Grünstadt / Frankenthal
Vom FBI überführt: Außergewöhnliche Gnaden-Bitte für Pfälzer Dealer
Meistens schaut der 37-jährige Angeklagte im Gerichtssaal drein, als kämen ihm gleich die Tränen. Immerhin führt er allem Anschein nach inzwischen das Leben eines fleißigen, sparsamen und ehrbaren Familienvaters, dessen Frau gerade das nächste Kind geboren hat. Vor ein paar Jahren aber verdiente er sich Geld als Drogenkurier dazu. Eine erste Strafe dafür hat ihn bereits 2022 ereilt, da verurteilten ihn Frankenthaler Richter zu zwei Jahren Haft – noch gerade so auf Bewährung. Und mittlerweile weiß die Justiz von weiteren Rauschgift-Deals.
Wie Whatsapp für Kriminelle
Also muss der 37-Jährige nun ebenso mit einem Straf-Nachschlag rechnen wie sein einstiger Dealer-Chef, der nun zum zweiten Mal neben ihm auf der Anklagebank sitzt. Für diesen 35-Jährigen aus dem Leiningerland allerdings sind die Folgen wohl weniger einschneidend. Als Haupttäter ist er bereits zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Die sitzt er, weil er selbst drogensüchtig ist, in einer Entzugsklinik ab. Der neue Prozess bedeutet für ihn demnach, dass er dort noch etwas länger bleiben wird und sich für ihn einstweilen Lockerungen wie Ausgänge verzögert haben.
Sein einstiger Kurier hingegen läuft nun Gefahr, dass er aus dem Leben eines fleißigen, sparsamen und ehrbaren Familienvaters mit neugeborenem Kind doch noch herausgerissen wird und hinter Gittern landet. Denn er und sein Komplize sind in eine Falle getappt, die US-Ermittler aufgestellt hatten. Eingefädelt hatten die Pfälzer Dealer ihre illegalen Geschäfte über Messenger-Dienste, die wie Whatsapp für Kriminelle funktionieren: Texte, Sprachnachrichten, Fotos und Videos ließen sich da ebenso einfach übermitteln wie in gängigen Chat-Systemen.
Messenger vom FBI betrieben
Nur sollte die Kommunikation dank Verschlüsselung und weiterer Abschirm-Mechanismen viel besser vor Strafverfolgern geschützt sein. Zunächst nutzten die Dealer aus dem Raum Grünstadt-Frankenthal die Dienste des Anbieters Encrochat, doch Anfang 2020 knackten französische Ermittler dessen Server. Was dort über ihre Rauschgiftgeschäfte zu lesen war, hat den Pfälzern die schon verhängten Strafen beschert. Doch ehe sie im Juni 2021 festgenommen wurden, waren sie für ein paar Monate noch zu einem neuen Anbieter gewechselt.
Der wiederum hieß Anom. Und um dort mitzulesen, mussten Strafverfolger noch nicht einmal mehr Server knacken. Die US-Bundespolizei FBI hatte den kriminellen Entwickler der neuen Plattform bereits frühzeitig aufgespürt und ihm sein System gegen Straferlass abgenommen – um es weiterzubetreiben und so Drogen- und Waffenhändler aus aller Welt auffliegen zu lassen. Im Fall des Leiningerland-Dealers und seines Kuriers allerdings kommen die weitergereichten Beweise für weitere illegale Geschäfte der Pfälzer Justiz fast schon ungelegen.
Bittschrift des Arbeitgebers
Denn der Haupttäter hat aus seiner Entzugsklinik allerbeste Bescheinigungen, der neue Prozess stört da eher den Ablauf. Und mit selbstkritischen Aussagen über seine Drogenkarriere sowie die bleibende Rückfall-Gefahr beeindruckt er im Gerichtssaal auch die Vorsitzende Richterin Mirtha Hütt. Dem vormaligen Kurierfahrer wiederum bescheinigt dessen Bewährungshelferin, dass er mittlerweile das Leben eines fleißigen, sparsamen und ehrbaren Familienvaters führt. Anders gesagt: Sie findet, dass Knast ihm inzwischen eher schaden als nützen würde.
Außergewöhnlich ist, dass sich für den 37-Jährigen noch ein weiterer Fürsprecher zu Wort meldet. Sein Arbeitgeber hat sich mit einer Art Bittschrift ans Gericht gewandt. In der steht: Dieser Mann hat einen Energietechnik-Job, für den sich nur mit viel Mühe Personal auftreiben lässt. Denn er erfordert viel Fachwissen, zwingt aber auch zu harter körperlicher Arbeit. Der Angeklagte nehme das auf sich, sei dabei äußert zuverlässig und denke mit. Kurzum: Die Justiz möge es bitte vermeiden, diesen für die Firma nahezu unersetzlichen Mitarbeiter hinter Gitter zu stecken.
Gigantische Schulden beim Staat
Doch die Richter haben keine Wahl: Sie müssen die Strafen der beiden Männer noch einmal verschärfen. Für den Haupttäter werden aus sieben Jahren daher gut neun Jahre. Und sein früherer Kurier bekommt zu seinen bislang zwei Jahren Haft noch acht Monate dazu. Bewährung ist da rechtlich nicht mehr möglich, er muss also ins Gefängnis. Als Hoffnungsschimmer für ihn bleibt einstweilen nur, dass er als Freigänger bald wenigstens tagsüber wieder das Leben eines fleißigen, sparsamen und ehrbaren Familienvaters führen könnte, dessen Frau gerade das nächste Kind geboren hat.
Außerdem muss er dem Staat nun insgesamt etwa 10.000 Euro überweisen, die er als Drogenkurier verdient hat. Womit er finanziell immer noch deutlich besser dasteht als sein einstiger Dealer-Boss: Der soll nun fast 600.000 längst ausgegebene Euro abliefern.
