Reise RHEINPFALZ Plus Artikel Beelitzer Heilstätten: Zauberberg mit Gruselfaktor

Der erste Blick der Besucher fällt auf das verfallene Küchengebäude.
Der erste Blick der Besucher fällt auf das verfallene Küchengebäude.

Einst kamen Lungenkranke hier her, heute erkunden Besucher die wechselvolle Geschichte des zu einem Lost Place gewordenen Sanatoriums.

Von Philipp Berens

Das launige Bonmot des Dichters Günter Kunert passt auf das südwestliche Umland von Berlin, wo man vor lauter Bäumen den Wald kaum sieht: „Nüscht wie Jejend.“ Die wenigen Ortschaften und Ansiedlungen verschwinden im Grün. So auch die Beelitzer Heilstätten. Einen ersten Überblick über das pittoreske Areal gewinnt man vom bequemen und barrierefreien Baumkronenpfad, der in 20 Metern Höhe über den Mischwald führt, der einige Gebäude dschungelartig überwuchert.

Einen Hauch von Angkor Wat erlebt man beim Passieren des Alpenhauses. Wie in der kambodschanischen Tempelstadt wachsen auch dort mächtige Bäume aus Mauern und Fenstern. Die Natur, so man sie lässt, zeigt ihre ganze Vitalität und ergreift Besitz von den menschengemachten Gebäuden.

Einst eine paradiesische Parklandschaft

Die den weitläufigen Klinikkomplex umgebende Natur war der Grund für dessen Ansiedlung. Im boomenden Berlin der Gründerzeit lebten vier Millionen Menschen in oft erbärmlichen Verhältnissen. Industriebetriebe und Kohlebrand produzierten die Lungen der Bewohner schädigende Luftverschmutzung, und die katastrophalen engen Wohnverhältnisse der meisten Stadtbewohner beförderten die Ausbreitung der Tuberkulose. Deren Heilung war eine langwierige Therapie, für die saubere Luft und lange Ruhezeiten nötig waren.

Für die schwindsüchtigen Patienten, die ab Anfang des 20. Jahrhunderts in das 50 Kilometer südwestlich von Berlin liegende Sanatorium kamen, war die Fahrt eine Reise in eine paradiesische Parklandschaft. Dort stand, kaum zu glauben, betrachtet man heutige auf Rendite getrimmten Klinikbetriebe, das Wohlergehen der Kassenpatienten aus einfachsten Verhältnissen im Mittelpunkt.

Heutige Besucher erfahren von der wegweisenden Modernität der Klinik bei einer der zahlreichen Führungen durch die verschiedenen Gebäude: Man sieht Wohnhäuser für Angestellte, Erholungsheime, Küche, die Versorgungstunnel und vor allem die 1930 eröffnete Alte Chirurgie. Auch wenn diese nach der Wende von Trophäensuchern ausgeräumt und beschädigt wurde, lässt sich nachvollziehen, was beim Bau alles bedacht wurde, um den Heilungserfolg bestmöglich zu fördern.

Operationssäle mit Ausblick

Einer der Grundsätze lautet: Eine wohlgefällige Umgebung macht gesund. Ein weiterer: Gestalterische Schönheit und Gebäudefunktion gehören zusammen. Für die Räume wurde ein reizminderndes Farbkonzept entwickelt. Der Bedeutung von Sonnenlicht bei der Behandlung der Lungenkranken wurde mit Blumenbalkonen und Terrassen Rechnung getragen. Jeder Liegeplatz, auf dem die Patienten mehrere Tagesstunden verbrachten, besaß einen Kopfhöreranschluss, damit Radioprogramme gehört werden konnten.

Nach der Räumung des Geländes durch die Russen wurde das Haus zu einem geheimen Partytreff – ironische Graffitis inklusive.
Nach der Räumung des Geländes durch die Russen wurde das Haus zu einem geheimen Partytreff – ironische Graffitis inklusive.

Die anspruchsvoll gestalteten Fliesen von Villeroy und Boch ergänzten das ganzheitliche Zusammenspiel von Ästhetik und Funktionalität. Zu dieser gehören – kleines Randdetail – abgerundete Eingänge zu Krankenzimmern und Behandlungsräumen. So wurde gewährleistet, dass die Krankenbetten nicht an harten Kanten hängen blieben.

Die Optionssäle wurden mit Sonnenlicht spendenden Oberlichtern ausgestattet und besaßen große Fensterfronten mit Blick. Operateure konnten so in den Pausen ihre Augen entlasten, indem sie die Fernsicht auf die opulente Gartenlandschaft nutzten.

Heute ein beliebtes Ausflugsziel

Auch gebäudetechnisch war das Klinikum auf modernstem Stand. Ein eigenes Heizkraftwerk versorgte die Gebäude mit Strom und Wärme; auch Abwärme wurde effizient genutzt. Geprägt wurde die moderne und menschenbezogene Architektur von dem Architekten Heino Schmieden. Im Weltkrieg kamen statt schwindsüchtiger Berliner nun kriegsverwundete Soldaten. Ab 1945 nutzten die sowjetischen Besatzer die Heilstätten bis 1994 als zentrales Krankenhaus für ihre Truppen. Mit deren Abzug nach der Deutschen Einheit verfiel das Gelände. Partymacher und Ruinenfans drangen in die Gebäude ein und sorgten für reichlich Schäden.

Erste Sanierungsarbeiten wurden 2015 in Angriff genommen, 2020 wurden der 40 Meter hohe Aussichtsturm und der Baumkronenpfad eröffnet. Im selben Jahr wurde die schonende Gebäudesanierung in Angriff genommen, mit der die Geschichte der Gebäude sichtbar und erlebbar bleibt. Die Beelitzer Heilstätten sind heute ein bei Familien und Geschichtsfans gleichermaßen beliebtes und gut erreichbares Ausflugsziel in der Peripherie Berlins.

Beelitz

Anreise
Mit dem Zug nach Berlin, www.bahn.de, weiter mit dem RE 7 (Berlin-Dessau) bis Bahnhof Beelitz-Heilstätten,
www.dbregio-berlin-brandenburg.de.

Aktivitäten
Geöffnet täglich von 10 bis 19 Uhr (April bis Oktober), November bis März kürzer, Einzelkarte 17 Euro, Ermäßigungen für Rentner, Kinder, Studenten sowie Familien und Gruppen. Geführten Touren (60 bis 90 Minuten) durch die Chirurgie (17 Euro) und das Alpenhaus (12,50 Euro) werden im Sommer täglich angeboten. Weitere Touren wie Fototour (29 Euro) oder nächtliche Taschenlampenführungen (19 Euro) finden an ausgewählten Tagen statt,
www.baumundzeit.de.

Essen & Trinken
In der Saison gibt es ein breites Angebot von Imbiss bis Restaurant. Selbstversorger finden ausreichend Picknickplätze. Tipp: Besuche sind ganzjährig ein Erlebnis. Besonders eindruckvoll ist es im Herbst, wenn die Farbenpracht des Waldes für einen „Indian Summer“ im Berliner Umland sorgt.

Allgemein
Spargelstadt Beelitz, https://beelitz.de.
Brandenburg Tourismus, www.reiseland-brandenburg.de.

Info

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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