Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Lerncafé: Wer auf Leiterin Doris Best folgt

Doris Best unterrichtet eine Gruppe Afghanen.
Doris Best unterrichtet eine Gruppe Afghanen.

Vor 200 Jahren haben zwölf Prozent der Menschen lesen und schreiben können und 88 Prozent nicht. Heute ist es umgekehrt. In Grünstadt haben die Betroffenen eine niederschwellige Anlaufstelle, wo sie von Ehrenamtlichen Unterstützung erfahren. Übrigens nicht nur beim Spracherwerb.

Es wurde in der düsteren Pandemiezeit gegründet, ist erst dreieinhalb Jahre jung und hat sich schon zu einer gut frequentierten Anlaufstelle für Menschen gemausert, die Unterstützung benötigen, etwa beim Spracherwerb, im Umgang mit dem Computer und beim Ausfüllen von Formularen sowie Tipps brauchen bei alltäglichen Dingen wie Ernährung und Geldmanagement. Das Lerncafé hat diese Entwicklung vor allem Doris Best zu verdanken. Die Realschullehrerin hat das niedrigschwellige Angebot im Vis-à-vis, das die Stiftung Willkommen in Deutschland (WiD) von Burkhart Braunbehrens in der Grünstadter Jakobstraße eingerichtet hat, seit der Eröffnung im November 2020 mit großem Engagement geleitet.

Jetzt geht die 65-Jährige in den Ruhestand und hat den Staffelstab an Harry Hellfors übergeben. Der Biologe hat viel Erfahrung im Grundbildungsunterricht. 31 Jahre lang war er Geschäftsführer des Vereins „Landesarbeitsgemeinschaft anderes lernen“ in Ebertsheim. Sie ist Teil des Kompetenznetzwerks Grubinetz, das mit europäischen Mitteln gefördert wird. „Die LAG hat sich aus einem befristeten Modellprojekt entwickelt, für das Guido Dahm damals Mitstreiter suchte“, erläutert der 63-Jährige. Seine Nachfolgerin ist Stefanie Bartlett. Weil diese aber zum Leitungswechsel nicht kommen kann, ist ihre Stellvertreterin Katja Leyendecker da.

Zwölf Prozent Analphabeten

„Rund zwölf Prozent der Menschen – in der Bundesrepublik sind das circa 6,2 Millionen Erwachsene – können nicht lesen und schreiben beziehungsweise sind funktionale Analphabeten“, weiß Hellfors. Darunter versteht man Leute, die zwar einzelne Sätze entziffern, aber die Zusammenhänge nicht erkennen können. Die Betroffenen, Migranten ohne Deutschkenntnisse und Leute, die im Alltag bei verschiedenen Verrichtungen Hilfe benötigen, kämen ins Lerncafé, für dessen Übernahme Hellfors eine Weiterbildung absolviert hat. Die Idee für diese Einrichtung sei entstanden, weil die Volkshochschulen Kurse absagen, wenn sich weniger als acht Interessierte dafür angemeldet haben.

Das Lerncafé hat einmal wöchentlich geöffnet – immer donnerstags von 16 bis 18.15 Uhr. „Bis vor Kurzem waren es nur zwei Schulstunden. Das ist auf vielfachen Wunsch ausgeweitet worden“, erläutert Hellfors. Best erzählt, dass jedes Mal durchschnittlich etwa 15 Personen plus Kinder vorbeischauten. Der Nachwuchs könne die Eltern und Verwandten meist hervorragend unterstützen.

Die kleine Naghmah hilft anderen Migranten

So wie die achtjährige Naghmah aus Afghanistan. „Ich bin seit 2021 hier und seit vorigem Jahr im Lerncafé“, erklärt sie in ausgezeichnetem Deutsch. Best beauftragt sie, für alle Anwesenden Namensschilder zu schreiben. Selbstbewusst marschiert die Kleine von Tisch zu Tisch und fragt, wie die Leute heißen. Anschließend unterstützt sie Wasim. Der junge Mann, der 2017 aus Syrien kam und jetzt gerade in Kaiserslautern sein Fachabitur macht, hat zum Lerncafé seinen kleinen Bruder (6) mitgebracht, der dringend Deutsch lernen müsse, weil er nächstes Jahr eingeschult wird. „Zu Hause sprechen wir nur Arabisch“, erklärt der 21-Jährige.

Sind engagiert im Lerncafé in Grünstadt, von links: der neue Leiter Harry Hellfors, Katja Leyendecker, die bisherige Leiterin Do
Sind engagiert im Lerncafé in Grünstadt, von links: der neue Leiter Harry Hellfors, Katja Leyendecker, die bisherige Leiterin Doris Best und Hausherr Burhart Braunbehrens.

Best, die weiterhin unentgeltlich mithelfen wird, kümmert sich derweil um einige Afghanen. Suraya, eine zweifache Mutter, die seit 2021 hier ist, könne schon recht gut lesen, lobt die Lehrerin. Noch ganz am Anfang stehen Khudai (47) und seine zwei Jahre jüngere Frau Saira. Mit großer Geduld versucht Best den dreien das Schrifbild und die Aussprache der verschiedenen Buchstaben beizubringen. „Das ist ein großes M und dies ist ein kleines“, erklärt sie und spricht sehr deutlich und langsam vor: „Mama, Mund, Milch.“ Einen Augenblick später geht es um das Deklinieren von Verben.

Für den Neuen muss erst Material besorgt werden

Güvenc versteht kein Wort. Für den aus der Türkei stammenden 37-Jährigen, der erstmals den Weg ins Lerncafé gefunden hat, muss Best noch ein passendes Lehrbuch oder Übungsheft besorgen. Heute kann sie ihn nur vertrösten. An einem Tisch weiter hinten trainiert das afghanische Ehepaar Mohammed Ali und Sabera das Schreiben einzelner lateinischer Buchstaben.

Hin und wieder erscheinen auch Deutsche im Lerncafé, so wie Dominik. Der 33-Jährige hat Probleme mit der Rechtschreibung und würde in dem Bereich gern besser werden. Hellfors hat spezielle Übungszettel für ihn vorbereitet. „Der Morgen wird groß geschrieben, morgens aber klein“, erläutert er seinem Schützling.

Yahya schreibt ein Diktat

Der Syrer Yahya (26) ist erst im Oktober 2022 immigriert und beherrscht die Sprache seiner neuen Heimat schon recht gut. „Den B1-Schein hab ich bereits im März 2023 gemacht“, erzählt er. Demnächst möchte er die Prüfung auf B2-Niveau absolvieren. „Ich bin aber schriftlich nicht so gut“, sagt er selbstkritisch. Der ehrenamtliche Helfer Horst A. Bruder bittet ihn zum Diktat. Anschließend soll Yahya Fragen zum Inhalt beantworten.

Im Lerncafé wird aber nicht nur stur gelernt. Hin und wieder geht’s auch auf einen gemeinsamen Ausflug. „Nächste Woche wollen wir uns die Bienen von Harry anschauen“, kündigt Best an. Hellfors hält Völker der fleißigen Honigproduzenten auf dem Gelände der Alten Papierfabrik in Ebertsheim. Auch Leyendecker ist Hobbyimkerin, wie sie verrät.

Zwanglose interkulturelle Zusammenkünfte mit Lerneffekt hat es dreimal wöchtentlich im Begegnungscafé in der Stadtmission gegeben. „Ich erinnere mich an eine mehrfache Mutter, die jedes Mal mit ihren kleinen Kindern von Kindenheim nach Bockenheim gelaufen ist, um mit dem Zug nach Grünstadt zu fahren“, so Best über eine Afghanin, die später einen Integrationskurs besuchte und 2023 die A2-Prüfung bestanden hat. Leider existiere das während der großen Flüchtlingswelle 2015/16 gegründete Begegnungscafé nicht mehr. Aber es gebe Ersatz: an jedem zweiten und vierten Mittwoch im Monat den Spiel-Sprach-Treff im katholischen Pfarrheim in Grünstadt.

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