Leiningerland
Drogen-Lagerist kommt mit Bewährung davon: So begründet das der Richter
Er werde ihn in ein Heim für Schwererziehbare in Sibirien stecken: Damit, sagt der Angeklagte, habe ihm sein Vater gedroht, als er zwölf Jahre alt war. Also sei er lieber abgehauen, von Heim zu Heim gezogen. Und auf die schiefe Bahn geraten: Diebstahl, Körperverletzung, Drogen. „Das ging jahrelang weiter“, sagt der mittlerweile 35-Jährige. Auf den rechten Weg zurückgefunden hat er demnach erst 2024, als ihn die Justiz erstmals ins Gefängnis stecken wollte.
Das Leiningerland verlassen
Denn da entschied er sich für das Modell „Therapie statt Strafe“. Und er zog weg aus dem Leiningerland, um die Verbindung ins lokale Drogenmilieu zu kappen. Mittlerweile lebt er in der „Clean-WG“ eines katholischen Sozialdiensts, in der sich die Bewohner gegenseitig beim Verzicht auf Suchtstoffe unterstützen. Und er beweist in regelmäßigen Tests, dass er tatsächlich kein Rauschgift mehr nimmt. Doch seiner Vergangenheit muss er sich trotzdem stellen.
Unter dem Codenamen Blitzbach war der 35-Jährige etwa ein Jahr lang Handlanger eines Dealers, der Rauschgift kiloweise in den Raum Grünstadt-Frankenthal bringen ließ und dann weiterverkaufte. Eingefädelt wurden diese illegalen Deals über Messenger-Dienste, die wie Whatsapp für Kriminelle funktionieren: Texte, Sprachnachrichten, Fotos und Videos ließen sich dort so einfach übermitteln wie in gängigen Chat-Systemen. Nur besser abgeschirmt sollte alles sein.
Vom FBI gekapert
Zunächst nutzten der Leiningerland-Dealer und seine Helfer den Service Encrochat, doch Anfang 2020 knackten französische Ermittler dessen Server. Also wechselten die Kriminellen den Anbieter, verwendeten nun ein System namens Anom. Das allerdings war längst vom FBI gekapert. Die US-Ermittler hatten es seinem Entwickler gegen Straferlass abgenommen und in eine Falle verwandelt, in die Drogen- und Waffenhändler aus aller Welt tappten.
Dem Boss der Gruppe aus dem Raum Grünstadt haben die so gesammelten Beweise unterm Strich gut neun Jahre Haft eingebrockt, bei seinem einstigen Kurierfahrer summieren sich die Strafen mittlerweile zu knapp drei Jahren Gefängnis. Bleibt noch der Mann, der sich Blitzbach nannte und sich nun ebenfalls vor dem Landgericht in Frankenthal verantworten muss. Dort sagt er: Bei der Dealertruppe hat er mitgemacht, weil er eigenen Rauschgift-Konsum finanzieren musste.
Deal mit den Richtern
So wurde er zu dem, was im Szenedeutsch Bunkerhalter heißt: ein Rauschgiftverwalter, der Drogen bei sich lagert und nach Kundenwunsch zusammenstellt. Sein Grünstadter Verteidiger Jan Moritz Metzger will ihn davor bewahren, dass er deshalb nun doch noch hinter Gittern landet. Eine entsprechende Vorvereinbarung hat er mit den Frankenthaler Richtern bereits eingefädelt. Und an die halten sie sich nun auch, als sie ihr Urteil über den 35-Jährigen fällen.
Wegen juristischer Formalitäten bekommt er zwei Strafen: einmal ein Jahr und zehn Monate, einmal zwei Jahre – beides auf Bewährung. Selbstverständlich war das nicht, sagt ihm der Vorsitzende Richter. Er erinnert an die Vorstrafen des Angeklagten. Und daran, dass es um Drogenhandel in ziemlich großen Stil ging: „Sie fahren extrem gut mit diesem Ergebnis.“ Aber der vormalige Rauschgift-Lagerist habe eben einen „sehr aufgeräumten und abgeklärten Eindruck“ gemacht.
„Sie haben nicht viel Luft“
Was hingegen Gefängnis für den Angeklagten bedeutet hätte, beschreibt der Richter so: „Wir reißen Sie raus, Sie bleiben ein paar Jahre im Knast – und kommen dort auf dumme Ideen.“ Zugleich warnt er den 35-Jährigen eindringlich vor jedem weiteren Fehltritt: „Sie haben nicht viel Luft.“ Wenn er doch noch einmal bei Straftaten erwischt werde, werde er „relativ lange“ in Haft landen. Der Jurist mahnt: „Die Konsequenzen wären verheerend. Wir können Ihnen nur die Daumen drücken.“