Grünstadt
Pfälzer Zahnärztin klärt auf: Wie die Ganztagsschule Kindern schlechte Zähne macht
Frau Schramm, gibt’s eigentlich noch die Zahnfee?
Ja, die gibt's noch. Manche Kinder sagen das sogar zu mir, wenn sie mich mal im Supermarkt treffen.
Ist diese Figur denn etwas Gutes? Täuscht sie Kinder nicht?
Also wenn die Belohnung etwas ist, was nicht süß ist, geht das völlig in Ordnung. Das Ausfallen eines Zahnes ist immer ein kleiner Abschied für die Kinder und es ist doch gut, wenn sie dafür auch etwas bekommen, als Ausgleich, damit es leichter wird.
Sie arbeiten als Schulzahnärztin. Warum braucht es so etwas? Die Eltern könnten ihr Kind doch auch zur Vorsorge schicken.
Vor Kurzem hat die Krankenkasse Barmer den Zahnreport veröffentlicht. Rheinland-Pfalz lag lange vorne, was die Zahngesundheit betrifft, aber bei der Studie kam raus, dass 2023 nur jedes dritte Kind im Land bei der Vorsorge war, deutlich weniger als im Bundesdurchschnitt. Da kommt mein Job ins Spiel: Ich untersuche nicht nur alle Erstklässler in meinem Gebiet, sondern unterrichte auch an zwei Stunden pro Schuljahr in allen Stufen bis zur sechsten Klasse Zahngesundheit – nur am Gymnasium nicht, was ich schade finde, denn Karies ist eine Wohlstandskrankheit.
Was meinen Sie damit?
Süßigkeiten sind so billig geworden, dass sie sich jeder leisten kann. Was meiner Meinung nach auch dazu gekommen ist: Seit dem Wechsel von der Halbtags- zur Ganztagsschule haben viele Eltern ein schlechtes Gewissen und versüßen ihren Kindern buchstäblich den Tag, zum Beispiel mit Müsliriegeln oder Quetschies – ein Riesenproblem. Bei den Älteren ist es Schokolade, die sie mit Taschengeld kaufen.
Das heißt, vor allem Süßigkeiten sind problematisch?
Jein, die Kombination aus Zucker und Säure ist schlimm. Die Bakterien im Mund machen aus Zucker eine Milchsäure, die den Zahnschmelz aufweichen. Und wenn ich zusätzlich zum Zucker noch etwas Säurehaltiges esse, verstärkt sich das noch.
Wenn ich also nach dem Essen Zähne putze, hat sich das Problem erledigt?
Genau, richtig. Eigentlich wäre es noch besser, nach dem Essen von etwas Saurem erst einmal den Mund zu spülen und die Säure zu verdünnen. Aber so diffizil kann ich das einem Kind nicht erklären. Ich versuche den Schülern immer mitzugeben, dass sie nach dem Essen Zähne putzen sollen.
Und wenn das nicht geht? Gerade in der Schule – oder auch bei Erwachsenen im Büro – ist das ja eher schwierig.
Wissen Sie, wie wertvoll eine Karotte ist? Wenn Sie ein Stück dabei haben und nach dem Essen kauen, haben Sie eine komplette Zahnreinigung. Karotten enthalten weder Fasern noch Säure, deshalb sind sie dafür sehr gut geeignet. Ich sage Kindern immer, dass das Süße nicht zum Schluss kommt, sondern am besten zuerst. Das ist besser für die Zähne.
Der Vorteil Ihres Jobs ist ja, dass jedes Kind mal untersucht wird. Aber kann das nicht auch kontraproduktiv sein, weil Eltern mit ihren Kindern dann nicht mehr zur Vorsorge gehen?
Meine Untersuchung ist erst einmal gleichwertig. Aber beim Zahnarzt gibt’s mehr Möglichkeiten, zum Beispiel ein Röntgenbild oder die Zahnversiegelung. Außerdem hält meine Untersuchung ja nicht jahrelang vor, deshalb ist die halbjährliche Vorsorge immer noch wichtig.
Wie schaffen Sie es denn, Kindern die Angst vorm Zahnarzt zu nehmen?
Lustigerweise hab ich in Bayern, wo ich früher gearbeitet habe, schon Kinder und Angstpatienten behandelt. Mein Chef sagte damals zu mir, du siehst harmlos aus. Ich glaube, da ist etwas dran. Allein die Optik macht viel aus. Und natürlich mag ich Kinder, klar. Ich glaub, das spüren sie auch. Außerdem gliedere ich mich unauffällig in den Schulalltag ein. Ich will da kein Brimborium haben. Meistens schlupfe ich in einen Nebenraum und mache in Dreiergruppen die Untersuchung. Dadurch ist es nicht ganz so angsteinflößend.
Umgekehrt müssen Sie es ja auch schaffen, dass die Kinder verstehen, wie wichtig ihre Zähne sind. Braucht es dafür nicht auch ein bisschen Angst vor Karies?
Nein, gar nicht. Ich würde sagen, Respekt ist das bessere Wort. Ich bin ehrlich zu ihnen und zeige ihnen die Konsequenzen auf, wenn sie ihre Zähne vernachlässigen. Aber Schockbilder benutze ich nicht. Ein schlimmes Bild habe ich dabei, aber das zeige ich auch nur denjenigen, die das wirklich sehen wollen. Im Grunde bin ich eine strenge Zahnärztin, denn das hat mir als Kind auch geholfen. Ich hatte einen sehr strengen, aber liebevollen Zahnarzt. Dank ihm hatte ich nie wieder ein Loch. Das können die Kinder auch schaffen.
Nun gibt es aber immer mehr Kinder mit Kreidezähnen, also einer dauerhaften Zahnschmelzstörung bei den bleibenden Zähnen. Woher kommt das?
Eine offizielle Ursache gibt es nicht, aber ich versuche, es mir herzuleiten. Jeder Zahn braucht Mineralien. Wenn die Zähne angelegt werden, brauchen sie schubweise viel Kalzium. Wenn die Mutter in der Schwangerschaft eine Milchallergie hat oder zu wenig Käse, Quark und Joghurt ist, kann es sein, dass wichtige Mineralien für die Zahnbildung des Kindes fehlen. Für mich ist der Zusammenhang logisch: Die Kreidezähne treten vermehrt auf, seit unsere Gesellschaft immer mehr auf alternative Milcharten umgestiegen ist, aber das fehlende Kalzium offenbar nicht ersetzt.
Wenn die Kinder älter werden, ist häufig die Zahnspange ein Thema. Stimmt mein subjektiver Eindruck, dass immer mehr Jugendliche eine Zahnspange haben?
Ja, man sagt sogar, jeder zweite Vierzehnjährige hat eine. Aber nicht jedes Kind, das eine Zahnspange hat, bräuchte auch eine. Das hängt damit zusammen, dass wir in der Öffentlichkeit nur perfekte Gebisse zu sehen bekommen. Ich bin eigentlich ein Fan von leichten Fehlstellungen, das gibt ein individuelleres Aussehen. Aber für viele Eltern kommt das nicht infrage. Dahinter steckt auch viel medialer Druck.
Zur Person
Dr. Karin Schramm, 63 Jahre