärtransportflugzeuge vor allem über die Kreisgemeinden im Westen ziehen, und auf den Bodenlärm, der davor vom Warmlaufen dieser Hercules-Maschinen ausgehe. „Diese Flugschulen müssen ebenfalls weg“, fordert Horst Emrich.

Einer, dem gerade diese Platzrunden und der Bodenlärm schon lange gehörig auf die Nerven gehen, ist Marno Molter aus Mackenbach: „Ständig wird direkt über unsere Wohngebiete geflogen. Muss das denn sein?“, ärgert er sich – über den Krach, aber auch über die Umweltbelastung. Die ganzen Abgase der Maschinen kämen ja auch wieder runter, legten sich wie ein Schleier über die Gärten und die Natur. Auch der Bodenlärm von der Air Base macht Molter zu schaffen. „Wenn die Propellermaschinen warm laufen, muss man selbst bei geschlossenem Fenster den Fernseher lauter stellen“, schimpft er. Selbst am Wochenende nehme das US-Militär keine Rücksicht, lasse die Flugzeuge bisweilen schon ab 6 Uhr bis in den Vormittag warm laufen. „Je älter ich werde, desto genervter bin ich“, bekennt der gebürtige Mackenbacher, der selbst an Amerikaner vermietet, aber nach eigener Aussage auf diese Einnahmen gerne verzichten würde, wenn er dafür mehr Ruhe hätte.

Während sich die einen über den Lärm ärgern, vielleicht irgendwann resignieren, kehren andere dem Landkreis sogar den Rücken, weil sie der Krach zermürbt hat. So ein Weilerbacher, der aus Sorge um Anfeindungen nicht namentlich genannt werden möchte, aber über Weihnachten beschlossen hat, mit seiner Familie aus der Region wegzuziehen. Selbst an Heiligabend habe das US-Militär dieses Jahr keine Ruhe gegeben, nennt er den unmittelbaren Anlass: „Erst gab es Fluglärm. Während der Bescherung der Kinder gegen 18.20 Uhr dann extrem lautes Dröhnen von der Air Base“, schildert er, wie seine Familie den Heiligabend erlebt hat.

„Fast 100.000 Beschwerden“

Der Weilerbacher hat sich bei den zuständigen Stellen beschwert, ebenso Marno Molter. Damit sind die beiden nicht allein: Seit 2020 seien fast 100.000 Beschwerden von rund 800 Personen abgesetzt worden, berichtet BI-Sprecher Horst Emrich. Erleichtert wird dies, seit jeder Interessierte über die BI Daten zu Kampfjet- und Transporter- sowie Hubschrauberüberflügen in der Region per Newsletter empfangen und daraus „binnen Sekunden“ eine Beschwerdemail versenden kann. Auch über die Sozialen Medien baut die Initiative Druck auf: „Wir sind bei Facebook, Twitter und Telegram präsent.“

2021 wurde die Initiative 20 Jahre alt. Für Emrich kein Grund zur Resignation. „Ich bin kein Typ, der resigniert. Wenn nicht, würde ich das nicht schon zwei Jahrzehnte lang machen. Und inzwischen sind wir dem Militär ein Dorn im Auge.“

Die Amerikaner und wir

Die RHEINPFALZ-Redaktion Kaiserslautern widmet sich in diesen Tagen dem Thema Amerikaner in und um Kaiserslautern. Gerne können auch Sie, lieber Leser und liebe Leserin, uns an redkai@rheinpfalz.de von Ihren Erlebnissen mit Amerikanern berichten, mit Foto und Telefonnummer. Bisher in der Serie erschienen:

Wie eine amerikanische Familie Weihnachten feiert

Die historische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg: „Ein Stück Amerika entsteht“

Einrichtungen des US-Militärs in der Region Kaiserslautern: „Wo die Amis überall sind“

– Politologin Brigitte Schulz: „Der Trugschluss der Kulturen“

Die Amerikaner als Wirtschaftsfaktor: „Kaufkräftige US-Kunden“

- Als die RHEINPFALZ auf Englisch erschien – Geschichte einer für die US-Streitkräfte zusammengestellte Lokalausgabe

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