Kolumne: Ich sag’s mal so Formicula oder die Großen sieht man wenigstens gleich
Ich bin Jahrgang 1969, und wer ebenfalls so um diesen Schirm rum geboren ist, erinnert sich vielleicht an „Formicula“, einen Schwarz-Weiß-Film aus den 50ern, in dem es um mutierte Riesenameisen geht, die in der Wüste New Mexicos Menschen abmurksen, mit Riesenmengen an Ameisensäure, versteht sich.
Dahinter stecken Experimente mit Atombomben, und das alles ist sehr, sehr unerfreulich, vor allem für die Menschen, aber auch für die Ameisen, die ja nichts dafür können, dass sie vor lauter Verstrahlung so enorm gewachsen sind. Und eins muss man an dieser Stelle jetzt auch mal sagen: Die Insekten aus „Formicula“ sah man wenigstens gleich, schon aus hundert Metern Entfernung, sobald ihr mords Kopf mit den haarigen Fühlern dran am Horizont erschien. Das ließ den Menschen zumindest theoretisch Zeit zur Flucht.
„Sandalica“ auf der Straße zum Mülleimer
Abseits von Tiermutantenhorrorfilmen ist es so, dass Ameisen einem eher zu schaffen machen, eben weil sie so klein sind wie sie ohne Atombombeneinwirkung nun mal sind. Dann bemerkt man sie nämlich nicht umgehend, sondern erst, wenn sie sich bereits kleine Sträßchen von der Balkontür zum Mülleimer in der Küche eingerichtet haben. Sie sind da ja recht zielgerichtet und pedantisch, die Ameisen, nie weichen sie von der Straße ab, höchstens mal, wenn ein Riesenschuh von oben auf sie herab zu klatschen droht. Hätten Ameisen Horrorfilme, würden die vielleicht „Sandalica“ oder so heißen. Aber das nur am Rande.
Was ich sagen will: Sind die normal großen Ameisen erst mal in der Küche, ist das Geschrei nicht wesentlich leiser als wenn sich die XXL-Varianten aus „Formicula“ mit ihren fiesen Zirplauten dem Wohnbereich nähern. Mir ist klar, dass von herkömmlichen Straßenameisen keine Todesgefahr ausgeht, aber einigermaßen eklig ist es schon, wenn Kolonnen solcher Krabbeltiere ungebeten einziehen. Backpulver, ich brauche Backpulver, ganz viel Backpulver, ist da der erste Gedanke. Nicht, um den Tierchen einen Welcome-Kuchen zu backen, sondern weil sie sterben, wenn sie Backpulver fressen.
Winzige Mumien? Bitte nicht!
Wobei sterben nicht der richtige Ausdruck ist, krepieren beschreibt es besser. Nein, sie explodieren nicht, wie einem immer weisgemacht wird. Das ginge ja wenigstens schnell. Es ist vielmehr so, dass wegen des Backpulvers in der Ameise Kohlenstoffdioxid entsteht, was den Tod durch Austrocknen mit sich bringt. Das haben die Ameisen nicht verdient, sie meinen’s ja nicht böse, und es gibt sie ja auch in sehr süßen Varianten, etwa bei der Biene Maja, diese kleine, disziplinierte Armee mit ihrem Oberst Paul Emsig an der Spitze. Nein, wirklich, diese drolligen Tierchen sollen nicht bei lebendigem Leib austrocknen. Auch ist der Gedanke, dass nachher lauter winzige Mumien in der Küche rumliegen, sehr unangenehm.
Zum Glück gibt’s Babypuder. Wirklich wahr jetzt, Babypuder ist eine 1-A-Ameisenabwehr. Einfach auf ihre Straße streuen, das verwirrt die Ameisen wegen des Geruchs so sehr, dass sie umgehend das Weite suchen und sich nicht mehr blicken lassen. Auch nicht feine englische Art, aus Sicht der Ameisen, aber hey, immer noch besser als Austrocknen, meint ihr nicht auch?! Na also. Ich bin jedenfalls zufrieden mit der Lösung.
Ich denke auch, dass, hätten sie bei „Formicula“ große Mengen an Babypuder zum Einsatz gebracht, der Film ganz anders ausgegangen wäre. So muss das Militär den unterirdischen Ameisenbau in den Abwasserkanälen mit Flammenwerfern vernichten. Zwei Königinnen entkommen aber, und so endet dann der Film, und man meint noch Wochen später, herannahende Horror-Zirp-Geräusche zu hören.
Hat Joan Collins Backpulver benutzt?
Der Babypuder-Hack hätte bestimmt auch Joan Collins gerettet, die sich 1977 als verschlagene Immobilienmaklerin Marilyn Fryser „In der Gewalt der Riesenameisen“ befand. Sie hat es aber offensichtlich auch irgendwie anders aus der Patsche geschafft, denn in den 80ern spielte sie ja dann auch noch das Biest Alexis Colby im „Denver-Clan“. Möglicherweise hat sie sich mit Backpulver aus der Gewalt der Riesenameisen befreit. Immerhin trug Joan Collins früher gerne mal Pelz, was die Vermutung nahe legt, dass ihr das Schicksal austrocknender Ameisen völlig schnuppe ist. Das ist aber pure Spekulation.