Frankenthal
Verwaiste Ihr Platz-Filiale: Die Fassade ist schon mal hergerichtet
Eine Illusion ist geplatzt, als ich seinerzeit auf dem Außengelände des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln die Gelegenheit hatte, die „Lindenstraße“ entlang zu flanieren. Die Häuserzeile auf der einen Seite, das Restaurant „Akropolis“ und der Supermarkt auf der gegenüberliegenden Seite, das „Astor“-Kino an der Stirnseite – alles nur Fassade, von Holzlatten gestützte Aufsteller. Wer in der Kult-Soap genau darauf achtete, hat auch nie einen Schauspieler durch die Eingangstür des Hauses mit der Nummer 3 gehen sehen, er wäre gegen eine Pressspanplatte gelaufen. Stattdessen griff die Regie zum Gegenschnitt von der Innenseite, gedreht in den Kulissen in einer der WDR-Produktionshallen.
Gedanken an ein solches Potemkin’sche Dorf werden wach beim Betrachten des Bildes, das die Pressestelle der Mitteilung zur Verzierung eines Schandflecks in der Innenstadt angefügt hat. Rechtzeitig zum Strohhutfest kann Oberbürgermeister Nicolas Meyer (FWG) Vollzug melden beim Projekt, eine Ladenfront wenigstens teilweise zu verhüllen, die seit gut sechs Jahren zusehends verfällt und von Tauben zum Nistplatz auserkoren worden ist. „Durch die Beklebung mit hochwertiger Schaufensterfolie und farbenfrohen Motiven erstrahlt sie in neuem Glanz und zieht die Aufmerksamkeit auf sich“, schreibt die PR-Abteilung der Verwaltung zu einer Aufnahme des verhüllten Schaufensters der früheren „Ihr Platz“-Filiale in der Bahnhofstraße.
Echter Blickfang?
Darauf zu sehen sind der OB in schneeweißen Sneakern und Projektkoordinatorin Julia Gandyra von der städtischen Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Standortentwicklung und Tourismus. Sie posieren vor einem Ausschnitt der Verkleidung, laden dazu ein, in Frankenthal zu feiern und die Stadt zu entdecken. Ersteres lässt sich ganz prima, wie die Strohhutfesttage wieder eindrucksvoll zeigen. Und damit dem flanierenden Besucher vor der ersten Weinschorle beim zufälligen Blick auf die heruntergekommene Fassade nicht die Kinnlade herunterfällt, hat das Stadtmarketing vorgesorgt und ansehnliche Farbtupfer auf die zuvor weiß verschalten Wände gesetzt.
„Für Bewohner und Besucher ist die Gestaltung ein echter Blickfang“, meint der OB. Na ja, wie man’s sieht: Aus der Perspektive des Hoffotografen sieht die Fassade mit den Infotafeln und weiterführenden QR-Codes ganz adrett aus. Von rechts ragt auch noch ein mobiler Pflanzkübel ins Bild, der der versiegelten Szenerie eine natürlich-grüne Note verpasst.
Ball im Feld des Eigentümers
Aber geht man nur ein paar Schritte zurück, zeigt sich ein anderes Bild: Die Eingangstür zum früheren Drogeriemarkt ist nach wie vor mit Pressspanplatten zugenagelt, im betonierten Vorsprung zwischen Erdgeschoss und erstem Stock zwängen sich Tauben zwischen die Spikes durch. Das benachbarte einstige Ladengeschäft entspricht voll und ganz dem Klischee einer Bruchbude. Wie es drinnen aussieht, lässt sich beim Blick durch das blinde Fensterglas erahnen.
Nicht schön, räumt Meyer ein. Aber in beiden Immobilien seien nun mal die Eigentümer in der Pflicht, aus einer stillstehenden Baustelle eine nutzbare Fläche zu machen. Umzugspläne der DM-Drogeriemarktfiliale quasi um die Ecke von der Speyerer in die Bahnhofstraße hatten sich nach längeren Verhandlungen zerschlagen. „Die Eigentümer sind nun am Zug, die notwendigen Investitionen zu ergreifen. Dabei unterstützen wir nach Kräften.“ Ein Anfang ist jetzt schon mal ohne die Besitzer gemacht. Ein Innenstadtplan und knifflige Fragen zur Stadtgeschichte sind außen aufgedruckt. Auf einer Schaufensterfront kann man „Kultur in Frankenthal“ erleben und per QR-Code weiter erkunden, auf der zweiten verweist die Stadt auf ihren Festkalender.
Frankenthaler Minions
Das Beste kommt aber zum Abschluss: eine „Social Media Wand“ mit ganz vielen niedlichen Strohhutfestmännchen. „Bürger können ihre Liebe zu Frankenthal zum Ausdruck bringen, indem sie sich davor fotografieren und ihre Bilder unter dem Hashtag #Frankenthal über die sozialen Medien teilen“, animiert die Stadtverwaltung. Wenn man sich ganz eng zwischen diese putzigen Männchen stellt und diese dann einen fröhlichen Bilderrahmen bilden, dann fällt dem Betrachter des Souvenirs aus Frankenthal in der großen weiten Welt gar nicht auf, dass keine zwei Meter weiter gähnende Leere hinter den Mauern herrscht. Wenn er nicht so genau auf den Schnappschuss schaut, fallen ihm auch die Blasen nicht auf, die die aufgeklebte Fotowand an der einen oder anderen Stelle bereits wirft.
Vom OB ist noch kein Foto zwischen den Frankenthaler Minions bekannt. Der hat für seinen Gruß die Wand „Frankenthal feiert“ bevorzugt.