Kaiserslautern Hausarzt sieht Gesundheitswesen an der Belastungsgrenze
Die Notaufnahme ist auch deshalb voll, weil längst nicht nur echte Notfälle dort aufschlagen, so berichteten es der Leiter der Zentralen Notfallambulanz, Berthold Germann und Pflege-Bereichsleiter Marco Krauß im RHEINPFALZ-Gespräch. Sie sprachen vom „Schwarzen Peter“, den sie innerhalb der Versorgungskette hätten. Die Formulierung rief Kritik bei Thomas Ruf, niedergelassener Facharzt in Kaiserslautern, hervor. Er hatte zudem von Problemen berichtet, dass Patienten teils nicht stationär aufgenommen werden, obwohl Fachärzte wie er es für dringend geboten hielten, er kritisierte zu wenige Medizinstudienplätze in Deutschland und zu viel bürokratischen Aufwand für niedergelassene Ärzte.
Auch Michael Bergdolt, der seit April 2020 zusammen mit seiner Frau die Arztpraxis in Erlenbach führt, kennt die Situation vor Ort gut: In einem Schreiben an die RHEINPFALZ erklärt er, sie hätten „diesen Schritt bis heute nicht bereut“. Bei allen Problemen im Gesundheitssystem „ist meiner Meinung nach der Arztberuf immer noch einer der schönsten, die es gibt“, macht er deutlich. Deshalb wollten noch immer viele junge Menschen Medizin studieren, könnten sich „ihren Traum“ aufgrund der zu geringen Anzahl an Studienplätzen aber nicht verwirklichen.
Michael Bergdolt: Ärzte arbeiten „am Limit“
Der Mediziner kennt nach eigener Aussage „die Probleme im ambulanten und stationären Bereich“, denn bis vor einem Jahr habe er neben der Praxistätigkeit noch in Teilzeit am Klinikum gearbeitet. „Sicherlich hat das Patientenaufkommen in den letzten Jahren im Klinikum und auch speziell in der Notaufnahme massiv zugenommen“, berichtet er. Die Kollegen im Klinikum arbeiteten „(speziell in der Phase der jetzigen Finanzproblematik) am Limit, genauso wie dies für den ambulanten Bereich gilt“, sagt er. Die „weitaus meisten Patientinnen und Patienten“ würden im Klinikum aber sehr gut betreut. Doch auch den Schilderungen von Ruf stimmt er zu: Er habe ebenfalls erlebt, „dass Patienten, die ich eingewiesen habe (...), wieder nach Hause geschickt wurden und ich sie ein oder zwei Tage später wieder einweisen musste“. Das sei aber die Ausnahme. „Hier würde sicherlich manchmal, falls möglich, eine Kontaktaufnahme von Ambulanzarzt und Praxis helfen“, schlägt er vor.
Insgesamt stellt Bergdolt fest, dass die „Probleme des Gesundheitswesens“ – ambulant wie stationär – „mehr und mehr auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“. Die unzureichende Finanzausstattung des Klinikums führe dazu, dass Mitarbeiter dort mehr und mehr am Limit und darüber hinaus arbeiten müssten. „Im ambulanten Bereich ist in den letzten Jahren kein frei gewordener Hausarztsitz nachbesetzt worden“, schreibt er. Junge Leute fänden zwar die Tätigkeit in der Praxis durchaus medizinisch interessant, lehnten aufgrund der damit verbundenen Bürokratie „lieber dankend ab“. So sei auch die „ambulante hausärztliche Betreuung längst am Limit“ und Wartezeiten auf Termine bei Fachärzten würden immer länger.
Bei der Lösungssuche „ist die Politik dringend am Zug“
„Ich bin kein Freund von Politik-Bashing. Aber es muss ganz klar festgehalten werden, dass diese Entwicklungen nicht vom Himmel gefallen, sondern jahrelange Prozesse sind, die absehbar waren“, erklärt er. Weder auf die Überalterung von Hausärzten, der Bevölkerung oder auf die Tatsache, dass mehr Ärzte in Teilzeit arbeiten als früher, sei reagiert worden.
In der Digitalisierung sehe er „nicht die entscheidende Lösung der Probleme im Gesundheitswesen“, betont Bergdolt. Sie sei wichtig, „unabdingbar ist dabei aber sicherlich, dass die Systeme, die eingeführt werden, auch ausreichend vorher getestet werden“. Für die Patienten – insbesondere die älteren – stünden aber wohl andere Dinge im Vordergrund. „Für sie ist wichtig (...), dass sie einen Arzt ihres Vertrauens finden, dass sie einen Arzt haben, der noch Zeit hat, ihnen zuzuhören“, führt er aus. Der Hinweis, dass die Zahl der Ärzte in Deutschland noch nie so hoch war wie heute, greife da aber zu kurz. Denn viele der Ärzte arbeiteten in Teilzeit, die Bevölkerung sei deutlich älter, in der Medizin gebe es mittlerweile viel mehr spezialisierte Disziplinen. Wieso die Anzahl der Studienplätze nicht erhöht werde, bleibe „vollkommen unverständlich“. „Hier ist einfach die Politik dringend am Zug. Alle sprechen vom notwendigen Bürokratieabbau. Man hat aber tagtäglich das Gefühl, dass es nicht weniger, sondern immer mehr Bürokratie gibt“, argumentiert er.