Grünstadt
Chef schmeißt hin, Mitglieder treten aus: Was in der Grünstadter FWG abgeht
Bislang war er das Gesicht der Grünstadter FWG. Schließlich sitzt Johannes Adam seit 1999 im Stadtrat, er führt dort die Fraktion an und hat im Lauf dieser knapp drei Jahrzehnte gleich vier Bürgermeister erlebt. Zwischendurch ist er auch noch bei einer Europawahl als Kandidat angetreten. Und bei jeder Kreistagswahl, sagt der Inhaber einer Brand- und Arbeitsschutzfirma, haben ihn die Bürger von einem der hinteren auf einen der vorderen Listenplätze befördert. Doch mittlerweile hat er erlebt, was er als „meine Lebensenttäuschung“ bezeichnet.
Als Vorsitzender zurückgetreten
Bereits im vergangenen Oktober ist er nach etwa 25 Jahren als Vorsitzender des FWG-Ortsvereins zurückgetreten. Denn er fühlt sich an den Rand gedrängt: von jüngeren, erst in den vergangenen Jahren dazugestoßenen Mitgliedern. Und vor allem: von Natascha Bechert, die er vor sieben Jahren selbst zum Beitritt bewogen, dann gleich zu seiner Stellvertreterin gemacht und als seine potenzielle Nachfolgerin aufgebaut hat. Gefördert, sagt der 74-Jährige, hat er ihren Aufstieg unter anderem, weil er will, dass die Kommunalpolitik nicht mehr nur von Männern dominiert wird.
Außerdem hoffte er, dass die Erzieherin der FWG neue und vor allem jüngere Mitstreiter beschert. Immerhin hat er einst selbst erlebt, wie er Menschen aus seinem eigenen Umfeld zum Beitritt motivieren konnte. „Wir waren mal bis zu 74 Mitglieder“, erinnert er sich. Zuletzt hingegen waren es noch rund zwei Dutzend Leute. Und nun ist ihre Anzahl nach Angaben des neuen Vorstands auf elf geschrumpft. Denn gleich 13 Personen sind ausgetreten, nachdem Natascha Bechert bei einer Versammlung Mitte April zur neuen Vorsitzenden gewählt worden ist.
Austritte aus Protest
Bei manchen dieser Abschiede sieht die Stadt-Beigeordnete und neue FWG-Chefin keinen unmittelbaren Zusammenhang zum Abtritt ihres Vorgängers. Andere Austritte verbucht sie aber durchaus als Ausdruck des Protests gegen den Führungswechsel. Allerdings meint sie, dass es für solchen Unmut doch gar keinen Grund gebe. Schließlich sei Adam nicht weggeputscht worden, sondern habe seinen Posten von sich aus und ohne Vorwarnung geräumt. Der 74-Jährige hingegen findet sehr wohl, dass Bechert und ihre Mitstreiter ihn vorzeitig aus dem Amt geschoben hätten.
Dass er ausgebootet werde, habe ihm zum Beispiel ein Ortswechsel gezeigt. FWG-Sitzungen sollten plötzlich nicht mehr bei ihm in der Firma stattfinden. Obwohl sie dort schon seit Jahrzehnten stattfanden. Und obwohl es bei ihm doch alles gab, was für solche Treffen gebraucht wird: Kaffeemaschine, Kopierer, Konferenzraum. Bechert hingegen beteuert, dass sich der Umzug ins Weinstraßen-Center nicht gegen ihren Vorgänger gerichtet habe: Das neue und neutralere Umfeld sollte die Hemmschwelle für Interessenten und mögliche Neumitglieder senken.
Streit vor der Bürgermeisterwahl
Doch Adam führt noch ein weiteres einschneidendes Erlebnis an. Er berichtet von einem handfesten Konflikt wegen der Grünstadter Bürgermeisterwahl im Juni 2025. Unmittelbar vor diesem Urnengang hätten vor allem die jüngeren Mitglieder dafür plädiert, den CDU-Kandidaten Mimmo Scarmato offiziell zu unterstützen. Politisch wäre das auch durchaus naheliegend gewesen. Schließlich hatten die Freien Wähler keinen eigenen Kandidaten aufgestellt, und im Rat haben sie sich ohnehin mit den Christdemokraten und der FDP zu einer Koalition verbündet.
Adam allerdings war trotzdem gegen eine offene Allianz mit dem späteren Wahlsieger. Er sagt: So kurz vorher wäre die Parteinahme unfair gegenüber dem SPD-Kandidaten Christoph Spies gewesen. Und damit hat er sich auch durchgesetzt. Die Scarmato-Freunde in der FWG begnügten sich schließlich damit, ihren Favoriten als Privatpersonen etwa beim Plakate-Aufhängen zu unterstützen. Beschädigt fühlte sich der FWG-Frontmann hinterher trotzdem: „Ich hab’ da mächtig Ärger gekriegt.“ Außerdem sagt er: „Vielleicht hat man heute einfach weniger Respekt.“
Adams Messlatte für die Nachfolgerin
Bechert hingegen glaubt, dass die Freien Wähler gerade einen klassischen Generationenkonflikt durchlaufen: Die jüngeren Mitglieder wollten manches eben anders machen als die älteren. Das sei normal – so wie es normal sei, dass sich die Älteren damit dann schwertun tun. Deren Erfahrung bleibe wertvoll. Aber die Grünstadter FWG sei nun dafür gerüstet, moderner zu werden. Und vor allem: wieder neue Mitglieder zu gewinnen. Dass dies nun das oberste Ziel sein muss, findet auch Adam. Und deshalb will er den neuen Vorstand genau daran messen.
Der Ex-Vorsitzende sagt: Wenn Bechert und ihr Team da Erfolge erzielen, soll ihm das recht sein. Falls sie hingegen scheitern, sähen er und die alte Garde sich erneut in der Pflicht: Dann würden die Ausgetretenen wieder eintreten und so die internen Mehrheiten verschieben. Denn dann könnten sie, zum Beispiel, den Mann zurück an die Spitze wählen, der schon seit Jahrzehnten das Gesicht der Grünstadter FWG war.
Vorstand
Vorsitzende: Natasche Bechert, Stellvertreter: Sandra Klein-Hoffmann und Christian Mohr, Kassenwart: Harald Kreiselmaier, Schriftführer: Karlheinz Schneider.