Grünstadt
Mobilität im Alter: Warum die Hemmschwelle so hoch ist
Es ist nur ein kleiner Schritt von der Bordsteinkante in den Bus hinein. Was für viele Berufspendler oder Schüler Routine ist, kann für Senioren allerdings seine Tücken haben. Birgit Langknecht, Fachkraft Gemeindeschwester plus für die Stadt Grünstadt und die Verbandsgemeinde Leiningerland, weiß das aus erster Hand: Pro Monat habe sie im Schnitt mit fünf bis zehn Bürgern zu tun, die nicht selbstständig mit Bus und Bahn fahren können und sich deshalb an sie wenden. „Ganz häufig wird die Frage gestellt, wie man überhaupt von A nach B kommt“, so Langknecht. Einen Fahrplan ausdrucken und per Post versenden – eine gewöhnliche Aufgabe für sie.
Vor diesem Hintergrund veranstaltete Langknecht erstmals im Auftrag des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN) ein Mobilitätstraining in Grünstadt. Rund zwölf ältere Bürger drückten noch einmal die Schulbank, um wieder selbstständig mit Bus und Bahn fahren zu können. „Denn auch die beste barrierefreie Bushaltestelle bringt nichts, wenn ich nicht weiß, wie ich richtig einsteige oder im Bus stehe“, sagte Alfred Lenz, Vorsitzender des Seniorenbeirats Leiningerland, einer der Mitveranstalter. Auf dem Lehrplan: neben theoretischen Grundlagen, wie eine Fahrt organisiert wird, auch eine praktische Einheit mit dem stehenden und fahrenden Bus.
Etliche Klagen über Probleme im Nahverkehr
Bereits davor nutzen allerdings viele Teilnehmer die Gelegenheit, um über ihre negativen Erfahrungen zu berichten. Eine 85-jährige Dirmsteinerin beschrieb etwa, wie ein Busfahrer sich einmal geweigert habe, die Rollstuhlrampe für sie auszuklappen. „Das geht gar nicht“, warf Lenz ein und empfahl, solche Fälle sofort dem Seniorenbeirat zu melden. Inge Imblan erklärte derweil, warum sie mit ihrem Rollator nicht mehr in einen Bus einsteigt. Grund sei eine chaotische Fahrt im vergangenen Jahr von Hettenleidelheim nach Grünstadt, bei der so einiges schief gegangen sei. Der Einstieg? Nur durch die Hilfe ihrer Enkelin möglich gewesen, so die 75-Jährige. Der Halteknopf für Rollstuhlfahrer im Bus? Defekt.
Ebenfalls ein großes Problem: ohne Internet beim Reisen zurechtzukommen. Deutlich wurde das auch in der Runde beim Mobilitätstraining. „Leider ist alles sehr smartphone-lastig“, sagte Gabi Schott, die sich bei der Kreisverwaltung Bad Dürkheim um den ÖPNV kümmert. Wer keinen Zugang zum Internet habe und Hilfe bei der Vorbereitung der Fahrt benötige, könne sich jedoch telefonisch an die Mitarbeiter des VRN wenden. Dort ist die Auskunftsstelle zu Fahrplänen, Preisen und Verkaufsstellen montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr unter Telefon 01805 8764636 erreichbar. „Im Zweifel wird auch gesagt, wie viele Meter es von der Hausnummer bis zur Haltestelle sind“, so Schott.
Experten geben Tipps für die sichere Fahrt
Wie der Einstieg mit Gehhilfe klappt, erklärte unter anderem Gerd-Uwe Schneider, Disponent von der Busverkehr Zipper GmbH. Das Unternehmen hatte zwei Busse für die Trockenübung bereitgestellt. Wichtig sei, beim Warten einen Sicherheitsabstand von einem Meter zur Bordsteinkante einzuhalten, da die vordere Ecke der Busse häufig darüber schwenke, so Schneider. Auch auf die richtige Kleidung komme es an: Dunkle Kleidung solle in den Wintermonaten etwa vermieden werden, damit die wartenden Fahrgäste nicht übersehen werden.
Als Regel im Bus gelte wiederum: den Rollator immer mit der Feststellbremse sichern und am Sitzplatz mit einer Hand festhalten, damit er nicht umkippt. Zudem sei es sicherer, sich entgegen der Fahrtrichtung hinzusetzen, da der Fahrgast bei einem Bremsmanöver nicht nach vorne falle, sondern lediglich stärker in den Sitz gedrückt werde. Exemplarisch demonstriert wird dies an „Lieselotte“ – zum Glück nur eine Puppe, die auf dem hinteren Eck des VRN-Busses hockt und nach vorne geschleudert wird. Auch ein Wasserkanister wird vom Elf-Tonnen-schweren Fahrzeug überfahren, um zu verdeutlichen: Wenn ein Gegenstand vor dem Einstieg nach unten fällt – besser den Fahrer um Hilfe bitten, statt selbst unter den Bus greifen, um zu suchen.
Mehr Teilnehmer erhofft
Ute Wähner vom Seniorenbeirat Grünstadt zog ein gemischtes Fazit zur Veranstaltung. Demnach habe sie sich deutlich mehr Teilnehmer erhofft, damit mehr ältere Menschen wieder mehr Selbstbestimmung in ihrem Alltag finden. Sie selbst kenne etwa den Fall einer 83-jährigen Grünstadterin, die kein Auto mehr fahren könne, aber regelmäßig mit dem Bus nach Bad Dürkheim zum Einkaufen fahre. Grund: Der Weg zur Haltestelle von ihrer Wohnung aus sei für sie deutlich einfacherer zu bewältigen als zum Beispiel zum Globus in Grünstadt, so Wähner.
Hat das Training etwas gebracht? Inge Imblan, die nach ihrer Fahrt aus dem vergangenen Jahr keinen Fuß mehr in einen Bus gesetzt habe, fühlt sich jedenfalls nun deutlich zuversichtlicher. „Ich werd’s auf jeden Fall versuchen“, sagte die Hettenleidelheimerin, die für ihre Arzttermine auf ein Transportmittel nach Grünstadt angewiesen ist.