Grünstadt / Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Sie kriechen aus Steckdosen: Tapinoma magnum erobert das Leiningerland

In einem Bissersheimer Wohnzimmer: verendete Tapinoma-magnum-Ameisen.
In einem Bissersheimer Wohnzimmer: verendete Tapinoma-magnum-Ameisen.

Die eingewanderte und besonders lästige Ameisenart breitet sich im Raum Grünstadt aus. Wo sie neu entdeckt worden ist und was Betroffene vom Leben mit der Plage berichten.

Das Schlimmste für sie wäre, wenn die Tierchen irgendwann sogar aus den Steckdosen herauskriechen. Das, erzählt eine Bissersheimerin, hat sie gesagt, nachdem 2024 das Ameisen-Gewusel in ihrer Wohnung begonnen hatte. Losgeworden sind sie und ihr Mann die lästigen Insekten seither nicht mehr. Der Wechsel der Jahreszeiten, der Einsatz verschiedener Gegenmittel und die Hilfe eines Profi-Bekämpfers haben dem Ehepaar nur Atempausen verschafft. Und mittlerweile ist eingetreten, was die Frau einst als ärgstes Horror-Szenario beschrieb.

Ein Fall für die Versicherung?

Also sind die Steckdosen im Wohnzimmer jetzt aufgeschraubt, die Elektro-Einsätze baumeln aus den Wänden. Denn in den geöffneten Mauerlöchern liegen Pads mit Lock- und Giftstoffen. Und über den Fliesenboden zieht sich ein Streifen aus pinkfarbenem Granulat, auf dem sich verendete Ameisen zu schwarzen Häufchen ballen. Vor drei, vier Wochen ist es wieder losgegangen, erzählt die Bissersheimerin. Mittlerweile fragt sie sich, ob sie ihre Versicherung einschalten soll: für den Fall, dass zwecks Nestsuche die Außenverkleidung ihres Häuschens aufgestemmt werden muss.

Ebenfalls befallen: aufgeschraubte Steckdosen in einem Bissersheimer Wohnhaus.
Ebenfalls befallen: aufgeschraubte Steckdosen in einem Bissersheimer Wohnhaus.

Derweil gilt die Bissersheimer Insekten-Invasion nicht mehr nur als Privatproblem einzelner betroffener Haushalte. Bürgermeisterin Kerstin Ort-Bausbacher geht davon aus, dass ihr Dorf von Tapinoma-magnum-Ameisen heimgesucht wird. Sie stammen aus Südeuropa, fühlen sich mittlerweile aber auch bei uns pudelwohl. Als besonderes äußeres Kennzeichen der zwei bis 3,5 Millimeter großen Tiere gilt eine kleine Kerbe am Kopf, doch tritt so ähnlich auch bei anderen Arten auf. Letzte Sicherheit bringt nach Angaben der Bad Dürkheimer Kreisverwaltung daher nur eine DNA-Analyse.

„Die sprudeln nur so raus“

Allerdings gibt es weitere Indizien, die einen Tapinoma-magnum-Verdacht untermauern können: Die Einwanderer-Völker legen besonders breite, oft mehrspurige Ameisenstraßen an. Außerdem treten sie in Massen zum geballten Gegengriff an, wenn sie sich attackiert fühlen. Dieses Verhalten hat Ort-Bausbacher zum Beispiel beobachtet, als sie am Rand der Hauptstraße in Ritzen neben verräterischen Sandhäufchen herumgestochert hat: „Dann sprudeln die nur so raus.“ Und wenn man sie zerdrückt, hinterlassen die Tiere einen speziellen Geruch.

Lässt sich nicht mehr ausrotten: eingewanderte Ameise Tapinoma magnum.
Lässt sich nicht mehr ausrotten: eingewanderte Ameise Tapinoma magnum.

Der wird als chemisch-süßlich beschrieben. Manche Menschen erinnert er an ranzige Butter, andere an Zitrone oder das Lösungsmittel Aceton. Auf die Feinheiten des Dufts kommt’s aber nicht an: Einheimische Ameisenarten verbreiten den Behörden zufolge gar keinen oder wenigstens keinen auffälligen Geruch. Und sie werden verdrängt, wo sich die eingewanderte Krabbel-Konkurrenz breitmacht. 2024 kamen Tapinoma-magnum-Alarme vor allem aus der Südpfalz, 2025 auch aus Bobenheim-Roxheim, Wachenheim, Bad Dürkheim – und einer ersten Leiningerland-Gemeinde.

Auf dem Weg ins Zentrum

In Dirmstein, berichtet der Beigeordnete Christian Arenth, sind die Insekten zunächst am Dorfrand beim Feuerwehr-Gerätehaus entdeckt worden, dann ein paar Hundert Meter weiter im Bereich der Festhalle. Über die Ameisenplage dort habe sich vergangenes Jahr schon eine Hochzeitsgesellschaft beschwert, berichtet der Kommunalpolitiker: „verständlicherweise“. Der Winter habe die Tiere dann einstweilen verschwinden lassen, nun seien sie seit ein paar Wochen wieder aktiv – offenbar rückten sie jetzt weiter in Richtung Zentrum vor.

Befallene Zone: Tiefenthaler Straße in Grünstadt.
Befallene Zone: Tiefenthaler Straße in Grünstadt.

Also hat die Ortsgemeinde erneut einen Profi-Bekämpfer aufmarschieren lassen. Er wird Arenth zufolge nun im Zwei-Wochen-Rhythmus nach Dirmstein kommen. Nach und nach wolle der Fachmann die Wege der Insekten verfolgen, so ihre Nester aufspüren und dort dann mit Profi-Gegenmitteln die Bestände dezimieren. „Wobei uns allen klar ist: Es geht nur ums Eindämmen“, sagt der Beigeordnete. „Ausrotten kann man sie nicht mehr.“ Denn diese Ameisen verbinden ihre Nester über ganze Straßenzüge hinweg zu riesigen Kolonien mit mehreren Königinnen.

Gefährliche Wühlarbeit im Untergrund

Auch in Grünstadt geht die Stadtverwaltung inzwischen davon aus, dass sie ein Tapinoma-magnum-Problem hat. Befallen ist offenbar das Umfeld der Kreuzung Am Wehrhaus/Tiefenthaler Straße, das den Angaben aus dem Rathaus zufolge schon seit Jahren durch besonders viele Ameisen auffällt. Trotz der Bekämpfungsversuche der Anlieger hätten sie sich nun von Privatgrund aus bis in den Bürgersteig-Bereich ausgebreitet. Gefährlich ist dabei vor allem ihre Wühlarbeit im Untergrund: Die Insekten können zum Beispiel Gehwege absacken lassen oder Stromleitungen beschädigen.

Macht sich jetzt Sorgen um die Glasfaser-Kabel: Bissersheims Bürgermeisterin Kerstin Ort-Bausbacher.
Macht sich jetzt Sorgen um die Glasfaser-Kabel: Bissersheims Bürgermeisterin Kerstin Ort-Bausbacher.

In Bissersheim macht sich Bürgermeisterin Ort-Bausbacher daher gerade Sorgen um die Glasfaserkabel. Denn die Tiere krabbeln auch rund um einen Schaltschrank, der zum Datenleitungsnetz gehört. Immerhin: Der Stromkasten gleich daneben sei schon kontrolliert worden, mit dem sei alles in Ordnung. In seinem Umfeld zeugt derweil weißes Pulver am Gehwegrand von den Bekämpfungsversuchen der Ortsgemeinde. Das Los des Ehepaars mit dem schon seit 2024 befallenen Anwesen allerdings macht wenig Hoffnung auf durchschlagenden Erfolg.

Mehrere Hundert Euro für Gegenmittel

Die Bewohnerin sagt: Sie habe schon mehrere Hundert Euro für verschiedene, teils nur unter besonderen Auflagen verkäufliche Gegenmittel ausgegeben. Doch eigentlich habe sich das Problem immer nur verlagert: Wenn sie mal von der einen Wohnzimmerwand vertrieben waren, krochen die Ameisen unterm Bodenbelag auf die andere Seite und kamen dort wieder heraus – bis sie so nun auch noch die Steckdosen für sich entdeckt haben.

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