Frankenthal Wie die Stadt bei seelischen Erkrankungen helfen kann
Seelische Erkrankungen sind auf dem Weg, eine Volkskrankheit zu werden. Beträchtliche volkswirtschaftliche Auswirkungen haben sie allemal. Nach Angaben der Online-Plattform Statista hat die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Diagnosen 2024 einen neuen Höchststand erreicht. Mit durchschnittlich 342 Tagen je 100 Versicherten stieg sie gegenüber dem Vorjahr um rund sechs Prozent, über einen Zehn-Jahres-Zeitraum um fast 45 Prozent. Psychische Erkrankungen sind damit der dritthäufigste Grund für einen Ausfall am Arbeitsplatz.
Solche Konsequenzen aus Depressionen, Ängsten, Süchten oder Anpassungsstörungen haben mittlerweile auch die Politik auf den Plan gerufen. In Rheinland-Pfalz regelt ein Landesgesetz Hilfen bei psychischen Erkrankungen. Dazu zählt nicht nur die Unterbringung und adäquate Behandlung Erkrankter, sondern ein Bündel präventiver und begleitender Maßnahmen. In Frankenthal koordiniert seit einem Jahr Jacqueline Zipperle diese Stelle für Gemeindepsychiatrie. Die Aufgaben der Heilpraktikerin für Psychotherapie sind fast zu viele für eine Teilzeitstelle, die zuvor Melanie Krebs innehatte.
Abgewertet und belächelt
Zum einen koordiniert sie das Netzwerk aller relevanter Versorger, von Tageskliniken und Ambulanzen über Psychotherapeuten und Beratungsstellen bis hin zu Vereinen und Selbsthilfegruppen. Zum anderen organisiert und begleitet die Karlsruherin die Aktivitäten in diversen Gremien, etwa dem Beirat für psychische Gesundheit, der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft Vorderpfalz, dem Bündnis seelische Gesundheit oder dem Frankenthaler Symposium der Sozialpsychiatrie. Schließlich plant sie abwechselnd mit Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis den Tag der seelischen Gesundheit und die regelmäßigen Termine der fünfköpfigen Besuchskommission in Versorgungseinrichtungen.
Alle Bemühungen eint Zipperles Strategie, die psychiatrische Versorgung auszubauen und zu optimieren. Mindestens genauso wichtig ist ihr die Aufklärung und Sensibilisierung Außenstehender. „Während Menschen mit einer körperlichen Erkrankung tendenziell eher Mitgefühl erfahren, wird eine psychische nach wie vor oft abgewertet, überspielt und belächelt“, so ihre Erfahrung. Die Folge: Betroffene entwickelten aus dieser Stigmatisierung heraus oft eine Scham und Gefühle der Wertlosigkeit. Kinder aus solchen Familien seien überfordert, weshalb beispielsweise auch die organisatorische Begleitung einer Eltern-Kind-Gruppe zu Zipperles Aufgaben zählt.
Tag der seelischen Gesundheit in Frankenthal
„Vielen ist gar nicht bewusst, dass eine seelische Erkrankung ein genauso schwerer Schicksalsschlag ist wie eine körperliche. Sie kann jedem von uns jederzeit widerfahren.“ Die eine könne die andere zur Folge haben: Wer etwa an Demenz erkranke, könne womöglich von einer Depression erfasst werden. Patienten hätten eine gezielte Behandlung verdient. Ängste, Vorurteile und Überforderungen in der Bevölkerung will die studierte Biologin, die am Krebsforschungszentrum in Heidelberg promoviert hat, mit Netzwerken und Öffentlichkeitsarbeit abbauen. „Unabhängig von der Spirale aus Armut und Einsamkeit, in die Betroffene zu fallen drohen, steigen die Kosten für die Allgemeinheit umso höher, je später die Begleitung oder Behandlung beginnt“, warnt sie.
Am 8. November ist Frankenthal wieder Ausrichter des Tags der seelischen Gesundheit. Dann will die Psychiatriekoordinatorin das Augenmerk auf eine der neueren Süchte lenken: den Medienkonsum. Im Gegensatz zu stoffgebundenen Abhängigkeiten, etwa von Alkohol, Medikamenten oder Nikotin, zählt dieser zu den tendenziell unsichtbaren, sogenannten stoffungebundenen Süchten, so wie etwa chronischer Kaufrausch oder stundenlanges Zocken am PC. Beunruhigend: Mit den Lockdowns während der Pandemie seien davon auch vermehrt Kinder und Jugendliche in einem bedenklichen Maß betroffen.
Dieser Trend schreckt Zipperle nicht ab. Die Psychoonkologin sieht das Glas vielmehr halb voll. „Insgesamt macht Frankenthal schon viele Angebote an psychisch erkrankte Menschen“, dankt sie in Richtung ihres Vorgesetzten Bernd Leidig (SPD). Für den die „Koordinierungsstelle für Gemeindepsychiatrie“ mehr ist als eine weitere auferlegte Pflichtaufgabe des Landes.
Kontakt
Koordinierungsstelle für Gemeindepsychiatrie, Telefon 06233 89948, E-Mail: jacqueline.zipperle@frankenthal.de