Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Sankt Paul/Luthergemeinde: Ökumenischer Chor wird zum Projektchor

Mit Wehmut: Die Sängerinnen und Sänger bei der letzten Probe vor dem letzten Auftritt des Ensembles.
Mit Wehmut: Die Sängerinnen und Sänger bei der letzten Probe vor dem letzten Auftritt des Ensembles.

Nach 60 Jahren soll sich ein Chor transformieren statt zu sterben. Ein Experiment, das die Sänger und Sängerinnen von Sankt Paul und Luthergemeinde mit Spannung erwarten.

Es wird ein ganz besonderer Gottesdienst am kommenden Sonntag: Zum letzten Mal werden die Sängerinnen und Sänger als ökumenischer Chor in der Lutherkirche ihre Stimmen erheben. Stimmungsbild der letzten Probe: Die 13 Choristen wirken nachdenklich. Notenblätter richten, das traditionelle Aufwärmen der Stimmbänder mit vokalreichen Markennamen wie Toyota und Fenjala – die Routine vieler Jahre bekommt eine neue Bedeutung. Denn den Chor in seiner jetzigen Konstellation wird es nicht mehr geben. Nach der Idee von Chorleiterin Eva Decker soll er sich zum Projektchor transformieren. „Ein Ende kann auch ein neuer Anfang sein“, sagt sie.

Die wöchentlichen Proben sind Geschichte. Stattdessen plant Decker Chorprojekte, bei denen die Sänger des bisherigen Chors zusammen mit Interessierten auftreten. Geprobt wird dann jeweils einige Male vor einem Konzert. Erste Termine hat die Musikerin bereits anvisiert: Premiere ist am Karfreitag in der Lutherkirche – mit Chorälen aus Bach-Passionen. Im September sollen in der Friedenskirche Kantaten von Dietrich Buxtehude und im Dezember in der Lutherkirche moderne Kirchenmusik erklingen.

Info

Wer im Projektchor mitsingen möchte, wendet sich per E-Mail an volkeva98@web.de Chorleiterin Eva Decker. Der letzte Auftritt des ökumenischen Chors ist am Sonntag, 18. Januar, 10.30 Uhr, in der Lutherkirche, Bohnstraße 16.

„Wurden immer weniger“

Der Grund für die Auflösung des Ensembles: „In den letzten Jahren wurden wir, vor allem aus Altersgründen, immer weniger“, sagt die Chorleiterin, die mit Sorge das Aussterben von Kirchenchören in der Stadt betrachtet. Übrig geblieben sind nur der Chor der Zwölf-Apostel-Kirche und der Chor St. Ludwig sowie der ökumenische Chor in der Carl-Bosch-Siedlung, den sie nun als saisonales Projekt fortsetzen möchte. Dazu hat Decker bereits Verstärkung bekommen: In der Pandemie hatten in der Lutherkirche Eltern zur Konfirmation gesungen. Das Ensemble blieb zusammen, als Gemeinsam-anders-Chor, der bei den gleichnamigen Gottesdiensten in Luther- und Friedenskirche auftritt.

Als „Zeichen der Zeit“ beschreibt Decker die Umwandlung des Ensembles zum Projektchor. „Die Leute wollen sich nicht mehr langfristig binden und regelmäßig proben. Sie sind beruflich stark eingespannt“, erläutert sie. Dass der Probenbetrieb nun wegfällt, sei für die Älteren bedauerlich. Für sie seien die Treffen ein Ankerpunkt der Geselligkeit gewesen.

Im Rückblick erinnert sich der ökumenische Chor an zahlreiche Anekdoten. An den Klassiker – die fieberhafte Suche nach den Noten. An die Stilblüten ihrer Schüler, die Decker als Grundschullehrerin zum Besten gab. Etwa deren Abwandlung des Kirchenliedes „Herrscher der Heerscharen“ zu „Herrscher der Haarscheren“. Deckers Bitte, beim Singen zu lächeln, kam so häufig, dass der Chor ihr ein Hemd mit einem Smiley drauf schenkte. Was wiederum sakrale Fröhlichkeit in die Choräle zauberte.

Mit Schampus zur Probe

Wer die Generalpause verpatzte, sollte eine Flasche Sekt spendieren. Tatsächlich sei ein schuldbewusster Sänger einmal mit Schampus zur Probe gekommen, erinnert sich Decker. Sang jemand eine falsche Note, sagte sie mit pädagogischem Humor: „Klingt hübsch. Wir machen es aber lieber so, wie es sich der Komponist ausgedacht hat.“ Zwischen den Liedern gab es immer wieder lebhafte Diskussionen über Politik. Zuletzt war unter den Senioren – die älteste aktive Sängerin feiert bald 90. Geburtstag – das soziale Jahr für Rentner ein Gesprächsthema. Und sorgte bei den Großmüttern, die ihre Enkel unentgeltlich betreuen, für Protest.

Der Rückblick auf die Chorgeschichte reicht bis zu den Anfängen der Carl-Bosch-Siedlung zurück: Die Lutherkirche machte 1966 mit dem von Uta Hussong ins Leben gerufenen Ensemble den Anfang, die Paulaner folgten ein Jahr darauf dem Aufruf von Herbert Toussaint und Nikolaus Drescher und gründeten ihren Chor. Fast ein halbes Jahrhundert sangen die Chöre getrennt in ihren Kirchen. Bis sich 2012 die Ensembles zum ökumenischen Chor zusammentaten, auch damals fehlte es schon an Nachwuchs. Wie gut die sangesfreudigen Protestanten und Katholiken harmonierten, zeigt sich an einem Detail: Die Notenmappen vor der Fusion hatten dieselbe rote Farbe. Da die Mappen der Luthergemeinde handlicher waren, setzten sie sich durch.

Übernommen wurden Traditionen beider Gemeinden – ab sofort gab es die Adventsmusik bei Kerzenschein von Sankt Paul und das Sommerkonzert mit Abendsegen der Lutherkirche. Auch von der Pandemie ließen sich die Sänger nicht stoppen. Sie sangen in Decken eingehüllt im Freien oder in der unbeheizten Lutherkirche. Rund 200 Auftritte in verschiedenen Kirchen der Stadt hat es seit den 1960er-Jahren gegeben. Mit dem Projektchor wird nun ein neues Kapitel Frankenthaler Kirchenmusikgeschichte aufgeschlagen.

Anmerkung der Redaktion

In der ursprünglichen Fassung des Textes war die Rede davon, dass es mit dem Chor der Zwölf-Apostel-Kirche und dem ökumenischen Chor in der Carl-Bosch-Siedlung nur noch zwei Kirchenchöre in der Stadt Frankenthal gebe. Das ist aber nicht ganz richtig. Denn es gibt auch noch den Kirchenchor St. Ludwig und damit drei Chöre. Der ökumenische Chor in der Carl-Bosch-Siedlung ist allerdings nur ein saisonales Projekt, während die beiden anderen Chöre sich regelmäßig treffen. Wir haben diesen Fehler im Text korrigiert.

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