Altleiningen RHEINPFALZ Plus Artikel Kurz vor Schließung: So laufen die letzten Tage bei Dradura

Der einst größte Arbeitgeber des Landkreises schließt: Die letzten Tage des Dradura-Stammwerks in Altleiningen sind gezählt.
Der einst größte Arbeitgeber des Landkreises schließt: Die letzten Tage des Dradura-Stammwerks in Altleiningen sind gezählt.

Der letzte Auftrag läuft bereits, die Stunden sind gezählt: Mitte November wird die Traditionsfirma in Altleiningen Geschichte sein. Warum ein kleiner Teil trotzdem erhalten bleibt und wie die Mitarbeiter auf die Zeit im Unternehmen zurückblicken.

Die letzten Wochen der Drahtkorbfirma Dradura in Altleiningen sind angebrochen. Nachdem das Unternehmen Anfang des Jahres bekanntgegeben hat, dass der Produktionsstandort in Altleiningen aufgegeben wird, sind die verbleibenden Mitarbeiter nun mit der Abwicklung des letzten Auftrags beschäftigt. Das heißt, spätestens Mitte November schließen die Pforten, so Mathias Franz von der IG Metall. Wie Geschäftsführer Thomas Seitz mitteilt, haben 25 Mitarbeiter das Unternehmen bereits verlassen. Sie alle hätten bereits einen neuen Job, „und wir wollten ihnen keinen Stein in den Weg legen“, betont er.

Frank Ritter hat den ehemaligen Drahtzug, der seine mehr als 300 Jahre alten Wurzeln in der Schmiede Altleininger Hammer hat und seit 1. Juli 2019 Dradura heißt, bereits vor zwei Jahren verlassen. „Es hat sich abgezeichnet, dass es nicht mehr lange geht“, sagt Ritter mit Blick auf den Bestand der Unternehmensgruppe, die einst führender Produzent in verschiedenen Sparten war, darunter in den Bereichen Bad, Möbel, Medizintechnik und vor allem Hausgeräte. Im zuletzt genannten Geschäftssegment war die Firma insbesondere bekannt für hochwertige Geschirrspülmaschinenkörbe, die nach Europa und in die USA ausgeliefert worden sind. Für den Hersteller Miele war sie eine Zeit lang sogar der einzige Lieferant.

Früher weltweit acht Standorte

Als das nicht mehr der Fall war, wurde die Traditionsfirma nach 75 Jahren im Familienbesitz Ende 2016 mehrheitlich durch die Münchner Beteiligungsgesellschaft Emeram übernommen. „Zunächst sah es ganz gut aus“, so Ritter. Damals hatte der Drahtzug weltweit acht Standorte, 1400 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 142 Millionen Euro. Doch schon schnell sei die ganze Betriebsstruktur nach Sparpotenzialen durchforstet, Abteilungen seien massiv ausgedünnt worden. „In der Schlosserei hatten mal 20 bis 25 Leute geschafft, plötzlich waren es nur noch sieben“, berichtet der 53-Jährige. „Dadurch war es dann nicht mehr möglich, Maschinen selbst zu bauen.“ Übrig blieb ein Wartungsteam. Nach Personalwechseln in der Führungsetage, vielen Monaten Kurzarbeit und einer Kündigungswelle im August 2020 wurde Insolvenz angemeldet – mit einschneidenden Folgen für die Abfindungen.

Im Juli 2021 wurde die FMC Beteiligungs-KG aus Bremen Eigentümerin. Bald darauf hatte Dradura nur noch fünf Standorte und 1000 Mitarbeiter. Die Stimmung in der Belegschaft sei immer schlechter geworden. „Im dritten Quartal 2022 hab ich nach 34 Jahren Firmenzugehörigkeit beschlossen, zu gehen“, erzählt Ritter, der 1988 seine Ausbildung zum Energieelektroniker beim Drahtzug begann und am Ende in der IT-Abteilung tätig war. „Als bekannt war, dass ich wechseln möchte, wurde ich abgeworben“, berichtet er und räumt ein, ein bisschen traurig zu sein, dass das Werk nun ganz schließt. „Ursprünglich hatte ich gedacht, ich geh bei Drahtzug Stein in Rente.“

Betriebsklima im Team wird schlechter

Doch es sollte anders kommen. Hatte der Altleininger Stammsitz einst 575 Beschäftigte, sind es laut Geschäftsführer Seitz aktuell noch 114 Mitarbeiter. Auch Annette Albert erinnert sich noch an die frühere Zeit. In der Produktion, wo sie seit mehr als 39 Jahren im Akkord am Band steht, seien nur noch etwas mehr als 90 Kollegen tätig. „In meiner Abteilung, in der circa 30 Leute waren, sind wir nur noch zu viert“, berichtet sie. Es sei ein komisches Gefühl, jetzt zur Arbeit zu gehen. Das Betriebsklima kippe immer mehr.

Schon lange vor der Betriebsversammlung am 2. Februar habe sie geahnt, dass bald Schluss ist. Eigenartig findet Albert, dass sie noch im Februar zu einer sogenannten Kaizen-Schulung geschickt wurde. Diese japanische Philosophie soll zu einer Produktivitätssteigerung führen. „Wir sollten lernen, wie keine Fehler passieren und die Arbeit auf kürzestem Weg absolviert werden kann“, erläutert die 58-Jährige. Als Angelernte habe sie es besonders schwer, in der Wirtschaft wieder Fuß zu fassen, fürchtet sie. Vielleicht gehe sie in den sozialen Bereich, werde Alltagsbegleiterin in einem Seniorenheim, so eine ihrer Ideen. Mit Blick auf Dradura sagt sie: „Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist.“ In der ersten oder zweiten Novemberwoche sei es so weit.

Nach letztem Auftrag bezahlt freigestellt

Wann genau der letzte Tag ist, steht laut Geschäftsführer Seitz aber noch nicht fest. Das hänge davon ab, wann der Auftrag beendet werden kann. „Viele Mitarbeiter sind krank, die Motivation ist gesunken“, sagt er mit Blick auf die Lage. Allerdings habe das Team für den Auftrag noch einmal an einem Strang gezogen, mit Unterstützung von Kollegen der Standorte in Polen und Italien. Ist der Auftrag beendet, werden die Mitarbeiter bis Ende des Jahres bezahlt freigestellt, kündigt Seitz an und verweist auch auf eine Abfindung, die sie erhalten. Sie variiere je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit.

„Anfangs haben wir gutes Geld verdient“, erinnert sich ein Metallbaumeister, der seinen Namen nicht nennen möchte und vor mehr als 30 Jahren bei Dradura angefangen hat. Damals habe es 14 Monatsgehälter sowie zusätzlich mehr als 1000 Mark Anwesenheitsprämie für diejenigen gegeben, die keine Fehltage hatten. Als noch die Inhaberfamilie Stein auf dem Chefsessel saß, seien die Mitarbeiter gern in die Firma gekommen, „Überstunden haben einem nichts ausgemacht“.

Termin mit Arbeitsamt in Firma

Mit dem Verkauf der meisten Gesellschaftsanteile an Emeram sei es bergab gegangen. Die Führungskräfte seien nicht gut mit der Belegschaft umgegangen. Etliche Leute hätten ihr Recht auf juristischem Weg suchen müssen. Er beschreibt die Entwicklung wie folgt: „Es wurde immer unpersönlicher, man musste funktionieren und hat geschaut, dass man nicht auffällt.“ Als der Bereich Maschinenbau aufgelöst werden sollte, sei der Leiter dieser Abteilung genötigt worden, zu entscheiden, wem aus seinem Team gekündigt wird. „Am nächsten Tag war er daheim tot umgefallen“, so der Mittsechziger.

Bei der Standortschließung sei der Sozialplan umgangen worden, kritisiert er. Denn es würden noch für längere Zeit Schlosser benötigt, die die Maschinen demontieren, damit sie zu den Niederlassungen in Italien und Polen gebracht werden könnten. „Aber mit denen wurden einfach Verträge mit FMC und nicht mit Dradura gemacht“, so sein Vorwurf. Für den 8. November seien Vertreter des Arbeitsamtes angekündigt. „Da können sich die letzten Kollegen, die noch keinen neuen Job haben, erwerbslos melden“, erklärt der Handwerker, der nur noch kurze Zeit bis zur Rente zu überbrücken hat. Diejenigen, die Ende 50 seien und keine Berufsausbildung hätten, treffe es besonders hart, meint er. „Ich dagegen falle relativ weich.“ Allerdings: Die Abfindung sei mit 0,22 Monatsverdiensten für jedes Beschäftigungsjahr weniger als halb so hoch wie gesetzlich vorgesehen.

Bürgermeister äußert sein Bedauern

„Sorglos und freudig“ gegangen ist dagegen Jürgen Albert. Der Produktionsmanager, der 1978 als Lehrling beim Drahtzug angefangen hat, ist froh, den Absprung vor sechs Jahren gewagt zu haben. Die neuen Chefs von Emeram wollten das Rad neu erfinden, alles sei infrage gestellt worden. „Die Erfahrung von uns langjährig Beschäftigten zählte plötzlich nichts mehr. Der Verkauf der Firma hatte die Wirkung wie ein Fallbeil.“ So sei sein Verantwortungsbereich beispielsweise einfach durch drei geteilt worden. Bald habe man keinen Bezug mehr zu den Geschäftsführern gehabt. Mit dem Familienunternehmen zuvor habe er sich identifizieren können. Damals sei das Wissen der Mitarbeiter gefragt gewesen, „wir wurden in Entscheidungen eingebunden“, so der 64-Jährige.

Bürgermeister Benjamin Claus (FWG) bedauert die Schließung des Drahtzugs, der in der Bevölkerung weiterhin so genannt wird und und einst größter Arbeitgeber im Kreis war. „Für die betroffenen Mitarbeiter ist das schlimm, das hätte man sich anders gewünscht“, meint er.

Gänzlich endet die Zeit von Dradura allerdings doch nicht: Die Dradura Group, in der sich die Verwaltung befindet, wird laut Seitz bestehen bleiben, denn auch die Standorte in Italien und Polen wird es weiterhin geben. 28 Mitarbeiter braucht die Dradura Group dann jedoch nicht mehr: Zum 1. Januar sinkt der Personalstand auch dort auf 15.

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