Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: „Zähneputzen kann nicht jedes Kind“

Eva Baumdicker mit einem ihrer jungen Patienten. Foto: AGZ/FREI
Eva Baumdicker mit einem ihrer jungen Patienten.

Gute Zahnhygiene beginnt im jungen Alter. Eva Baumdicker, Zahnärztin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (AGZ) Mittelhaardt, sorgt mit dafür, dass das Thema auch in Neustadter Schulen und Kindertagesstätten präsent ist.

Zähneputzen kann doch eigentlich jedes Kind - wozu braucht man denn da seit 30 Jahren eine Arbeitsgemeinschaft Frau Dr. Baumdicker?
Zähneputzen kann tatsächlich nicht jedes Kind, sondern es muss unter Anleitung erlernt werden. Idealerweise vom frühesten Kindesalter an. Das tägliche Zähneputzen nach jeder Mahlzeit soll zum Ritual werden, wie auch beispielsweise das Händewaschen vor den Mahlzeiten.

Was gehört denn zu einer richtigen Zahnhygiene dazu?
Zu einer richtigen Zahnhygiene gehört ein konzentriertes Putzen der Zähne, von drei Flächen: den Kauflächen, den Außenflächen, den Innenflächen, die sogenannte KAI-Methode. Dann selbstverständlich die Benutzung von Zahnbürste, fluoridhaltige Zahncreme und Zahnputzbecher. Und Motivation: drei Minuten Zeit, drei Mal täglich, nach jeder Mahlzeit.

Wie sieht denn da die Arbeit der AGZ Mittelhaardt aus?
Die Zahnärzte besuchen im Auftrag der AGZ die Kinder in der Kita und der Grundschule einmal jährlich zur Durchführung von Vorsorge-Programmen. Jeder Einrichtung ist ein Arzt oder eine Ärztin zugeteilt. Es geht um Ernährungslenkung - Stichwort zuckerarme Ernährung – Mundhygiene, Umgang mit Fluoriden und die Überleitung zur Individualprophylaxe beim Zahnarzt. Spielerisch werden die Kinder an die Themen herangeführt, das Zähneputzen wird geübt, Ängste abgebaut.

Überleitung zur Individualprophylaxe, was ist das?
Was wir machen ist Gruppenprophylaxe, in den Zahnarztpraxen findet die Individualprophylaxe statt. Wir gehen als Schulzahnärzte in die Schulen, untersuchen die Kinder und stellen dann zum Beispiel Karies oder einen schlechten Mundhygienezustand fest. Daraufhin schreiben wir eine Empfehlung an die Eltern, dass das Kind den Hauszahnarzt aufsuchen soll. Und der Hauszahnarzt geht dann individuell auf das Kind ein. Er bestätigt das durch einen Stempel, der an uns zurückgeschickt wird. Wir werten aus, welche Kinder beim Zahnarzt waren und welche noch nicht. Kinder, die noch nicht beim Zahnarzt waren, bekommen ein Erinnerungsschreiben - ohne Konsequenzen. Das ist das Verweisungssystem.

Hat das alles bisher etwas gebracht?
Sämtliche Erstklässler in Rheinland-Pfalz werden jedes Jahr in der Schule einmal auf ihren Zahngesundheitszustand untersucht. Heute finden wir bei 64 Prozent der Erstklässler einen naturgesunden Gebisszustand vor. In den 80er Jahren hatten weniger als 25 Prozent der Kinder kariesfreie Zähne.

Wieso war das früher anders?
Früher war der Zuckerkonsum höher, die Aufklärung geringer. Die Individualprophylaxe in den Zahnarztpraxen wurde damals noch nicht durch die Krankenkassen finanziert, das ist erst seit 1988 der Fall.

Lässt sich schlechte Zahnhygiene im Jugendalter später aufholen oder ist der Zug dann schon abgefahren?
Zähneputzen kann man in jedem Alter noch lernen, auch im hohen Alter. Aber viele Studien zeigen, dass die frühkindliche Prägung hier besonders wichtig ist.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, was die Zahnhygiene angeht?
Ja, es gibt durchaus Studien, die zeigen, dass die Mundhygiene bei den Mädchen im Durchschnitt besser ist. Die Unterschiede sind marginal, aber die Mädchen sind doch etwas leichter zu motivieren.

Woran liegt das?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen - im späteren Alter sind die Jungen leichter ablenkbar, vor allem durch die digitale Welt. Ansonsten: Körperbewusstsein und Schönheit sind dann doch vermehrt Mädchenthemen.

Woher nehmen Sie das Geld ?
Das wird durch die Krankenkassen, durch die zahnärztlichen Vertretungen und das Land finanziert.

Wenn so ein Zahnarzt in die Schule kommt, wird der dann bezahlt?
Nein, das ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, die Zahnärzte erhalten eine Unkostenpauschale. Material wird komplett gestellt, zum Beispiel diese Zahnputzbecher-Sets mit dem Max-Schrubbel-Maskottchen.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Zukunft?
Zunehmend werden immer mehr Kinder ganztägig betreut. Somit wünschen wir uns für die Zukunft, dass auch nach dem Mittagessen in allen Einrichtungen die Zähne geputzt werden - das ist unser Ziel. Die Hälfte der Kindergärten machen das schon, bei den betreuenden Grundschulen sind es etwa ein Drittel.

Interview: Tilmann Koch

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