Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Rückkehr des Wolfs: Was ein Fachmann den Menschen im Leiningerland rät

Vertilgt auch junge Rinder, Fohlen, Alpakas und Damwild: ein Wolf.
Vertilgt auch junge Rinder, Fohlen, Alpakas und Damwild: ein Wolf.

Im Sommer 2022 ist erstmals wieder ein Wolf durchs Leiningerland gezogen, für zwei Schafe endete sein Besuch tödlich. Nun hat der Nabu in Grünstadt einen Experten über den Beutegreifer sprechen lassen. Es ging um Herdenschutz – und darum, ob Spaziergänger in der Natur Angst haben müssen.

Wie lässt sich nachweisen, dass ein Wolf in der Nähe ist oder war?
Durch Bilder, beispielsweise Aufnahmen mit dem Smartphone oder von einer Fotofalle. Sehr charakteristisch ist der Kot, mit dem der Wolf gern die Grenze des eigenen Reviers markiert. Trittspuren können auch eindeutig sein, allerdings braucht es dafür entsprechenden Untergrund wie Sand oder Schnee. Sichtungen sind gute Hinweise, Laute dagegen – für sich allein genommen – eher nicht. Absolute Gewissheit erlauben natürlich Totfunde. Zwischen 1990 und 2020 sind laut Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes deutschlandweit 505 tote Wölfe entdeckt worden, 380 von ihnen waren überfahren worden.

Wie viele Wölfe gibt es aktuell in der Bundesrepublik?
Im Erfassungszeitraum von 1. Mai 2022 bis 30. April 2023 seien bundesweit 253 Wolfs-Territorien belegt worden, berichtet Julian Sandrini, Leiter des 2021 gegründeten Koordinationszentrums Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt. Dabei handele es sich um 22 Einzeltiere, 47 Paare und 184 Rudel. Letztere bestehen jeweils aus Elterntieren, ihren Welpen und den Geschwistern aus dem Vorjahr. Pro Wurf seien das in der Regel vier bis acht Jungtiere, sagt der Experte, der am Mittwoch auf Einladung des Nabu Eisenberg/Leiningerland in Grünstadt aufgetreten ist. Die Nachweise konzentrierten sich vornehmlich auf den Norden und den Nordosten der Republik. „Die Beutegreifer haben sich von einem Truppenübungsplatz in der Lausitz aus in Richtung Nordwesten verbreitet“, erklärt er.

Und wie sieht es in Rheinland-Pfalz aus?
In Rheinland-Pfalz gibt es aktuell zwei Territorien: rund um Leuscheid an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen und bei Hachenburg im Westerwald. Darüber hinaus befindet sich laut Sandrini ein männlicher Grauwolf mit der Labornummer GW3609m im Hunsrück in der Etablierung. „Der Großkarnivor wurde 2021 in Belgien geboren“, berichtet er. Ein Bruder von ihm (GW2547m) versuche, sich in der Eifel niederzulassen.

Ist das Vorkommen von Wölfen schon im Landkreis Bad Dürkheim belegt?
Ja, im Sommer 2022. In Wachenheim an der Weinstraße durch Kot, in Bad Dürkheim durch ein Foto und im Leiningerland durch zwei tote Schafe.

Leiter des Koordinationszentrums Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt: Julian Sandrini.
Leiter des Koordinationszentrums Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt: Julian Sandrini.

Wann und wo wurden die beiden Schafe gerissen?
Am 21. Juli 2022 in Carlsberg. „Die Schafe standen auf einer Fläche, die mit Drahtgeflecht eingefriedet war, wobei aber der Mindestschutz nicht erfüllt war“, erläutert Sandrini. Der Vorfall habe im Zusammenhang mit vier weiteren Übergriffen, jeweils im Abstand von 50 bis 70 Kilometern, gestanden. Der „Täter“ konnte als Grauwolf-Rüde mit der Nummer GW2886m identifiziert werden. Er hatte zuvor am 16. Juli bereits vier Tiere (Schafe und Ziegen) in Fischbach bei Dahn getötet. Fünf Schafe biss er dann am 28. Juli in Schmitshausen (Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben) tot. Am 4. August wurden zwei Schafe in Bad Sobernheim von einem nicht näher zu beschreibenden Wolf gerissen, und am 11. August ging eine Ziege in Martinshöhe wieder eindeutig auf das Konto von GW2886m.

Woran ist zu erkennen, dass ein totes Tier das Opfer eines Wolfs war?
Ein Indiz ist laut Sandrini ein sauberer Kehlbiss. „Anschließend öffnet der Wolf normalerweise den Bauch und frisst die Innereien, allerdings meidet er den Pansen“, erklärt der Fachmann. Ebenfalls unverkennbar: Er kann dicke Röhrenknochen durchbeißen. „Das gelingt anderen Beutegreifern nicht“, sagt Sandrini.

Worauf machen Wölfe sonst noch Jagd und wie groß ist die Gefahr für Nutztiere?
In erster Linie fressen Wölfe hier in der Region Rehe, Rothirsche und Wildschweine. Sie vertilgen jedoch zum Beispiel auch junge Rinder, Fohlen, Lamas und Alpakas, Damwild und Mufflons. Mitunter gibt es sich zudem mit Kleintieren wie Feldhasen, Wühlmäusen und sogar Lachsen ab. In den vergangenen fünf Jahren gab es in Rheinland-Pfalz 2021 einen Höhepunkt hinsichtlich gerissenen Nutzviehs: Bei 44 Attacken wurden 96 Tiere getötet, fünf verletzt und sechs sind seither verschwunden. 2022 wurden 52 Paarhufer gerissen und acht verschleppt bei insgesamt 26 Übergriffen auf Schaf und Ziege, zwei auf Gehegewild und einem auf ein Kalb. Im vergangenen Jahr gab es bei 17 Vorfällen außer einem gerissenen Damhirsch 43 tote, 18 verletzte und sechs vermisste Schafe und Ziegen. „Das Problem ist meist, dass das Weideland nicht ausreichend gesichert ist“, betont Sandrini.

Wie kann das Nutzvieh besser geschützt werden?
Es muss verhindert werden, dass der Wolf sich unter dem Zaun hindurchgraben kann. „Der buddelt mit großer Ausdauer, denn er hat die ganze Nacht Zeit“, berichtet der Förster. Auch sollte die Einfriedung so hoch sein, dass er nicht darüber springen kann. Strom sei eine gute Schutzmaßnahme. Sandrini empfiehlt einen mindestens 1,80 Meter hohen, straff gespannten Elektro-Litzen-Zaun mit einem festen Bodenabschluss und einer Stromleitung in maximal 20 Zentimeter Abstand. Eventuell sei es auch sinnvoll, Herdenschutzhunde einzusetzen.

Gibt es für Herdenschutzmaßnahmen Fördermittel?
Ja, aber nur in Präventionsgebieten. Davon gibt es landesweit momentan vier: Westerwald, Eifel-West, Taunus und Hunsrück. Bislang hat das Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) rund 750.000 Euro bewilligt.

Sind Wölfe für Hunde und Menschen gefährlich?
Hunde sollten sich stets im Einflussbereich des Halters befinden und abrufbar sein. Für den Menschen ist die Begegnung mit gesunden Wölfen bei richtigem Verhalten ungefährlich: Abstand halten und nicht bedrängen, keinesfalls anlocken oder gar füttern. „Am besten macht man sich durch lautes Rufen, starkes Gestikulieren und Klatschen bemerkbar, dann tritt man ganz ruhig den Rückzug an“, rät Sandrini. Keinesfalls sollte man davonrennen, weil das den Jagdinstinkt des Beutegreifers reizen kann.

Und wie sieht es mit der Gefährlichkeit von Luchsen aus?
Die etwa schäferhundgroßen Luchse reißen mitunter Wild aus dem Gehege sowie Schafe und Ziegen. „Das kommt jedoch eher selten vor“, sagt Sandrini. Das Kluwo habe 2021 zwei Übergriffe registriert, 2022 gar keine und dann wieder je einen im Februar und im Dezember 2023.

Kontakt

Wer einen Wolf oder Luchs gesehen oder eine Spur gefunden hat, meldet sich beim Koordinationszentrum Luchs und Wolf in Trippstadt, E-Mail an kluwo@wald-rlp.de, Großkarnivoren-Hotline 06306 911199.

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