Kaiserslautern
Ein Jahr nach Soko „Willy“: Wie steht es um den Drogenhandel in Kaiserslautern?
Die Nacht ist finster, als die 200 Beamten ausrücken, ein Großaufgebot in geheimer Mission. Im Fokus der Razzia: die organisierte Rauschgiftkriminalität. Ziele der Fahnder: Wohnungen in Kaiserslautern, Mainz und im Rhein-Pfalz-Kreis. „Bandenmäßiger Drogenhandel“ – so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft an jenem 27. März 2025. Ergeben hat er sich durch die Ermittlungen der Soko „Willy“, einer frisch im September gegründeten Sonderkommission des Polizeipräsidiums Westpfalz. Ihr Name ist angelehnt an den Willy-Brandt-Platz, das gepflasterte Areal vor dem Lautrer Rathausturm: ein Hotspot für Dealer. In den Morgenstunden also greifen die Polizisten zu, ihre Operation endet mit neun Festnahmen. Weil bei den Tatverdächtigen akute Fluchtgefahr besteht, landen sie in U-Haft – und schweigen. Nach Angaben von Udo Gehring, dem Leitenden Oberstaatsanwalt, sollen sie Kokain, Amphetamine, Ecstasy und Haschisch verkauft haben.
Alles auf offener Straße. Selbst an Minderjährige, darunter ein erst 13 Jahre altes Mädchen.
An jenem 27. März, so heißt es später von den Behörden, zerschlägt die Soko „Willy“ eine abgebrüht agierende Drogenbande, die sich in Kaiserslautern eingenistet hat – mit Bossen, Kurieren, Dealern. „Wehret den Anfängen“, sagt Hans Kästner damals in einer Pressekonferenz. Er, der Chef des Polizeipräsidiums, werde den Ganoven nicht die Innenstadt überlassen, versichert er. Es klingt nach einer Kampfansage.
Natürlich wird weiterhin gedealt, auch in Lautern
Wie beurteilt er heute, genau ein Jahr später, das Rauschgiftmilieu in der City? Wie sieht Kästner die Szene, deren Herz – dem Vernehmen nach – noch immer in der Neuen Stadtmitte schlägt, auf den Plätzen vor der Mall?
Als Reaktion auf eine RHEINPFALZ-Anfrage bittet er Ende März in sein Büro, auf der Agenda: ein ausführliches Interview zur Sicherheitslage. Im Laufe der eineinhalb Stunden kommt auch der Drogenhandel zur Sprache, besonders im Stadtkern. „Durch die Zerschlagung über die Soko ’Willy’ konnten wir ein Beziehungsgeflecht feststellen“, fasst Kästner zusammen. Seine Behörde hatte im Herbst 2023 ein Sicherheitskonzept verfasst – drei Säulen, ein aufwendiger Maßnahmenkatalog. Mehr Streifen, das war eines der Versprechen. Dass die Ermittler dann einen Ring auffliegen lassen, der „im größeren Stil“ sein Unwesen treibt, war laut Kästner ein erstes Signal. Aber längst nicht alles, nicht der Schluss der Anstrengungen. „Ohne unsere verstärkte Präsenz in der Innenstadt wären wir nie an die Gruppe herangekommen“, sagt er. Was den Bedarf von illegalen Betäubungsmitteln betrifft, weiß der 65-Jährige: „Der Markt ist da, gerade in Ballungsräumen.“ Ja, mit dem Zusammenbruch der „Willy“-Bande sei natürlich nicht das Kokain oder das Heroin von der Straße verschwunden. Keine Frage, betont Kästner, auch in Kaiserslautern werde weiter gedealt.
„Unser Ziel ist es, an die Bestellungen ranzugehen“, nimmt der Polizeipräsident jene ins Visier, die im Dunkeln die Fäden ziehen – und die den Stoff verteilen, ihn an die Händler bringen. Um nicht zu sagen: ans Ende der Kette. „Jede Stadt wird versorgt, weil nach wie vor, trotz Cannabis-Legalisierung, viel Geld mit Drogen zu machen ist“, so Kästner.
Haftstrafen von 22 Monaten bis zu sieben Jahren
Dass verdeckte Vorstöße wie die Soko „Willy“ sichtbare Erfolge versprechen, zeigte sich im November 2025, in Sitzungssaal 1 des Landgerichts. Auf der Anklagebank saßen die acht Männer, abgeführt bei der Razzia im März – wegen des Verdachts auf bandenmäßigen Drogenhandel. Tatort: der Willy-Brandt-Platz vorm Rathaus, ab Juli 2024. Besorgt haben soll das Rauschgift der Kopf der Gang, ein 27-jähriger Dealer. Seine Quellen hatte er offenbar in Frankfurt am Main und Offenbach, zwei Hochburgen für Drogengeschäfte. Gegen die Beschuldigten im Alter von 22 bis 32 Jahren verhängte das Landgericht letztlich Freiheitsstrafen – zwischen 22 Monaten und sieben Jahren, keine davon zur Bewährung. Wie Oberstaatsanwalt Gehring am Donnerstag auf Nachfrage ergänzt, sind alle Urteile rechtskräftig. Der neunte im Bunde, ein angeklagter Jugendlicher (17), muss außerdem für drei Jahre hinter Gittern.
Und das sei nicht alles, was die Soko „Willy“ vorweisen kann, schreibt Gehring. Ermittelt hat die Polizei noch gegen zwölf andere Personen. Vier der Verdächtigen sind bereits zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt worden, bis zu 18 Monate auf Bewährung – fünf weitere Anklagen stehen aus.
Am Mittwoch legte das Polizeipräsidium Westpfalz nun die Kriminalstatistik für 2025 vor, alles sauber verpackt in 18 Seiten. Im Feld der Drogenhandelsdelikte seien die Zahlen für die Stadt noch nicht herausgefiltert, erklärt die Pressestelle – ein Vergleich mit den Werten von 2024 sei daher unmöglich. Man könne die Statistik aktuell lediglich auf den „Raum Kaiserslautern“ herunterbrechen, der das Stadtgebiet beinhaltet: Dort registrierte die Behörde im Vorjahr 60 Fälle von unerlaubtem Handel mit Rauschgift, 17 mit Kokain, 27 mit Amphetaminen – und 94 Mal schnappten die Fahnder einen Cannabis-Dealer. 2024 hatten die Ermittler allein in der Kernstadt 50 Fälle von illegalem Rauschgiftverkauf aufgedeckt, zwölf waren es bei den Amphetaminen, sechs beim Kokain. Und 16 Mal war den Polizisten ein Händler ins Netz gegangen, der Cannabis vertrieb.
Hatte die tödliche Messertat mit Drogen zu tun?
So viel zur vorläufigen Kriminalbilanz, den harten Fakten. Und darüber hinaus? Natürlich spiegeln die Diagramme nicht wieder, inwieweit kriminelle Milieus das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigen. Dort vor allem, wo sie belebte Orte prägen: in der Neuen Stadtmitte zum Beispiel. Am Tag der Pressekonferenz zur Soko „Willy“ hatte Hans Kästner, der Polizeipräsident, einen erkennbaren Zusammenhang erwähnt – zwischen der Drogenszene im Zentrum und der Verängstigung der Bürger. Die, die sich in den Straßen vorm Einkaufscenter prügeln, die sich lautstark gebärden, die eine befremdliche Atmosphäre schaffen, die stammten in Teilen aus „den Gruppierungen, die wir in der Soko beobachtet haben“, erläuterte Kästner. Also aus dem Dunstkreis der Dealer. Heute bekräftigt er, dass auch diese Klientel „für das schlechte Sicherheitsgefühl verantwortlich“ war – und ist.
Das Gerücht, wonach der Ursprung der tödlichen Messerattacke am Fackelbrunnen im Rauschgiftmilieu liegt, wollen weder Kästner noch Gehring bestätigen. Nach Informationen der Staatsanwaltschaft kreisen die Ermittlungen aber ebenfalls um die Frage, „ob Streitigkeiten um Drogengeschäfte die Tat veranlasst haben“.
Eines, sagt Kästner, das sei ihm wichtig. „Wir haben hier keine Zustände wie in anderen Großstädten“, mahnt er. Keine „offene Szene“, keine Suchtkranken, die sich unter den Augen der Öffentlichkeit einen Schuss setzen. Dennoch, der Kampf gegen die Straßenkriminalität sei in den Mittelpunkt der Polizeiarbeit gerückt – um die Menschen in Kaiserslautern von ihrer Verunsicherung zu befreien, sie zu beruhigen. Durch den Schlag gegen die „Willy“-Bande, sagt Kästner, seien einige der Unruhestifter schonmal aus dem Verkehr gezogen.