Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Verkommt die Neue Stadtmitte zur Pflasterwüste?

Ein paar junge Bäumchen, umgeben von weiten Pflasterflächen: Im Sommer wurde der Teilabschnitt in der Fruchthallstraße abgeschlo
Ein paar junge Bäumchen, umgeben von weiten Pflasterflächen: Im Sommer wurde der Teilabschnitt in der Fruchthallstraße abgeschlossen. Die Versiegelung hier sei nötig gewesen, erklärt die Stadt.

Pflastersteine, so weit das Auge reicht. Und das ersehnte Grün? Seit Juli ist die Kaiserslauterer Fruchthallstraße als Teil der Neuen Stadtmitte fertiggebaut – bis auf ein paar junge Bäume aber sucht man Pflanzen und schattige Plätzchen vergebens. Stattdessen: Beton, der sich im Sommer aufzuheizen droht, fast wie am Schillerplatz. Passiert da noch was?

Auf dem Schillerplatz, einem belebten Ort im Lautrer Stadtkern, standen einst elf schöne, große Platanen. Grüne Majestäten sozusagen, jede von ihnen acht Meter hoch. Im Sommer, wenn die Hitze drückte, spendeten sie den Leuten Schatten, ihr Laub sorgte für frische Luft – und ja, wer die Menschen hier fragt, der hört, dass man sich gerne aufhielt, unter dem Blätterdach der Bäume. Dann kam das Frühjahr 2020. Und die elf Platanen verschwanden. Als der Schillerplatz, ein Teil des Millionenprojekts Neue Stadtmitte, gerade im Umbau steckte, hatte eine Begutachtung zutage gefördert: Ihre Wurzeln, dick und verschlungen, reichen tief in den umliegenden Asphalt – eine Schicht, die für die neue Version komplett abgetragen werden muss. Das Schicksal der Bäume war besiegelt. Sogar ein von der Stadt angeheuerter Sachverständiger sah keine Rettung mehr. Nicht, ohne die gesamte Planung über den Haufen zu werfen und das Wurzelwerk zu schützen, heißt es aus dem Rathaus. Für Mehrkosten von rund 110.000 Euro.

Und selbst das, so teilt Baudezernent Manuel Steinbrenner heute mit, wäre „kein Garant für eine nachhaltige Vitalität und Standsicherheit“ der Platanen gewesen. Man hätte, um es klar auszudrücken, ständig befürchten müssen, dass sie den Eingriff nicht überleben. Deshalb: ihr jähes Ende.

Üppige Pflasterwüsten, überall Stein, dabei kaum Grün

Im Januar 2020 war es, als auf dem Schillerplatz also die Fällung der Bäume veranlasst wurde – vor dem Hintergrund, „einen längeren Baustillstand zu vermeiden“, erklärt Steinbrenner. Weil die grünen Riesen ursprünglich hätten stehen bleiben sollen, spricht er, der seit 2023 das Amt bekleidet, von einem „Sonderfall“. Ein solcher ist der benachbarte Projektabschnitt, unmittelbar am Prachtbau Fruchthalle, laut ihm zwar nicht – die Ähnlichkeit mit dem Schillerplatz jedoch scheint frappierend. Und das nicht nur wegen der gewünschten Homogenität. Hier wie da: üppige Pflasterwüsten, Stein, so weit das Auge reicht, dabei kaum Grün. Gerade im Juli erst wurde dieser, der vorletzte Teil der Großbaustelle Neue Mitte beendet. Am Straßenrand ließ die Verwaltung, wie auf dem Schillerplatz, zwar ein paar junge Ahornbäume setzen – aber sonst? Sieht man mal von der mächtigen Stadtplatane, einem fast 200-jährigen Naturdenkmal, sowie einigen anderen grünen Akzenten ab, dominiert ein Motiv die Szenerie: karger Pflasterstein.

Der Schillerplatz nach dem Umbau vor wenigen Jahren.
Der Schillerplatz nach dem Umbau vor wenigen Jahren.

Hitze in den Innenstädten, Debatten über eine nachlassende Aufenthaltsqualität, Pflanzen, die kühlen und Abgase binden – was hat die Stadt Kaiserslautern da zu einem Umbau in diesem Stil getrieben? Und was bedeutet das jetzt fürs Mikroklima? Auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Bürgern scheint diese Fragen aufzuwerfen – das geht aus mehreren Zuschriften hervor, die der Redaktion vorliegen.

„Der Extrem-Hitze wird kaum begegnet“, sagt der Experte

Eine Mail an Detlef Kurth, seines Zeichens renommierter deutscher Städteplaner. Im großen RHEINPFALZ-Sommerinterview hatte er, der als Professor an der RPTU lehrt, über die Neue Mitte geurteilt: „Jetzt ist es schon ziemlich steinern. Die Pflasterung ist nicht an allen Stellen ideal.“ Vor allem, da die Versiegelung im Lautrer Zentrum hoch sei, Pflanzen auch Kühlungseffekte auslösten. Verpasste Chancen. Es könne natürlich „nicht alles Wiese sein“, meinte Kurth damals – und beschreibt auf Anfrage das große Manko des Designs. „Der Extrem-Hitze wird kaum begegnet“, kritisiert der Stadtplaner, er vermisse „Elemente der blau-grünen und ,grauen’ Infrastruktur“. Also mehr Bäume, Hecken und Beete. Mehr Wasser für die Verdunstung. Mehr Schattenplätze. Und: „Auf die Fruchthalle als historisches Gebäude hätte man anders reagieren müssen“, so Kurth. Wie der Experte ausführt, wäre ein offener Wettbewerb von Planern und Architekten essenziell gewesen, um ein optimales Ergebnis zu diskutieren. Stattdessen müsse man davon ausgehen, dass sich die Neue Mitte mit ihrem Pflaster als brütende Hitzeinsel entlarvt.

Hat sich die Stadt vor rund acht Jahren, als die Entwürfe skizziert wurden, etwa nicht ausreichend beschäftigt mit den drängenden Klimafragen dieser Zeit? Hat sie die Planung ihrer Millionenbaustelle vergeigt – auf Kosten des ökologischen Gedankens? Manuel Steinbrenner, nicht nur Bau-, sondern auch Umweltdezernent, räumt einerseits zwar ein: Man wisse, „dass der Grünanteil nicht so hoch ausfällt, wie er vielleicht wünschenswert wäre“. Aber, betont er, hier „wird nicht einfach so irgendwas gebaut, hier haben viele mitgeredet, deren Belange es abzubilden galt“. Die Vorgaben seien eben „nicht alle unter einen Hut zu bringen“. Bitte?

Sauber gepflastert.
Sauber gepflastert.

Vorgaben, Regeln, genau darum gehe es. Bei der Gestaltung der Neuen Stadtmitte habe man Kompromisse finden, nach unzähligen Diskussionen in Rat und Ausschüssen abwägen müssen, so Steinbrenner. Und man dürfe sich sicher sein, dass der Einsatz für mehr Grün „ganz oben auf der Agenda“ des Kaiserslauterer Rathauses steht. Der Kern, warum um Fruchthalle und Schillerplatz der Pflasterstein regiert: die „hohe funktionale Nutzung“ der Neuen Mitte. Am Busbahnhof etwa sei die Versiegelung unumgänglich, sagt Steinbrenner – da der Boden dort den Kräften von Bussen und Fußgängern standhalten müsse. Ähnliches gelte für die Fruchthallstraße mit ihrem intensiven ÖPNV. Steinbrenner wisse, dass seine Worte dabei einer gewissen Ironie nicht entbehren. Schließlich müsse eine Maßnahme des Klimaschutzes, die Entsiegelung, hier einer anderen weichen.

Unterirdische Leitungen verhindern weitere Pflanzen

Dass hingegen so wenige Bäume ihren Platz im Areal finden, begründet der Dezernent mit den „für alle Zwecke des Gemeinwohls“ verlegten Leitungen. Gesetze, Vorschriften, Schutzabstände – das alles verhindere weitere Pflanzungen, so Steinbrenner. Und wie zum Beispiel ältere Platanen wurzeln, sehe man erst beim Aufgraben des Bodens. So passiert am Schillerplatz. „Hier den gesamten Untergrund und die Leitungen zu erneuern und um jede noch so kleine Wurzel herum zu arbeiten, ist bei einem Projekt wie der Neuen Stadtmitte kaum darstellbar“, sagt der Bau- und Umweltdezernent. Laut Stadt der zweite Interessenskonflikt: die gestatteten Sondernutzungen. Läden und Gastro-Betriebe stellen Tische und Stühle, Events werden gefeiert – da bleibe für Bäume mit ausladenden Kronen kein Raum, erklärt Steinbrenner. Obendrein werde man um die Fruchthalle kaum etwas pflanzen können, da der Denkmalschutz jede Aktion verbiete.

Aus mehreren Gründen also sehe es hier aus, wie es aussieht. Viel Stein, wenig Grün. Und das wird sich, was die von vielen Bürgern ersehnten Laubbäume betrifft, auch nicht ändern.

In dem sehr ausführlichen Statement, das Steinbrenner der RHEINPFALZ vorlegte, lässt sich zumindest ein gewisses Bedauern seinerseits herauslesen, keine anderen Antworten geben zu können. Ein paar Stauden und Hecken würden noch gesetzt, verspricht er. Mit Sonnensegeln, mobilem Grün und Trinkwasserbrunnen wolle die Verwaltung – neben der Lauterfreilegung – außerdem der Sommerhitze begegnen. Dass sich die Erscheinung des städtischen Mittelpunkts aber groß wandeln wird, das gehört nach all den Worten Ausführungen offenkundig nicht zum Plan.

Die Neue Stadtmitte bleibt damit, mehr oder weniger, die Pflasterwüste, die sie gerade ist. Bis die 14 jungen Ahornbäume am Schillerplatz übrigens annähernd so groß sind wie die einst abgeholzten Platanen, werden Jahre vergangen sein.

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