Grünstadt
„Geflüchtete haben keine Chance, die Erwartungen zu erfüllen“
Das Thema begleitet ihn schon von Klein auf. „Viele Geflüchtete schauen mich erstaunt an, wenn ich ihnen sage, dass ich im Grunde auch ein Flüchtling bin“, sagt Harry Hellfors und schmunzelt mit Blick auf seine Wurzeln. Die liegen nämlich in der DDR: Noch vor dem Bau der Mauer seien seine Eltern 1961 über die Grenze geflohen – mit ihm als Säugling. Im Zuge seines Studiums landete der Biologe dann im Leiningerland, wo er seit Dezember der neue ehrenamtliche Integrationsbeauftragte der Verbandsgemeinde ist. Er ist damit Nachfolger von Karlheinz Christ und Ansprechpartner für alle Menschen mit Migrationshintergrund, die sich im VG-Gebiet noch nicht auskennen und zum Beispiel Hilfe bei Einkäufen oder Behördengängen benötigen.
Neu ist für den Ebertsheimer die Arbeit mit Geflüchteten nicht. Im Gegenteil: Nach mehreren Stationen in der Flüchtlingsarbeit ist er seit vergangenem Jahr etwa Leiter des Lerncafés in Grünstadt. Dabei handelt es sich um ein kostenloses Angebot, bei dem Ehrenamtliche an der Jakobstraße wöchentlich Sprachunterricht geben und bei Alltagsthemen aufklären – zum Beispiel, wie eine Haftpflichtversicherung in Deutschland funktioniert.
Hellfors betont, dass vor allem für Migrantinnen, die in ihrem Heimatland keine Bildungsmöglichkeit haben, die Einrichtung eine wichtige Anlaufstelle sei. In Afghanistan wird etwa der Zugang zur Bildung für Mädchen ab zwölf Jahren systematisch verwehrt. Die schwierige Lage betrifft auch die Kinder, die von dort nach Deutschland gekommen sind. „Ein afghanisches Mädchen sagte mir mal, das wäre gar nicht so schlimm. Viel schlimmer sei, dass die Taliban nachts in die Häuser kommen, die Männer holen und erschießen“, erinnert sich der 64-Jährige. Als Integrationsbeauftragter komme man oft in Situationen, „in denen es einem das Herz zerreißt“.
Geplante Kürzungen sorgen für Kritik
Sprache, so ist Hellfors überzeugt, sei der Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Allerdings will der Bund gerade in diesem Bereich einsparen. Zum Vergleich: Im vorläufigen Haushaltsentwurf für 2025 sind für Integrationskurse 763 Millionen Euro vorgesehen, 2024 wurden dagegen schätzungsweise 1,2 Milliarden Euro ausgegeben. Gleichzeitig erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nach Angaben des Mediendienstes Integration keine großen Unterschiede bei der Nachfrage. Demnach rechnet das Bamf für dieses Jahr mit 326.000 Teilnehmern – rund 30.000 weniger im Vergleich zum Vorjahr.
Der Integrationsbeauftragte reagiert darauf kritisch. Geflüchtete im VG-Gebiet und in Grünstadt hätten bereits jetzt Probleme, einen freien Platz bei einem Sprachkurs im Kreis Bad Dürkheim zu finden. Als Beispiel nennt Hellfors den Fall eines Geflüchteten, der an einem Integrationskurs teilnehmen wolle, um Lesen und Schreiben zu lernen. Zwar habe er endlich einen Platz in Worms gefunden – doch bis es so weit ist, dauert es laut Hellfors rund eineinhalb Jahre. „Geflüchtete haben oft keine Chance, die Erwartungen in der Gesellschaft zu erfüllen“, sagt er.
Flüchtlinge „fordern und fördern“
Gleichzeitig fordert Hellfors einen anderen Umgang mit Geflüchteten – mit klaren Ansagen. Ein Punkt, den er bereits 2015 bei Ex-Kanzlerin Angela Merkel nach ihrem Satz „Wir schaffen das“ vermisst habe. „Oft erlebe ich, dass Geflüchtete genaue Anweisungen erwarten, was sie zu tun haben“, so die Erfahrung des 64-Jährigen. Er ist ein Befürworter des Frontalunterrichts bei Integrationskursen, bei dem der Lehrer genau vorgibt, was und wie gelernt wird. Gruppenarbeiten, offene Strukturen und runde Kreise hält Hellfors dagegen für weniger produktiv. „Mein Eindruck ist schon, dass die meisten Flüchtlinge integrationswillig sind. Aber sie sind es auch gewohnt, gesagt zu bekommen, wo es langgeht“, sagt Hellfors mit Blick auf deren Herkunftsländer – oftmals autoritäre Systeme.
Die Polarisierung im Land geht an Hellfors nicht spurlos vorbei: „Im Moment sehe ich die Gefahr, dass die Stimmung total abkippt und dann keiner mehr reingelassen wird.“ Er scheut sich nicht, auch kontroversere Themen wie mögliche Migrationsanreize durch Bürgergeld oder Konflikte auf dem Wohnungsmarkt anzusprechen. Bei letzterem Punkt sieht der 64-Jährige aber nicht die Geflüchteten als Problem – sondern schlicht den Mangel an Wohnraum.
Zur Person
Harry Hellfors ist Vorsitzender des Kuratoriums der 2015 gegründeten Stiftung „Willkommen in Deutschland“, die nach eigenen Angaben Wohnraum für Geflüchtete bereitstellen möchte. Darüber hinaus war der Ebertsheimer Gründungsmitglied der Leininger Initiative gegen Ausländerfeindlichkeit und für rund 30 Jahre Geschäftsführer der „Landesarbeitsgemeinschaft anderes lernen“ – eine von sieben anerkannten Landesorganisationen der Weiterbildung in Rheinland-Pfalz.