Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Dialyse-Arzt zu Notaufnahme und ambulanter Versorgung: „Mir tut der Patient leid“

Sieht viele Schwachstellen in der ärztlichen Versorgung – ambulant wie stationär: Thomas Ruf.
Sieht viele Schwachstellen in der ärztlichen Versorgung – ambulant wie stationär: Thomas Ruf.

In der Notaufnahme sind die Wartezeiten teilweise lang – auch, weil längst nicht nur Notfälle dort hingehen. Der niedergelassene Arzt Thomas Ruf hat viel Verständnis für seine Kollegen, erklärt aber auch, wann bei ihm die Geduld endet. Denn wenn er einen Patienten ins Klinikum schickt, geht es um viel.

Den Ausdruck „Schwarzer Peter“ hat er nicht gern gelesen, sagt Thomas Ruf. „Ich bin tief erschüttert und sehr betroffen, dass als Vergleich für die Versorgung kranker Patienten ein Kinderkartenspiel – ,Schwarzer Peter’– herangezogen wird. Das lässt tief blicken“, erläutert er. „Dieser Begriff wird der Tragweite und der Wichtigkeit des Themas nicht gerecht“, findet er. In einem RHEINPFALZ-Artikel zur Situation in der Notaufnahme des Westpfalz-Klinikums hatte sich deren Leiter Berthold Germann entsprechend geäußert. Sie hätten den „Schwarzen Peter“, weil letztlich alle Patienten bei ihnen landeten, wenn die ambulante Versorgung nicht mehr ausreichend greife, (Haus-)Ärzte fehlten oder Sprechzeiten und Notdienste verkürzt werden.

Ruf ist Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Nephrologie und Proktologie. Seit 2004 ist er in Kaiserslautern mit einer Praxis vertreten, ist mittlerweile zusammen mit Thomas Nesbigall Ärztlicher Leiter des Aleria MVZ. Ruf behandelt dort viele Dialyse-Patienten. Und er kennt die andere Seite. Die des Klinikums. „Es ist schon einige Jahre her, wie es heute ist, kann ich natürlich nicht abschließend beurteilen“, sagt er. Bis 1999 war Ruf selbst neun Jahre am Westpfalz-Klinikum tätig, tat seinen Dienst auch in der Notaufnahme.

Arzt klagt: „Wo sonst sollen diese schwerkranken Patienten hinüberwiesen werden?“

„Ich weiß natürlich, dass die Zentrale Notfallambulanz am Klinikum das letzte Glied in der Kette ist, aber es ist auch deren Aufgabe“, sagt er. Er habe den „größten Respekt und Hochachtung vor allen, die in der Notfallambulanz einer Klinik – im Speziellen der Ambulanz des Westpfalz-Klinikums – arbeiten und ihren Dienst tun“, wisse um die Schwierigkeiten der Kollegen, beispielsweise angesichts der vielen Patienten eine Triage zu machen. „Aber das sind Probleme, die betreffen uns alle“ und „man sollte versuchen, das Beste daraus zu machen“. Denn „wo sonst sollen denn diese schwerkranken Patienten hinüberwiesen werden, wenn nicht in ein Krankenhaus der Maximalversorgung mit universitärem Anspruch?“ Dass diese Patienten „selbst nach telefonischer Vorankündigung nur über die Notfallambulanz aufgenommen werden können, entspricht wohl der internen Organisation“, das dürfe nicht als „Zuschieben des Schwarzen Peters“ interpretiert werden, findet Ruf.

100 Dialyse-Patienten behandelt er an den beiden Praxisstandorten Kaiserslautern (70) und Rockenhausen (30) mit seinen Kollegen. Vier Stunden dauert eine Blutwäsche, bei der etwa 20 Mal das „Blut umgewälzt wird“. So gehe das für diese Menschen alle zwei Tage. Über Monate, über Jahre. Eine Organspende kommt bei vielen nicht in Frage, „das Risiko ist zu hoch“. Denn den meisten „fehlt nicht nur die Nierenfunktion“, sie haben zusätzlich Herzprobleme, Durchblutungsstörungen, häufig weitere schwere Erkrankungen. Multimorbidität nennen Mediziner das. „Der leiseste Windhauch haut sie um“, eine Erkältung, ein Infekt, können schwerwiegende Folgen haben. „Wir versuchen, soweit es ambulant geht, die Menschen zu versorgen“, aber manches Mal, da führe kein Weg um einen Klinikaufenthalt herum.

Notaufnahme: Keine stationäre Aufnahme trotz ärztlicher Einweisung

Ruf erzählt die Geschichte eines Mannes. Eines schwer Kranken. „Er ist bei uns Dialyse-Patient.“ Doch eines Tages sei er mit Husten, Fieber und völlig heiser zur Behandlung erschienen. „Sein Kreislauf war mehr als grenzwertig“, schildert Ruf. Er habe die Entscheidung getroffen, für den Patienten geht es ambulant erstmal nicht weiter. Eine engmaschige Überwachung, Infusionen, eine Blutkontrolle habe er für dringend erforderlich gehalten. Ruf stellte eine stationäre Einweisung aus, einen Arztbrief dazu und forderte den Patient auf, im Klinikum vorstellig zu werden. „Wenn man ihn dann zwei Tage später in der Dialyse wiedersieht, in noch katastrophalerem Zustand“, könne er nicht verstehen, wie das passieren konnte. „Er hat hoch gefiebert, kaum Luft bekommen“, berichtet Ruf. Er habe für den Mann dann einen Krankentransport angefordert, „der ihn ins Krankenhaus gebracht hat“. Dieses Mal habe die Einweisung, die über die Notfallambulanz läuft, Erfolg gehabt.

„Mir tut in erster Linie der Patient leid. Ich kann nicht sagen, ob der Verlauf besser gewesen wäre, wenn er gleich aufgenommen worden wäre. Mir geht es um die Versorgung der Patienten“, erklärt Ruf. Er wisse natürlich nicht, was die Gründe dafür waren, wieso der Mann nicht schon beim ersten Mal stationär aufgenommen wurde, „vielleicht muss man sich da auch noch mal Gedanken machen, wie man die Prozesse organisiert“, vielleicht habe der Mann auch selbst nicht bleiben wollen, das könne er im Nachhinein nicht nachvollziehen. Doch dass „schwerkranke Patienten, deren ambulante Behandlung der betreuende Facharzt nicht mehr verantworten kann und eine stationäre Therapie für notwendig erachtet, unter Umständen auch nach telefonischer Vorankündigung aus der Notfallambulanz wieder entlassen werden mit teils fatalem Ausgang“, passiere immer wieder mal, sagt Ruf. Wie oft genau? „Mir ist es zu häufig“, sagt er. „Ich bin niemand, der lehrmeisterlich über anderen stehen will und redet, aber richtig nachvollziehen kann ich es nicht“, fügt er hinzu.

Zu wenig Medizinstudienplätze, zu viel Bürokratie

Ihn sorge die Versorgungssituation insgesamt zunehmend: „Ich sehe einen Verfall in allen Bereichen“, denn immer stärker konzentrierten sich wenige Praxen und Ärzte an größeren Standorten, „es sind immer weniger Versorger da“, gleichzeitig „haben wir immer mehr schwerkranke Menschen, werden immer älter“. Bei einem solch hohen Patientenaufkommen – Ruf berichtet von Personen aus Pirmasens, Idar-Oberstein oder Saarbrücken, die zu ihnen kommen – werde es schwer, allen gerecht zu werden.

Aus seiner Sicht seien zwei Dinge „extrem wichtig“. Die Manpower zu erhöhen, sei das eine: „Wir haben weniger Medizinstudenten in ganz Deutschland als vor der Wiedervereinigung in der Bundesrepublik. Das kann nicht funktionieren“, sagt er. Der zweite Punkt: der „enorme Bürokratieaufwand“, der kaum zu leisten sei. Dass die Digitalisierung dabei helfe, mehr Zeit für den Patienten zu haben, könne er so bislang nicht sehen. „Im Moment macht uns die Digitalisierung mehr Arbeit“, erzählt er. Die elektronische Krankschreibung, das E-Rezept und jetzt bald die digitale Patientenakte: „Da muss ich mich reinarbeiten, brauche jemanden, der es für mich macht“, und nicht zuletzt müsse dann auch alles reibungslos funktionieren. Es dürfe nicht minutenlang dauern, bis die Daten übertragen sind, wie bei der Einführung häufiger passiert.

Streikende Technik: „Dann steht der Behandlungserfolg in Frage“

Und auch jetzt passiere es noch, dass „hier alles still steht“. Wenn ein Software-Update nicht richtig einspielt wurde beispielsweise. Wenn das beim Einlösen des Rezept in der Apotheke abends passiere, bekomme mancher Patient Probleme. „Wir haben welche, die sind sehr darauf angewiesen, dass sie ihre Medikamente sehr regelmäßig nehmen“, erklärt Ruf. Wenn diese dann ein Wochenende lang auf die nächsten Tabletten warten müssten, „ist das eine Situation, die den Therapieerfolg in Frage stellen kann“. Außerdem „kommen da Mordsängste hoch, ein Gefühl der Hilflosigkeit“. Patienten seien dann völlig verunsichert.

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