Kaiserslautern
Triage, Hausarztmangel und Co.: Warum es in der Notaufnahme auch mal länger dauert
Etwa 50.000 Behandlungsfälle hat die Zentrale Notfallambulanz (ZNA) des Klinikums pro Jahr, erzählt ihr Leiter Berthold Germann. Darunter sind Verletzte nach schweren Autounfällen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle, bei denen es um Leben und Tod geht – aber auch Patienten, bei denen nicht jede Minute zählt. Und die warten mitunter erst einmal, wenn Ärzte und Pflegepersonal um ein Leben kämpfen. „Viele Patienten können das nicht einschätzen, was hier hinten passiert“, sagt Germann über die Abläufe hinter der Anmeldung.
Denn wer als Patient noch selbst gehen kann, kommt durch den Haupteingang ins Westpfalz-Klinikum und nimmt nach der Anmeldung im Wartebereich der ZNA Platz. „Diejenigen, die liegend vom Rettungsdienst oder im Hubschrauber transportiert werden, kriegen diese Patienten gar nicht zu sehen.“ Dazu komme, dass bei Patienten mit vielen unterschiedlichen Verletzungen oft Fachleute aus verschiedenen Bereichen hinzugerufen werden, wodurch sich die Wartezeit bei weniger schwer Verletzten erhöhen kann.
Dringlichkeit geht vor
Das Westpfalz-Klinikum arbeitet mit einem Triagesystem, erklärt Marco Krauß, Bereichsleiter Pflege. Vereinfacht gesagt, bedeutet das: Nicht wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt, sondern derjenige, bei dem es besonders dringend ist. Lebensbedrohliche Fälle haben Vorrang vor anderen schweren Fällen, am Ende kommen „Bagatellfälle“. „Spätestens zehn Minuten nach Aufnahme“ soll eine medizinische Fachkraft die Dringlichkeit bei einem Patienten einstufen, erläutert Germann. Bei denjenigen, deren Leben in Gefahr ist, kümmere sich ein Arzt sofort, bei anderen schweren Notfällen könne es bis zu zehn Minuten dauern, bis ein Arzt den Patienten anschaue, „für Bagatellfälle gibt es bei uns keine zeitliche Vorgabe“, erklärt Krauß. „Da kann es auch vorkommen, dass jemand, der später gekommen ist als man selbst, früher aufgerufen wird – eben weil er der schwerwiegendere Fall ist. Das verstehen manche Patienten nicht“, fügt er hinzu.
Gerade die Fälle, in denen Patienten mit Bagatellerkrankungen in der ZNA aufschlagen, nehmen in den vergangenen Jahren zu, berichten Germann und Krauß unisono. „Das System ist an vielen Stellen prekär. Wir haben wirklich den Schwarzen Peter in der Geschichte“, sagt Germann. „Wir appellieren daran, dass sich die Menschen systemkonform verhalten und die Spielregeln beachten, auch wenn uns klar ist, dass das häufig gar nicht mehr möglich ist“, erläutert er. Denn das Klinikum sei nicht „für die ambulante Versorgung zuständig. Bei uns kann man nicht mal vorbeikommen und gucken lassen“. Das sei Aufgabe der niedergelassenen Ärzte. Das Problem daran: Die Hausarzt- und Facharztpraxen seien überlaufen, „man kommt ja telefonisch gar nicht mehr durch und wenn man noch keinen Hausarzt hat, kriegt man oft auch keinen. Diese Patienten kommen dann zu uns“, sagt Germann. Sie wüssten sich nicht mehr anders zu helfen. „Manche Leute tun einem auch einfach leid“, sagt er. Verständnis auf der einen Seite, aber auch Schwierigkeiten den Anstieg der Patientenzahlen zu bewältigen, auf der anderen.
Notfall oder nicht? „Ein akut, und plötzlich eintreffendes Ereignis“
Dennoch: „Wer kein Notfall ist, sollte eigentlich zu seinem Arzt oder in die Bereitschaftsdienstzentrale“, sagt Germann. Die hat ihre Räume ebenfalls im Gebäude in der Hellmut-Hartert-Straße, „gehört aber nicht zu uns“. Seit die Öffnungszeiten des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes eingeschränkt sind, „merken wir, dass noch mehr Patienten zu uns kommen“, berichtet Germann. Montags, dienstags und donnerstags sei der Bereitschaftsdienst seit einiger Zeit nicht besetzt. Den Patienten bleibe dann nur die Hotline 116117. „Es gibt außerhalb der Sprechzeiten eigentlich keine strukturierte ärztliche Versorgung mehr“, meint Germann. Und so landeten dann auch all jene in der ZNA, die dort eigentlich nicht hin gehören. „Wir haben teilweise Leute hier, die nur eine Krankschreibung brauchen oder ein Rezept“, erklärt er. Das System sei an vielen Stellen völlig überlastet, so der Tenor der beiden Mitarbeiter der ZNA.
Doch wie entscheiden Patienten bei Schmerzen, wann sie ins Krankenhaus gehen sollen – also ein Notfall sind – und wann nicht? Der Notfall „ist eigentlich als ein akut, plötzlich eintreffendes Ereignis innerhalb von 24 Stunden definiert“, betreffe also nicht diejenigen, „die seit zwei Wochen Bauchschmerzen haben“, auf eine endoskopische Untersuchung warten oder sich seit drei Tagen mit Husten und Fieber herumplagen.
„In der Regel weisen wir nicht ab“
Laut Krauß spielten in dem Zusammenhang aber auch die sozialen Medien eine Rolle. Vor allem jüngere Menschen suchten häufiger als früher den direkten Weg ins Krankenhaus. „Da fehlt auf der einen Seite das Wissen“, sagt er. Durch Instagram, Google und Co. „werden sie aber auch unheimlich schnell getriggert“, teilt Krauß seine Beobachtung. Dann werde aus einem Zwicken in der Wade nach der Internetrecherche auch mal eine Thrombose und diejenigen wendeten sich besorgt an die ZNA.
„Patienten, die nichts für uns sind, müssten wir eigentlich wegschicken, da die ZNA nicht zuständig ist“, – das Klinikum bei der Behandlung sogar draufzahle, sagt Germann. Weil solche Situationen „aber oft konfliktbehaftet sind und wir ja auch die Not derjenigen sehen, behandeln wir sie trotzdem“, erklärt der erfahrene Mediziner. Menschen mit Migrationshintergrund wüssten zum Teil auch nicht, dass in Deutschland eben nicht immer das Krankenhaus erste Anlaufstelle ist. Marco Krauß pflichtet dem bei: „In der Regel weisen wir kaum jemanden ab. Wo sollen diejenigen auch hin?“ Dieses Vorgehen schlage sich aber natürlich auch in den Wartezeiten nieder.
„Wir stellen schon fest, dass die Hemmschwelle bei einigen gesunken ist. Da entwickelt sich im Wartebereich auch eine eigene Dynamik und es führt ein Wort zum anderen“, erzählt Krauß. Von manchen ungehaltenen Patienten müsse man sich da auch Beleidigungen anhören, „aber die meisten warten geduldig und sind dankbar, dass sie irgendwo ankommen“.