Leiningerland / Eisenberg RHEINPFALZ Plus Artikel Nabu: Diskussion über künftige Ausrichtung des Ortsvereins

Über Windkraftanlagen lässt sich auch unter Naturschützern streiten.
Über Windkraftanlagen lässt sich auch unter Naturschützern streiten.

Was ist wichtiger: Klima- oder Artenschutz? Worum soll sich der Naturschutzbund Eisenberg-Leiningerland in erster Linie kümmern? Und soll er sich politisch stärker einbringen? Solche Fragen hat die Nabu-Ortsgruppe online gestellt und interessante Antworten erhalten.

Kürzlich hat es im Vorstand des Nabu Eisenberg-Leiningerland eine Diskussion darüber gegeben, ob Maßnahmen gegen die Klimakrise die Biodiversität gefährden. Das wurde zum Anlass genommen, über digitale Kanäle eine Umfrage zu dem Themenkomplex zu machen. „Wir wollten ein Stimmungsbild von der Basis erhalten“, erklärte Beisitzer Hans-Valentin Bastian bei der Generalversammlung am Mittwochabend in Ebertsheim. Die 93 Rückmeldungen – darunter von 56 der 1800 Nabu-Mitglieder – seien zwar nicht repräsentativ, aber sie zeigten eine Tendenz, meinte er.

Demnach ist Erhalt der Artenvielfalt 94 Prozent der Befragten (97 Prozent der Vereinsangehörigen und 88 Prozent der Nicht-Mitglieder) sehr wichtig oder wichtig. Hingegen finden nur 68 Prozent (79 Prozent der Mitglieder und 53 Prozent der Externen), dass die Bekämpfung des Klimawandels höchste Priorität haben sollte. Bastian gewährte auch Einblicke in Kommentare, die zu der Umfrage ins Netz gestellt wurden. So schrieben einige, dass Klimaschutz und Biodiversität einander nicht ausschlössen. Einer merkte an, dass Deutschland nicht allein das Weltklima retten könne und ein Dritter warnte davor, dem „Klimaschutz-Wahn“ zu verfallen. Ein weiterer Teilnehmer empfahl, „als Ausweg vor falschen Alternativen“, mehr Energie zu sparen.

Thema Artenvielfalt sehr emotional besetzt

Hans-Valentin Bastian stellte klar, dass, „wir trotz aller Sparbemühungen künftig deutlich mehr Energie benötigen werden“. Insgesamt resümierte er, dass das Thema Artenvielfalt sehr emotional besetzt sei und dass bei differenzierter Betrachtung viel typisch Menschliches zutage getreten sei: Mit zunehmender Betroffenheit sinke die Kompromissbereitschaft. Beispielsweise würden Windräder zwar im Allgemeinen mehrheitlich befürwortet. Gehe es aber darum, zur Erreichung der Klimaneutralität – ein Ziel, das sich Rheinland-Pfalz bis 2030 gesetzt hat – auch einen geringeren Abstand der Windkraftanlagen zur Wohnbebauung zu akzeptieren, reduziere sich die Zustimmung erheblich.

„Wir können die Windräder aber nicht ablehnen und nur den Rotmilan schützen“, sagte Revisor Jörg Posiwio. Für ihn steht fest, dass Klima- und Artenschutz nicht getrennt betrachtet werden können. Allerdings stünden hinter dem Ausbau der Anlagen zur Erzeugung von Erneuerbaren Energien wirtschaftliche Interessen. „Es ist eine Horrorvorstellung, was alles zugepflastert werden muss, um die Klimaziele zu erreichen“, so Posiwio. Die Nabu-Landesvorsitzende Cosima Lindemann habe die Befürchtung geäußert, dass durch die Anstrengungen in Richtung Energiewende – etwa die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren fürs Aufstellen von Windrädern – die Biodiversität „hinten herunterfallen könnte“.

Ohne Klimaschutz kein Pflanzen- oder Tierschutz

Ortsvereinsvorsitzende Susanne Bentz sagte: „Der Nabu kommt traditionell aus dem Pflanzen- und Tierschutz. Und darauf sollten wir weiterhin den Schwerpunkt unserer Arbeit legen. Dabei müssen wir aber fair zu denjenigen sein, die Projekte gegen den Klimawandel verfolgen, denn ohne Klimaschutz brauchen wir uns auch nicht mehr um die Artenvielfalt zu bemühen.“ Beisitzerin Bärbel Rudolph-Leible gab zu bedenken, dass man für ein besseres Klima nicht nur Windräder aufstellen könne, sondern sich auch für Erhalt oder Reaktivierung von CO2-Speichern wie Moorlandschaften und alten, großblättrigen Bäumen einsetzen sollte.

Schriftführer Jörg-Thomas Titz begrüßt es, dass in Baden-Württemberg ab Mai 2022 auf privaten Neubauten Photovoltaikanlagen (PVA) zur Eigenversorgung installiert werden müssen. Posiwio vermisst in dem Bereich die Vorbildfunktion des Bunds, dessen Liegenschaften nur sehr selten mit Solarkollektoren bestückt seien. Schlimm ist es laut Bentz, dass auch riesige Dachflächen von Industrie- und Lagerhallen oft keine PVA haben. Sie nannte das Aldi-Zentrallager und das Metro-Logistikzentrum in Kirchheim und die neue Tesla-Fabrik in Brandenburg.

Beisitzerin Annette Weißmann schließlich brachte die Immobilien der Kirchen ins Spiel: „Schließlich geht es doch um den Erhalt der Schöpfung.“

Nabu sollte stärker öffentlich Position beziehen

Bei der Diskussion ging es auch um den enormen Flächenbedarf von in Monokulturen wachsenden Pflanzen, die für Biogasanlagen benötigt werden, sowie um Wasserstoff, der sich schlecht speichern lässt. Titz kritisierte den Klimaschutz-Aktionismus in Deutschland: „Durch die Förderung mit 9000 Euro werden bald so viele E-Autos unterwegs ein, dass der Strom nicht ausreicht.“

Mehr politische Aktivitäten des Nabu forderte Schatzmeisterin Carolin Wazinski und verwies auf die Online-Umfrage, bei der das auch gewünscht wurde. Darauf entgegnete Bentz: „Wir sind nur Ehrenamtler und können niemanden zum politischen Sprecher verpflichten.“ Bastian meinte aber, dass die Ortsgruppe bei Klimafragen in der Region stärker öffentlich Position beziehen sollte.

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