Weisenheim am Berg RHEINPFALZ Plus Artikel Zwei Jahre nach dem Horror-Unfall: Wie geht es Baby Nora heute?

Steffen Kirchner und Tochter Nora. Sie hat den furchtbaren Unfall vor zwei Jahren als Einzige überlebt.
Steffen Kirchner und Tochter Nora. Sie hat den furchtbaren Unfall vor zwei Jahren als Einzige überlebt.

Vor zwei Jahren hat ein Unfall zwischen Weisenheim am Berg und Kirchheim die Menschen erschüttert: Zwei junge Frauen und ein kleiner Junge starben, als ein rasender Jaguar-Fahrer ihren Wagen rammte. Nora überlebte in ihrer Baby-Schale. Wie geht es dem Mädchen heute?

Nora ist ein goldiges kleines Mädchen mit blonden Locken, das seit einigen Tagen in den Kindergarten geht und am liebsten mit einem Traktor spielt, dem man die Reifen abschrauben kann. Im August ist sie zwei Jahre alt geworden, sie ist ein quirliges Kind. Und manchmal denkt ihre Oma, die Kleine sei lebhaft für zwei.

Nora ist die einzige Überlebende eines Verkehrsunfalls, der vor zwei Jahren viele Menschen im Kreis Bad Dürkheim tief erschütterte und auch wütend machte. Noras Mutter Sarah (31), Noras Bruder Finn (15 Monate) und Nadine (27), eine Freundin der Mutter, mussten sterben, weil ein Jaguar-Fahrer viel zu schnell auf einer Kreisstraße unterwegs war und in einer Kurve den Kleinwagen rammte, in dem die vier saßen. Nora war damals keine fünf Wochen alt.

Dass Nora lebt, ist ein Wunder

Dass das Baby überlebt hat, ist ein Wunder. Der Kleinwagen wurde bei dem Aufprall komplett zerstört, Noras Mama Sarah, Beifahrerin Nadine und der kleine Finn waren sofort tot. „Als die drei gegangen sind, haben sie einen Schutzkokon um die Kleine gebildet. Anders kann man es nicht erklären“, sagt Noras Vater Steffen Kirchner und formuliert einen Gedanken, der ein wenig Trost spenden kann: „Der Große ist bei der Mama. Die Kleine beim Papa.“

Bilder, Kinderschuhe, Kerzen: Im Hauseingang gibt es einen Erinnerungsort für die Verstorbenen.
Bilder, Kinderschuhe, Kerzen: Im Hauseingang gibt es einen Erinnerungsort für die Verstorbenen.

Im Eingangsbereich des Hauses in Weisenheim am Berg, in dem Steffen Kirchner (36), seine Mutter Traudel Kirchner (66) und die kleine Nora wohnen, sind Erinnerungsstücke an die kurze Zeit als vierköpfige Familie aufgestellt – Fotos, die kurz nach Noras Geburt aufgenommen wurden, Schuhe und kleine Arbeitshandschuhe von Finn, ein Schlüsselanhänger, den Steffen Kirchner aus dem zerstörten Auto gezogen hat. Es ist ein kleiner Gedenkort, batteriebetriebene Kerzen verleihen dem Ganzen etwas Feierliches. „Die Lichter brennen immer“, sagt Steffen Kirchner, der elf Jahre lang mit Sarah zusammen war. „Ich lasse sie nicht ausgehen.“ Manche Menschen hätten zu ihm gesagt, er solle vergessen, was passiert ist: „Ich kann doch nicht hingehen und ihre Mutter und ihren Bruder vergessen“, sagt er. Er will, dass an sie gedacht wird.

Das Kind soll Kind sein

Das kleine Mädchen kennt ihre Mutter und ihren Bruder von Bildern, sie weiß, dass sie auf dem Friedhof sind. Was passiert ist, weiß sie nicht. Wie soll man einer Zweijährigen so etwas Furchtbares erklären? Traudel Kirchner sagt: „Das Kind soll Kind sein.“ Für sie heißt das: „Ich lache viel mit ihr, gehe mit ihr bei Wind und Wetter raus, lasse sie durch jede Pfütze laufen.“ Ihre Traurigkeit zeigt die Oma tagsüber nicht: „Getrauert wird nur nachts.“

Oma Traudel Kirchner zieht die kleine Nora groß. Sie sagt: „Wir möchten uns für die große Hilfe am Anfang sehr bedanken.“
Oma Traudel Kirchner zieht die kleine Nora groß. Sie sagt: »Wir möchten uns für die große Hilfe am Anfang sehr bedanken.«

Nach dem Unfall war Nora zwei Tage lang im Krankenhaus, auch jetzt habe sie wiederkehrende Probleme mit dem ersten Halswirbel und dem Nacken, erzählen Vater und Oma. Eine Ärztin in Bad Dürkheim, die sie privat bezahlen, hilft ihnen. Wie der Unfall Nora in seelischer Hinsicht geprägt hat, wissen sie nicht. „Es gibt Leute, die sagen: Sie war doch noch so klein, sie hat nichts mitgekriegt“, sagt Traudel Kirchner. Sie glaube das nicht. „Ich sage: Ganz weg ist es nicht. Wenn wir draußen spazieren gehen und Nora ein Auto hört, nimmt sie mich an der Hand und zieht mich an die Wand.“

Die tiefsitzende Angst, dass dem eigenen Kind, dem eigenen Enkelkind etwas zustoßen könnte, begleitet die meisten Eltern und Großeltern. „Man denkt immer, was alles passieren könnte“, sagt die Oma. Deswegen haben sie Nora den sichersten aller Kindersitze gekauft und sie lassen sie nicht bei anderen Menschen im Auto mitfahren.

Das Leid der Familien

Der seinerzeit 28-jährige Mann, der auf der kurvigen Kreisstraße zwischen Weisenheim am Berg und Kirchheim mit 140 bis 150 Stundenkilometern unterwegs war und zwischen 122 und 127 auf dem Tacho hatte, als er gegen den Kleinwagen prallte, ist im Juli zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt worden. Die Vorsitzende Richterin am Landgericht Frankenthal ging bei der Urteilsverkündung auf das Leid ein, dass dieser Unfall verursacht hat: „Einem kleinen Jungen wurde die Chance genommen, die Welt zu entdecken. Ein kleines Mädchen wird nie Mutter und Bruder kennenlernen.“ Die Familien der unschuldigen Unfallopfer litten, und auf der anderen Seite habe man einen Angeklagten, der große Schuld auf sich geladen habe – auch er leide: „Hier sitzt ein Mann, der mit seiner Schuld kaum leben kann.“

Steffen Kirchner hat immer gesagt, dass die Höhe der Strafe für ihn keinen Unterschied mache, er sagt das auch heute noch: „Das Schlimmste ist, dass die drei nie mehr zurückkommen – gleich, wie lange der Mann im Gefängnis sitzt.“

„Es gibt schwere Tage“, sagt der 36-Jährige, der als Brennholzhändler und Lohnunternehmer arbeitet. „Aber die Kleine gibt die Kraft.“ Traudel Kirchner ist vor drei Jahren und damit etwas früher in Rente gegangen. „Heute weiß ich, warum“, sagt sie. Die 66-Jährige ist rund um die Uhr für die Kleine da. Nora sagt „Mama“ zur Oma, sie sagt auch „Mama“, wenn sie Bilder ihrer verstorbenen Mutter sieht.

Steffen Kirchner hat seit einigen Monaten eine neue Partnerin, eine frühere Schulkameradin seiner verstorbenen Lebensgefährtin. Sie helfe ihm und unterstütze seine Mutter, erzählt er. Das Wichtigste sei jedoch, dass sie akzeptiert, dass Finn und Sarah für immer zum ihm gehören.

Konto

Bei der Sparkasse Rhein-Haardt gibt es ein Spendenkonto für Nora. Es läuft auf den Namen Nora Luna Kirchner, Iban DE18 5465 1240 0005 7920 56, Bic MALADE51DKH.

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